Viiv Rezept zur Wohnzimmer-Bespaßung

Das kürzlich von Intel mit großem Tamtam eingeführte Markenzeichen "Viiv" ist nicht nur schwer auszusprechen, als Technik-Konzept mit Ambition zum "Standard" ist es auch erklärungsbedürftig. Mit Viiv, erklärt Intel, sollen Hersteller wie Verbraucher glücklicher werden. Und Intel, versteht sich.

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Bei Intel ist man daran gewöhnt, auf dem Siegertreppchen zu stehen. Kein anderer Halbleiter-Hersteller macht mehr Umsatz und Gewinn als die kalifornische Prozessorschmiede. Da passte die Meldung des ebenfalls kalifornischen Marktforschungsunternehmens Current Analysis nicht so recht ins Konzept, die im vergangenen Herbst meldete, Konkurrent AMD habe Intel auf dem amerikanischen Markt für Desktop-PCs von der Pole Position verdrängt. Der Grund war schnell gefunden: 53 Prozent der in den USA verkauften Media-Center basierten auf AMD-Technologie. Selbige Media Center wiederum sind für 46 Prozent des US-amerikanischen Umsatzes an Desktop-PCs verantwortlich.

Viiv-Logo: Sprechen sollte man das "waiff", wünscht sich Intel

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Als diese Meldung durch die Presse ging hatte Intel freilich bereits eine neue Technologie in der Pipeline, mit der die verlorenen Marktanteile wettgemacht werden sollen. Viiv heißt das im Januar offiziell vorgestellte Produkt und soll im PC-Markt einen ähnlichen Stellenwert erreichen wie die Centrino Mobiltechnologie bei Notebooks.

Standards statt Schraubenzieher

Bisher konnte jeder PC-Schrauber ein paar Komponenten zusammenstecken, Microsofts Windows Media Center Edition aufspielen und das Resultat im Paket mit einer Fernbedienung als Media Center PC verhökern. Grundsätzlich wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern. Nur wer seine Produkte mit dem Viiv-Logo schmücken will, für das der Prozessor-Produzent seit Anfang des Jahres die Werbetrommel rührt, muss ein bisschen mehr tun. Dann nämlich müssen alle grundlegenden Komponenten bei Intel eingekauft werden. Neben dem Chipsatz und der Netzwerkkarte ist das vor allem der Prozessor. Ausschließlich Intels Dualcore-Modelle, also CPUs mit zwei kompletten Prozessorkernen, dürfen verwendet werden.

Im Gegenzug werden Viiv-PCs mit ein paar Software-Beigaben aus Intels Einwicklungslabors aufgewertet. Zuvorderst ist dies eine "Quick Resume" genannte Technologie, die dafür sorgt, dass der Rechner beinahe sofort nach dem Druck aufs Einschaltknöpfchen betriebsbereit ist. Zudem sollen neue Energiespar-Mechanismen sicherstellen, dass ein Viiv-PC im Standby-Modus nicht mehr als 2 Watt aus der Steckdose zieht. Gegenüber bisherigen Rechnern, die sich im Ruhezustand bis zu zehnmal soviel Energie genehmigen, ein geradezu phantastischer Wert.

Doch damit nicht genug. Zusätzlich wird eine Software mitgeliefert, die dafür sorgen soll, dass ein Viiv-PC Medienformate automatisch in eine für das jeweilige Ausgabegerät passende Form umwandelt. "Wenn man z.B. einen kleinen Film mit dem Handy aufgenommen hat und versucht, ihn auf dem PC abzuspielen, dann steht da zwar 'MPEG', aber laufen tut's trotzdem nicht immer. Das sind Sachen, die den Kunden einfach frustrieren und das wollen wir abschalten", sagt Henning Eid, Marketing Manager und bei Intel zuständig für die Viiv-Technologie.

Content ist King

Damit hat es sich dann aber auch mit den Hard- und Software-Voraussetzungen. In ein zu enges Korsett will man die Hersteller dann doch nicht zwängen, denn "wir wollen verhindern, dass wir dann nur Geräte in einem Preisbereich haben, den sich keiner mehr leisten kann", so Intels Produkt-Manager Henning Eid.

Deshalb soll es Viiv-PCs in einem weiten Preisbereich geben. Allen gemein wird aber sein, dass bei ihnen bestimmte Funktionen garantiert werden. Das bezieht sich in erster Linie darauf, dass Viiv-Nutzer auf die Angebote zertifizierter Content-Anbieter besonders komfortabel zugreifen können. Ebenso wie die Hardware-Hersteller müssen diese Lieferanten von Musik und Filme bestimmte Bedingungen erfüllen, um das Viiv-Logo tragen zu dürfen. So müssen bestimmte DRM-Systeme unterstützt werden und das gesamte Shop-System durchgängig fernbedienbar sein. Das Normal-PC-Anwender dadurch von bestimmten Shops ausgeschlossen werden, glaubt man bei Intel freilich nicht. "Es könnte z.B. sein, dass ein gewisses Konzert zuerst für Viiv verfügbar ist oder für eine gewisse Zeit Viiv-exklusiv ist", mehr aber auch nicht, glaubt Eid.

Vereinfachte Vernetzung

Die zweite Stufe der Viiv-Technologie plant Intel bereits in der zweiten Jahreshälfte zu zünden. Dann sollen Viiv-zertifizierte Router und Digital Media Adapter (DMA) die Vernetzung und die Verteilung digitaler Medienströme im Haushalt vereinfachen. "Das Setup ist bei diesen DMAs sehr komplex," findet Henning Eid. "Damit kann man nur eine geringe Kundenzahl ansprechen. Mit Viiv wollen wir aber das Versprechen abgeben, dass es ganz einfach ist, verbunden zu sein. Und es soll Spaß machen. Mit einem aktuellen DMA ist das nicht unbedingt gewährleistet. Wir haben deshalb eine Technologie entwickelt, mit der es möglich sein soll, mit wenigen Schritten ein sicheres Heimnetz zu aufzubauen."

Vor allem aber soll es einfacher werden, kopiergeschützte Medien auf mehreren Geräten zu nutzen. Bisher ist das gar nicht so einfach, denn "wenn Sie einen Video-On-Demand-Service nutzen und dessen Inhalte über einen DMA in einem anderen Raum verfügbar machen wollen, funktioniert das derzeit nicht", sagt Henning Eid. Das Problem: "Rechte-Inhaber mögen es ungern, wenn man ihre DRM-Verschlüsselung aufmacht und die Inhalte ungeschützt abfragbar sind."

Zur Lösung dieses Problems hat Intel die DTCP über IP-Technologie (Digital Transmission Content Protection) entwickelt. Die soll dafür sorgen, dass geschützte Inhalte auch auf dem Weg vom PC zum DMA verschlüsselt übertragen werden. So hat der Anwender keinerlei Zugriff mehr auf die Daten und die Forderung der Content-Anbieter ist erfüllt. Zwei Fliegen wären mit einer Klappe geschlagen: Die Anwender könnten ihre Kauf-Inhalte so verwenden, wie sie es wollen und wie es ihnen schon lange versprochen wurde und die Content-Lieferanten müssten nicht mehr um ihre wertvollen Daten bangen. Damit das funktioniert, muss allerdings die gesamte Kette vom digitalen Content über den zentralen Heim-PC bis hin zum Digitalen Media Adapter Viiv-zertifiziert sein.

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