USA Streit über Zwei-Klassen-Internet entbrannt

Der US-Kongress berät derzeit ein Gesetz, das eine bevorzugte Übertragung von Daten im Internet erlaubt, sofern die Anbieter dafür zahlen. Online-Firmen und Cyberaktivisten warnen bereits vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Netz.


Die "Freiheit des Internet" zählt zu den Glaubensgrundsätzen der weltweiten Computergemeinde. Doch wie das hehre Prinzip konkret zu verstehen ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. So tobt derzeit in den USA ein erbitterter Streit darüber, ob die Breitbandanbieter das Recht haben sollen, von Internetfirmen eine Extragebühr auf besonders schnelle Verbindungen zu erheben - wobei beide Seiten für sich reklamieren, die wahren Hüter des Internet zu sein.

IP-Telefonie: Lobbyisten wollen Maut für schnelle Datenübertragung
Arcor

IP-Telefonie: Lobbyisten wollen Maut für schnelle Datenübertragung

In dem Streit stehen sich Online-Größen wie Amazon, Ebay, Google oder Microsoft und Telekom- sowie Kabel-Giganten wie AT&T, Comcast oder Verizon gegenüber. Auslöser der Kontroverse ist ein Gesetz zur Regelung des Telekommunikationsmarktes, das derzeit im Kongress anhängig ist.

Ob Google oder Yahoo bei der Suche im Internet helfen, ob bei Amazon oder Ebay eingekauft wird - bisher lassen sich alle Seiten vom selben Nutzer in der Regel in derselben Geschwindigkeit herunterladen. Künftig aber könnte eine Seite deutlich rascher auf den Mausklick reagieren als die andere, wenn die eine Firma die Maut für die schnellere Verbindung gezahlt hat und die andere nicht.

Was den Netzbetreibern vorschwebt, sind neue Paketangebote, mit denen die Anbieter besonders breitbandiger Inhalte wie etwa Videos gegen die Extragebühr die beschleunigte Übertragung gewährt bekommen. Die Kritiker sehen dies als das Ende der klassenlosen Gesellschaft im Online-Universum.

Telekom-Firmen verweisen auf Milliardeninvestitionen

Im Kongress gibt es bereits seit Monaten ein zähes Tauziehen um die mögliche Maut. Die Senatoren Byron Dorgan und Daniel Inouye von den oppositionellen Demokraten sowie die Republikanerin Olympia Snowe haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, der unter dem Schlagwort der "Internet-Neutralität" die fortgesetzte Gleichbehandlung aller Online-Anbieter sichern soll. Den Netzbetreibern soll verboten werden, bestimmte Internet-Angebote zu "blockieren, behindern, entwerten" oder zu "diskriminieren".

Doch die meisten Republikaner sehen für eine solche Regelung keinen Bedarf. Ein Votum vergangene Woche im Justizausschuss des Senats endete mit einem Patt.

Begleitet wird der parlamentarische Streit von einer massiven Lobbyisten-Schlacht. Die Telefon- und Kabelfirmen verweisen auf ihre Milliardeninvestitionen der vergangenen Jahre in das Breitbandnetz und auf die Notwendigkeit, sich neue Finanzquellen für den weiteren Ausbau zu erschließen.

Nach den Hurrikanen von 2005 etwa habe Google nichts bezahlt, um das DSL-Netz zu reparieren, sagte der Sprecher der Telefongesellschaft BellSouth, Jeff Battcher, im "Wall Street Journal". "Wir zahlen all das." Die getrennten Fahrbahnen für die Zahler der Maut sollen den Netzbetreibern zufolge außerdem helfen, drohende Verstopfungen der Daten-Highways zu verhindern.

"Hände weg vom Internet"

Zwar zahlen Unternehmen wie Google oder Yahoo schon jetzt Gebühren, um ihre Server an das Internet anzuschließen. Offenbar reichen diese Gebühren den Netzbetreibern jedoch nicht - vor allem, seit die Website-Firmen ihren Service auf besonders datenintensive Angebote wie Filme oder komplizierte Videospiele ausdehnen.

Die Online-Firmen argumentieren in ihrer Kampagne für die "Internet-Neutralität" jedoch weniger mit den drohenden Zusatzkosten durch die Maut als mit der offenen und kreativen Kultur des Internet. Das dort geltende Gleichheitsprinzip habe es vielen Firmen ermöglicht, "sich zu konstituieren, zu wachsen und innovativ zu werden", heißt es in einer Stellungnahme der Suchmaschine Google, die sich selbst als Beispiel nennt.

Unterstützt werden Google, Yahoo und die anderen Internet-Größen von einer ungewöhnlich breiten Allianz politischer und sozialer Gruppen, die von den linken Anti-Kriegsaktivisten von Moveon.org bis zur rechtskonservativen "Christian Coalition of America" reicht.

