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Von Betamax bis Blu-ray-Disk: Wahnsinn mit Format

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Nicht immer gewinnt der Bessere – zumindest nicht, wenn es um Computertechnologie und Unterhaltungselektronik geht. Oft genug entscheiden ganz andere Dinge über Wohl und Wehe einer neuen Technologie. Ein Blick zurück in die Zukunft.

Das bekannteste Beispiel für eine überlegene Technologie, die sich dem schlechteren Gegner geschlagen geben musste, ist Sonys Betamax-Videosystem. Obwohl es von der Presse mit Lob überhäuft wurde, versagte es bei den Verbrauchern gegen das technisch schwächere VHS. Der Hauptgrund: Für Betamax-Rekorder lag die maximale Aufnahme-Kapazität anfänglich bei rund einer Stunde - viel zu wenig, um einen ganzen Spielfilm aufzuzeichnen.

Dieser Trick gelang den VHS-Entwicklern dagegen mühelos. Sie bauten das Magnetband einfach in eine größere Kassette ein. Die war zwar ausgesprochen unhandlich, bot dafür aber vom Start weg Kapazitäten von zwei bis drei Stunden. Als Sonys Format endlich aufholte, waren die Videotheken längst voller VHS-Tapes. Kaum jemand mochte sich noch für Betamax entscheiden, das später als Betacam zum Standard für professionelle Videoproduktion wurde.

Die Porno-Legende

Die oft gehörte Mär, Betamax habe sich geschlagen geben müssen, weil es für VHS mehr Pornofilme gab, ist zwar ebenfalls eine nette Theorie, aber kaum belegbar. Deshalb mutet es heute auch umso seltsamer an, wenn die Entscheidung darüber, ob sich die Blu-ray Disc oder die HD DVD als Nachfolger der DVD durchsetzt, erneut der Porno-Industrie zugeschoben wird.


Bedeutend stärker dürfte Microsofts Entscheidung ins Gewicht fallen, der HD DVD den Vorzug zu geben. So soll das für Herbst angekündigte Windows Vista ausdrücklich HD DVDs unterstützen und für die hauseigene Spielkonsole Xbox ein externes HD-DVD-Laufwerk angeboten werden. Ob die HD DVD der Blu-ray Disc technologisch über- oder unterlegen ist, wird dabei zur Nebensächlichkeit. Am Ende wird siegen und damit den Standard vorgeben, wer zuerst jene kritische Masse erreicht, die das Konkurrenzformat zum Nischenprodukt werden lässt.

Dass es auch mal ganz ohne einen Sieger ausgehen kann, beweisen die konkurrierenden Audio-Formate Super Audio CD (SACD) und DVD-Audio. Beide sollten die Audio-CD ablösen und noch bessere digitale Tonqualität bieten. Bedauerlicherweise benötigt man eine wirklich gute Hifi-Anlage, um den Unterschied wirklich zu hören. Zumindest solange es um Stereo-Aufnahmen geht.

Doch Hifi ist kein Trendthema mehr, ganz im Gegenteil. Insbesondere die jüngere Zielgruppe bescheidet sich heute gern mit stark komprimierten, in ihrem Lautumfang reduzierten MP3-Dateien - mit Fastfood also statt Gourmetküche. Das Resultat: Sowohl SACD als auch DVD-Audio führen ein Nischendasein in den dunklen Ecken der Plattenläden. Das Angebot an Inhalten ist nach wie vor mager und die Player meist teuer.

In den Sand gesetzt

Solche Fehlschläge sind in der Technologiebranche allerdings nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Nur sind nicht immer mehrere Firmen in derartige Desaster verwickelt. Eines der schönsten Beispiele lieferte Apple mit der Lisa. Dieser 1983 vorgestellte Computer war erstmals mit einer grafischen Benutzeroberfläche ausgestattet, die ihn leichter bedienbar machte als alle vergleichbaren Modelle seiner Zeit.

Dummerweise legte Apple den Einstiegspreis auf astronomische 9995 US-Dollar fest. Während gleichzeitig die IBM-kompatiblen PCs zu deutlich moderateren Konditionen in immer mehr Büros Einzug hielten, wurde Lisa zum Ladenhüter. Den Todesstoß versetzte Apple seinem ambitionierten Erstlingswerk allerdings selber mit dem Macintosh. Der konnte mindestens genauso viel wie Lisa, kostete aber nur einen Bruchteil ihres Preises. Nachdem Lisa mehr und mehr zum Problem für Apple wurde, pachtete der Konzern letztlich ein größeres Stück Land im US-Bundesstaat Utah und vergrub dort Tausende unverkäuflicher Lisas im Sand.

Diese Methode der Problembeseitigung hatte man sich bei Atari abgeschaut, die bereits Jahre zuvor Millionen Kopien des Konsolenspiels "E.T." im Wüstensand verbuddelten, nachdem sich für die hektisch programmierte Spielfilm-Adaption kaum Käufer fanden.

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Wahnsinn mit Format: Technik, die keinen Erfolg haben sollte

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