Vista-Verkaufsstart Aufbruch in eine unvermeidliche Zukunft

Heute kommt Vista weltweit in die Läden. Die Reaktionen auf das neue Windows-Betriebssystem fallen bislang verhalten aus, langfristig bleibt den PC-Nutzern jedoch keine Wahl: Sie werden sich umstellen müssen. Hardware-Hersteller rüsten sich schon für diese unvermeidliche Zukunft.

Von


Kennen Sie den?
Fragt der Mac den PC: "Warum haste denn ein Nachthemd an?"
Sagt der offensichtlich für eine Operation gekleidete PC: "Ich stell' meinen Rechner jetzt auf Vista um."

Die nicht ganz unsubtile Pointe, die Apple seinem Konkurrenten Microsoft hier per Video-Sketch aufs Brot schmiert, lautet: Eine Umstellung von XP auf Vista kann beziehungsweise wird Einschnitte chirurgischer Schärfe nach sich ziehen. Denn die Entwicklung, die mit dem neuen Windows in Gang gerät, ist unvermeidlich, ganz gleich, ob die PC-Gemeinde sie goutiert oder nicht.

Viel wurde schon an Microsofts schönem neuem Betriebssystem herumgekritelt: "Zu bunt!, zu kosmetisch!, zu over-hyped!", hallt es durch die Blogs. Bislang sind nur wenige PC-User so von Windows Vista angetan, dass sie es sich sofort anschaffen wollen.

Selbst in den technikbegeisterten USA rechnen die Elektromärkte nicht damit, dass sich zu frühmorgendlicher Stunde ähnlich lange Schlangen um den Block winden werden, wie es zum Verkaufsstart des Nintendo Wii oder zum Release der Playstation 3 der Fall gewesen ist: Wer heute vor Sonnenaufgang in einem Schlafsack vor einem Elektromarkt liegt, der wohnt wahrscheinlich da und wartet nicht auf Vista.

Die PR-Maschine läuft - zumindest in den USA - natürlich trotzdem auf Hochtouren: Die großen Kaufhausketten wie CompUSA fahren gigantische Vista-Präsentationen auf und setzen NFL-Stars zur Autogrammstunde in ihre blinkenden Geräteparks. Schon an den gläsernen Eingangsportalen der Elektromärkte bekommen Vista-Käufer zu Spottpreisen Zubehör zum Betriebssystem in die Hand gedrückt - unter anderem Wireless-Lan-Router für zwei Dollar.

Hohe Anforderungen an die PC-Hardware

Die große Umstellung aufs neue Windows dürfte trotzdem eher plätschernd erfolgen. Vielen Usern dürfte eine sofortige Anschaffung zu teuer sein: Zwar gibt es das Betriebssystem in seiner Grundausstattung bereits ab 139 Euro zu kaufen (zum Vergleich: Windows XP Home ist schon ab 85 Euro zu haben), die Vollversion kostet indes stolze 549 Euro.

Zudem stellt Microsofts schönes neues Betriebssystem mit seinen 3-D-Effekten und halbdurchsichtigen Fenstern hohe Anforderungen an Rechnerleistung und Grafikkarte: Knapp 500 Megabyte Arbeitsspeicher und fast sieben Gigabyte Festplattenplatz verschlingen seine 12.928 Handles, 568 Threads und 45 Prozesse.

Wirklich komfortabel läuft Vista erst ab einem Gigabyte RAM und einer Grafikkarte mit 128 MB On-board-Speicher und DirectX9-Unterstützung. Wer einen älteren PC zu Hause hat, bleibt da auf der Strecke und wird wohl erst zum "Vistaner" werden, wenn er sich ohnehin einen neuen Rechner kauft, der diese Anforderungen erfüllt.

Damit aber setzt Vista schon jetzt die Messlatte dessen, was PCs zukünftig leisten müssen: Computerexperte Samir Bhavnani von der Markforschungsfirma Current Analysys geht davon aus, dass fast jeder PC, der seit dem Release des Vista-Systems für den Geschäftskundenmarkt im November 2006 gebaut wurde, darauf geeicht wurde, die Minimalanforderungen des neuen Windows-Systems zu erfüllen - die Software-Entwicklung peitscht die Hardware-Entwicklung gnadenlos voran.

Für die Hardware-Entwickler bedeutet dieser Trend ein Wettrüsten für eine unvermeidliche Zukunft: Bis 2008 sollen die Hälfte der Geschäftskunden-PCs mit Vista laufen, bei den Privatkunden wird eine Abdeckung von mindestens 30 Prozent angepeilt. 200 Millionen Exemplare werden nach ersten Schätzungen in den nächsten zwei Jahren über den Ladentisch wandern, 80 Millionen mehr, als es noch beim Betriebssystem XP der Fall gewesen ist. Trotzdem: Das ist schon etwas anderes als der fast völlige Systemwechsel, wie Microsoft ihn noch vor einem Dutzend Jahren mit der Einführung von Windows 95 quasi über Nacht herbeiführen konnte.

Doch auch die Nutzer werden mittelfristig auf Vista umstellen. Vorneweg - notgedrungen - die Gamer: Microsoft hat bereits angekündigt, die aktuellste Version 10 der Grafik-Schnittstelle DirectX ausschließlich für Vista zu programmieren. Alle modernen Spiele und aufwändigen Grafik-Anwendungen werden DirectX10 nutzen. XP-User stehen damit in spätestens einem halben Jahr im Regen.

Der nächste Apple-Sketch könnte deshalb ungefähr so ablaufen: PC wird hüstelnd und mit halbtransparenter Chrom-Narbe am Bauch auf einem Rollbett aus dem OP geschoben. Sein Freund, der Apple-Mac, baut sich vor ihm auf und fragt: "Und? Haste la Vista, Baby?"

Und der PC seufzt und schweigt und hofft, dass er jetzt zumindest für die nächsten fünf Jahre wieder seine Ruhe hat.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.