Das Bündnis " SavetheInternet.com" (Rettet das Internet) hat mehr als eine Million Unterschriften gesammelt. Aber auch die Telekom- und Kabelfirmen verstehen sich als Gralshüter des Internet. Das Neutralitäts-Gesetz sehen sie als Beginn einer "niemals endenden Flut von Gesetzen und Regulierung". Der Name ihrer Allianz lautet: "Hände weg vom Internet."

Daniel Jahn, AFP



Forum - Zwei-Klassen-Gesellschaft im Internet?
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dgz, 04.07.2006
1. Sommerloch ?
Wird aus zwei Gründen nicht kommen. a) Es existieren enorme Überkapazitäten der Bandbreite im Internet. (Sieht man an dem enormen Preisverfall der Preise für DSL-Anschlüsse). b) Technisch ist das TCP/IP Protokoll nicht in der Lage Übertragungen zu Priorisieren. MfG Ingo
*Saskia, 04.07.2006
2. Dann in Deutschland eines Tages die 3-KLassengesellschaft dank GEZ :(
---Zitat von sysop--- Wenn Anbieter dafür zahlen, könnte es in den USA bald eine bevorzugte Übertragung von Daten im Internet geben. Highspeed fürs Business, schleichende Bits für alle anderen. Normale wirtschaftliche Überlegungen oder ein Anschlag auf die Netzkultur? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/netzwelt/technologie/0,1518,424913,00.html ---Zitatende--- Und alles zusammen dann in Deutschland wirds ab 2007 zur 3-Klassen-Gesellschaft verkommen. Dank GEZ, die sich anmaßt, Internetgebühren für PCs abzuzocken. Viele werden dann ganz auf den Internetzugang verzichten, können dann bestenfalls ins Internetcafe für ein paar Minuten, sofern sie das Glück haben, eins in der Nähe zu finden.
hiuser, 04.07.2006
3. Breitband und Spam
Das eine staendige Erweiterung der Moeglichkeiten im Internet inbesondere mit breitbandigen Angeboten (Video-Streaming, VOIP massenhaft) nicht ohne Folgen auf die Infrastruktur bleibt, war doch vorherzusehen. Einerseits kann ich die Netzanbieter verstehen, dass diese die Verursacher dieser Massen-Kommunikation-Angebote an den Kosten beteiligen wollen. Andererseits sollte der normale Internetgebrauch fuer jeden unabhaengig des Angebots welches er benutzt gleich schnell sein. Damit wuerde es mehr Sinn machen, an der Download-Seite uebermaessige Resourcen-Verbraucher zur Kasse zu bitten anstatt die Upload Seite zu betrachten. Dieses wuerde dann nicht zu einer Diskriminierung einzelner Inhalte fuehren. Viel mehr aber aergert mich, dass nicht wirkungsvoll gegen SPAM vorgegangen wird und das z.B. Provider, die nicht oder nur unzureichend auf abuse-Meldungen reagieren ganz aus dem Netz verbannt werden. Damit sollten sich die Congress-Senatoren eher beschaeftigen
Armut, 04.07.2006
4. 2 Klassengesellschaft haben wir doch schon im Netz
man/frau schaue doch nur auf die Angebote zur eigen Homepage, Dienstleistungen von Portalen etc.
stud84, 04.07.2006
5.
rein wirtschaftlich mag es vielleicht sein, wenn man sich Anbieter wie youtube.com ansieht, doch würde dies gegen den eigentlich Grundsatz der Freiheit im Internet verstoßen. Aber ab wann ist denn eigentlich eine Verbindung eine besonders schnelle? Ein Proargument, welches ich gehört habe ist z.B. wenn man das Internet mit einem Paketdienst vergleicht. Dort kostet Express und große Frachten auch mehr als kleine. Im Prinzip kommt man damit auch schon wieder auf ein Problem der Deutschen T-Com beim Ausbau des VDSL-Netzes, wo trotz extrem hoher Investitionssummen die EU den Alleinbetrieb verbieten will. Doch wer tätigt denn sonst solche großen Investitionen? Gmx etwa? Denn welches Unternehmen in einem kapitalistischen Land möchte denn unmengen von Geld in Sunkcosts stecken, wenn sie befürchten müssen, dass es sich nicht rentiert? Im übrigen gibts es bereits 2 Klassen Internet in Deutschland. Wenn ich meinen früheren super Telekomanschluss(etwas teurer dementsprechend) mit Arcor vergleiche... Da merkt man auch, dass DSL nicht gleich DSL ist! Zur GEZ: moderne ausbeuterische Lehnsherren!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.