Verstrahlt Mein WLAN kann weiter!

Ein Wireless-LAN ist eine feine Sache, wenn nur die Reichweite größer wäre. Der Griff zu LAN-Boostern ist da zwar hilfreich, aber illegal. Private WLAN-Betreiber rüsten außerdem mit selbstgebauten oder zugekauften Richtantennen auf und machen aus dem harmlosen Accesspoint eine unkalkulierbare Mikrowellenschleuder.

Von Mario Gongolsky


Wireless Local Area Network - Drahtloser Datenaustausch
DDP

Wireless Local Area Network - Drahtloser Datenaustausch

Die europaweit geltenden Bestimmungen erlauben lediglich 100 Milliwatt Strahlungsleistung für die gängigen WLAN-Anlagen. Dieser Richtwert bezieht sich auf die Leistung, die von einer Antenne abgestrahlt wird. Externe Antennen zum Ausleuchten eines Hotspots oder zur Einrichtung einer Richtfunkstrecke erzielen gegenüber der kleinen Stummelantenne am Access-Point unter Umständen einen Antennengewinn, der die Strahlungsleistung erhöht.

Dabei ist die Begrenzung der Strahlungsleistung der ach so beliebten Funktechnik weit mehr als eine bürokratische Schikane. Dass die negativen Auswirkungen noch nicht komplett erforscht sind, zeigt unter anderem die noch nicht beendeten Debatte um die Mobiltelefone. Sicher ist, dass höhere Frequenzen in das menschliche Gewebe eindringen. Während das Handy auf Frequenzen von 950 und 1800 MHz arbeitet, liegen die drahtlosen PC-Funknetze bei 2400 und demnächst sogar bei 5000 MHz.

Funken durch vier Häuser

Legales WLAN-Equipment hat zwar sehr wenig Strahlungsintensität, dennoch stellte die Zeitschrift "Ökotest" in ihrer Oktoberausgabe fest, dass mancher Accesspoint mehr gepulste Strahlung absondert als das schnurlose DECT-Telefon. Vielen WLAN-Betreibern ist das freilich egal. Will ein landwirtschaftlicher Betrieb in Ostfriesland seine Futtermittel und Melkanlagen verstreuter Betriebsteile einfach per PC steuern, obwohl dafür bis zu sieben Kilometer zu überbrücken sind, wird trotzdem gefunkt.

Ein Einzelfall? Der Blick in Internetforen professioneller Netzadmins lässt Schlimmes befürchten - ein Beispiel: "Wir wollen eine Daten-Richtfunkstrecke zwischen zwei etwa 500 Meter auseinander liegenden Firmengebäuden einrichten und benutzen eine Richtantenne mit 24 dB Verstärkung. Leider müssen wir durch vier Häuser hindurch funken. Unsere Pings kommen sehr langsam. Schaffen wir eine schnelle Verbindung mit einem 4-Watt-Booster?"

Der Wildwuchs ist in vollem Gange, denn auch der private, nichtkommerzielle Betreiber eines Accesspoints will Reichweite haben. Bastelanleitungen für WLAN-Richtantennen stehen im Internet hoch im Kurs, wenn es gilt, mehrere Funk-Nodes zu einem kleinen Netz zu verknüpfen. Solche Bastelnetze treiben den Verantwortlichen tiefe Sorgenfalten in die Stirn: "Im Rahmen der EU-Harmonisierung ist die Lizenzpflicht für solche Kommunikationsnetze entfallen", erklärt Friedrich Boll, Pressesprecher der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in Bonn. Von einer gezielten Jagd nach Strahlensünder kann nicht die Rede sein: "Wir betreiben lediglich eine Marktbeobachtung, so wie es unsere Aufgabe ist."

WLAN zum Selber-Machen

Der Kontrollverlust wird forciert - in den Internetforen, rund um WLAN bekommen ausgerechnet die Accesspoints gute Zensuren, die eine hohe Reichweite bieten. Mehr noch, sogar die Massenhersteller von WLAN-Equipment tasten sich ganz bewusst in Grauzonen vor, um sich einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu sichern. WLAN-Karten für den PC, die gleich mit Standard-Steckern für externe Antennen ausgeliefert werden, mit deren Hilfe aus den üblichen 35 Milliwatt Sendeleistung locker 350 Milliwatt Strahlungsleistung erzeugt werden können, stehen in der Skala der Wunschfeatures ebenso weit oben, wie WLAN-Router, deren Sendeleistung die magischen 100 mW erreicht. In Verbindung mit einer guten Außenantenne kann der leistungsbewusste User den lästigen Grenzwert problemlos gleich dutzendfach hinter sich lassen.

Selbst vielbeachtete Bürgernetzvereine wie der Freifunk e. V. in Berlin, veranstalten Antennen-Workshops, ohne den Wirkungen der Antennenbastelei bislang große Aufmerksamkeit zu schenken. Freifunk-Pressesprecher Jens Neumann bescheinigt den Workshop-Teilnehmern keinerlei Vorerfahrungen in Sachen Hochfrequenztechnik. Mit solchen einfachen Kaffeedosen-Antennen wäre es gar nicht so einfach, die legalen Grenzwerte zu durchbrechen, glaubt Neumann und irrt sich.

WLAN-Freunde mit weniger Bastelwut bedienen sich sorglos und kostengünstig an leistungsfähigen Fertigantennen der Funkamateure. Die setzen Richtstrahler zur Satellitenkommunikation ein, zielen mit ihren Funkwellen steil in den Himmel und nicht etwa auf ein Haus in der Nachbarschaft. "Absolut gesehen ist die Zahl der gemeldeten Störfälle mit WLAN-Anlagen verschwindend gering", weiß man bei der Regulierungsbehörde und doch dürfte sich so mancher Fachmann an die getunten CB-Funkanlagen der 80er Jahre erinnert fühlen. Da bleibt wohl nur der Trost, dass jeder Boom auch wieder abebbt.



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