Voll-Format, Pro-Format, APS-C: Welcher Kamerasensor setzt sich durch?

Von Matthias Landau

Kamerasensoren werden immer leistungsfähiger, die Qualität von Digitalkameras immer besser. Doch bisher gibt es noch keinen neuen Sensor-Standard. Wer in das falsche System investiert, könnte erleben, wie seine Objektive zu Altglas werden.

Halb-, Voll- oder - jetzt neu - Pro-Format? Oder doch lieber FourThirds? Und was ist eigentlich APS-C? Die Kameraindustrie ringt um einen Standard bei der Sensorgröße, und neben dem Verständnis bleibt bei vielen Konsumenten auch die Lust am Kauf auf der Strecke. Denn wer in das falsche System investiert, könnte schon in kurzer Zeit seine teuren Objektive zum Altglascontainer schleppen.

Sensorgröße ist ein Thema bei allen Systemkameras - also überall dort, wo Objektive und anderes Zubehör wechselbar sind. Zwar bestimmt das Bajonett - die mechanische Schnittstelle zwischen Kamera und Objektiv, welches Objektiv an welche Kamera passt, aber die Größe des Sensors definiert, wie sich das Objektiv verhält und ob es optisch überhaupt Sinn macht, dieses Objektiv anzuschließen.

Bevor Leica am Montagabend mit der Vorstellung seines Kamerasystems S2 mit Überformatsensor überraschte, galt das Vollformat als das Trendthema der Photokina. Vollformat - vollmundig von vielen Kameraherstellern als Innovation angepriesen - bedeutet nichts anderes, als dass die Digitalfotografie endlich da ankommt, wo der Film schon vor 80 Jahren war. Damals steckte Leica-Erfinder Oscar Barnack einen Kinofilm in eine Fotokamera: Die Fotografie war beim Aufnahmeformat von 36 mal 24 Millimetern angekommen - der Größe des klassischen Kleinbildfilms. Neben Canon präsentieren jetzt auch Nikon und Sony Kameras im Vollformat - und tun tapfer so, als hätten sie nie etwas anders im Sinn gehabt.

Dicker Sensor, dickes Bild

Dabei galt lange das Halbformat als das Nonplusultra in der digitalen Spiegelreflexfotografie. Denn der Preis für Sensoren steigt exponentiell mit der Größe. Also verbaute und baut man immer noch Sensoren mit etwa halbem Kleinbildformat. Da diese Größe etwa dem (niemals erfolgreichen) Filmformat APS-C entspricht, werden solche Kameras oft als APS-Sensorkameras bezeichnet.

Die Größe des Sensors wirkt sich jedoch direkt auf das Foto aus. Je kleiner der Sensor, desto kleiner ist der fotografierte Bildausschnitt - und Objektive müssen neu entworfen werden, damit sie wieder einen großen Bildausschnitt abbilden. Nikon, immerhin von den Verkaufszahlen her zweitgrößter Spiegelreflexhersteller weltweit, erfand kurzerhand DX-Objektive. Diese passen nur an Kameras mit APS- bzw. Halbformatsensor. Der größte Hersteller Canon zeigte sich insgesamt zurückhaltender, führte allerdings ebenfalls EF-S-Objektive ein, die für die Kameras mit kleinen Sensoren gefertigt sind.

Vollformat wird erschwinglich

Mittlerweile kosten jedoch Digitalkamera-Auslaufmodelle mit Vollformatsensor rund 1500 Euro - und die Preise werden weiter fallen. Die auf der Messe zu sehenden brandneuen Modelle kosten zwischen 2500 und 2800 Euro - beim allgegenwärtigen Preisverfall kann es sich nur noch um Monate handeln, bis auch diese Kameras für deutlich unter 2000 Euro erhältlich sind und damit in die finanzielle Reichweite der Amateure kommen. Weitere Preissenkungen sind so sicher wie bei allen anderen Produkten der Elektronikindustrie - die Schmerzgrenze bei anderen digitalen Spiegelreflexkameras liegt aktuell bei knapp 400 Euro.

Es ist also absehbar, dass sich das Vollformat auf breiter Front durchsetzen wird - und alle die für den kleinen Sensor konstruierten Objektive über kurz oder lang nutzlos werden. Das dürfte für viele Profi- und engagierte Amateurfotografen, die oft vierstellige Summen in Objektive investiert haben, eine bittere Erfahrung werden.

Leica hängt die Messlatte höher

In dieser Umbruchzeit überrascht die Traditionsfirma Leica mit der Vorstellung eines Überformats. Mit einer Sensorgröße von 30 mal 45 Millimetern übertrifft die Aufnahmefläche der neuen Kamera S2 das Vollformat deutlich. Natürlich sind auch für dieses von Leica "Pro-Format" genannte Sensorformat wieder spezielle Objektive nötig.

Die Zielgruppe für die edle Leica S2 sind Profis, die kompromisslos auf Bildqualität setzen. Entsprechend wird auch die Preisgestaltung für die 37,5-Megapixel-Kamera und die Objektive aussehen. Genauere Angaben wollte der Interims-Vorstandsvorsitzende, Dr. Andreas Kaufmann, noch nicht machen. Mit einer fünfstelligen Summe für eine Kamera-Objektiv-Kombination wird man jedoch rechnen dürfen.

Ob es Leica gelingen wird, ein neues Sensorformat durchzusetzen, wird die Zukunft zeigen. Immerhin hat das Traditionsunternehmen schon einmal ein Aufnahmeformat weltweit durchgesetzt. Fest steht auf jeden Fall, dass die immer weiter steigenden Auflösungsbedürfnisse der Fotografen beim Stand der heutigen Sensortechnik nicht länger mit kleinen Sensoren befriedigt werden können. Ob allerdings irgendwann Amateure mit Überformat-Kameras, die aus den optischen Gesetzen heraus größer und schwerer sein müssen als die heutigen Vollformatkameras, durch den Zoo oder durch Palma de Mallorca laufen werden, darf bezweifelt werden. Otto Normalverbraucher kauft von dem Geld, das für ein solches Equipment nötig wäre, lieber einen Gebrauchtwagen.

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