Videoüberwachung Kameras erkennen Kriminelle - nicht

Überwachungskameras sichern Einkaufszonen, identifizieren Kfz-Kennzeichen und melden auffälliges Verhalten. Automatisierte Erkennungsysteme sollen helfen, terroristische Anschläge zu vereiteln, und jeden überwachen - bisher mit mäßigem Erfolg.

Von Michael Kurzidim


Die Angst geht wieder um in Deutschland. Ganz besonders in den Stuben der Politiker. Deutschland stehe, so Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus. Die Lage sei ernst. Seit Ende Juni wird Schäuble nicht müde, vor Anschlägen auf deutschem Boden zu warnen. Seine Heilmittel dagegen: Online-Durchsuchungen und eine verstärkte Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Eine bittere Medizin, aber hilft sie auch?

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Unerwartete Nebeneffekte

Bisherigen Erfahrungen mit Videoüberwachungssystemen zeichnen ein eher durchwachsenes Bild. Seit März 2006 wird die Hamburger Vergnügungsmeile Reeperbahn durch zehn Videokameras überwacht. Die Anlage kostete 620.000 Euro. Viel zu helfen scheint sie nicht. Bereits in den ersten fünf Tagen nach ihrer Inbetriebnahme kam es zu fünf Gewalttaten, die den Augen der Video-Ermittler entgingen.

Anderer Tatort, ähnliches Ergebnis. Vom Januar 2002 bis Juli 2003 ließ die Stuttgarter Polizei den Rotebühlplatz durch fünf Kameras observieren. Unerwünschter Nebeneffekt: Kriminelle wichen auf Nachbarorte aus. Der Handel und Konsum illegaler Drogen verlagerte sich einfach zum nahe gelegenen Charlottenplatz und in die obere Königsstraße.

Großbritannien unterhält weltweit das dichteste Überwachungsnetz der Welt. Geschätzte 4,2 Millionen Videokameras halten rund um die Uhr im ganzen Land die Augen offen - eine Kamera je 14 Einwohner. Aber auch in britischen Städten patzten die hochgelobten Apparate. Die geplanten Bombenanschläge in London und Glasgow wurden nicht durch Technik, sondern durch klassische Polizeiarbeit vereitelt.

Der erhoffte Abschreckungseffekt scheint ins Leere zu laufen. "Die Vorstellung, dass Videoüberwachung irgendetwas verhindert, ist nicht länger haltbar", sagt David Murakami Wood, Experte für Videoüberwachung an der Universität von Newcastle. Wer gar nicht die Absicht hat, an einen Ort zurückzukehren, der kümmere sich auch nicht darum, ob er gerade von einer Kamera aufgenommen wird, stellt Wood fest.

Studie: Hohe Kosten, enttäuschende Resultate

Bereits 2005 kam die vom britischen Innenministerium durchgeführte Studie "Assessing the impact of CCTV" zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Forscher untersuchten über einen Zeitraum von vier Jahren 13 Videoüberwachungssysteme in Stadtzentren, auf Parkplätzen, in Krankenhäusern und in Wohngebieten mit hoher Kriminalitätsrate. Die Erwartungen waren hoch, wurden jedoch enttäuscht. Nur in zwei Fällen gingen die Straftaten signifikant zurück. "Die Videoüberwachungs-Systeme haben eine Menge Geld gekostet, aber nicht die gewünschten Resultate erbracht", resümiert Martin Gill, Kriminologe an der Universität Leicester und wissenschaftlicher Leiter des Projektes. Lediglich vor Eigentumsdelikten wie Autodiebstählen schreckten die Täter zurück. Allerdings kostet jeder auf diese Weise verhinderte Diebstahl umgerechnet 2000 Euro. Eine Versicherungspolice wäre preiswerter.

Trotzdem werden Videoüberwachungssysteme als Maßnahme gegen den Terror auch unter deutschen Politikern diskutiert. "Ich denke, dass man darüber an bestimmten öffentlichen Plätzen, die als besonders gefährdet erscheinen, ernsthaft reden muss", sagte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ludwig Stiegler. Nicht ganz ohne Grund, denn in Zukunft soll eine automatisierte Gesichtserkennung die Fahnder unterstützen. Computerprogramme identifizieren Verdächtige schneller und zuverlässiger als jedes menschliche Auge, so die Idee.

Doch die Software muss erst entwickelt werden. Große Hoffnungen setzen die Ermittler in das EU-Projekt 3-D-Face, an dem auch das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) beteiligt ist. "Aktuell verfügbare automatische Systeme liefern unter idealen Bedingungen bereits sehr gute Ergebnisse. Allerdings führen unterschiedliche Kopfhaltungen, wie sie in realen Einsatzumgebungen häufiger vorkommen, schnell zu einer deutlichen Verschlechterung der Erkennungsleistung", erläutert Alexander Nouak vom IGD. Im einfachsten Fall können Betrüger ein solches System bereits durch ein Foto oder das Abspielen eines Videos überlisten.

Neue 3-D-Fahndungsalgorithmen

Ziel des Projektes ist daher die Entwicklung von täuschungssicheren Sensoren. Die entscheidende Rolle spielen dabei eindeutige biometrische Gesichtsmerkmale, die sich im Laufe des Lebens nicht verändern. Der Augenabstand, das durch Augen und Nase gebildete Dreieck oder die Gesichtsgeometrie gehören dazu. 3-D-Erkennungssoftware soll diese Merkmale auch auf größere Entfernungen, etwa auf Bahnhöfen oder Flughäfen, erkennen können. Die Software analysiert die von Kameras aufgenommenen Gesichter, gleicht sie in Sekundenbruchteilen mit Fahndungsfotos ab und schlägt bei Übereinstimmung Alarm.

Einen Großversuch, bei dem ein solches System unter Live-Bedingungen getestet wurde, unternahm das Bundeskriminalamt in den vergangenen Wochen auf dem Mainzer Hauptbahnhof. Dort durften Algorithmen und Systeme zum ersten Mal zeigen, was sie können. Bisher jedoch nur mit begrenztem Erfolg. Bis es so weit ist, dass die digitale Fahndung wirklich ohne menschliche Eingriffe funktioniert gibt es offenbar noch viel zu tun. Aber damit haben die Entwickler offenbar gerechnet, denn das EU-Projekt 3-D-Face läuft noch bis Ende März 2009.



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