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Warnung von IT-Experten: Hacker könnten USA den Strom ausknipsen

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IT-Netzwerke sind die Lebensadern der technisierten Gesellschaft: Sie kontrollieren alles. Die Frage ist nur, wer eigentlich die Netze kontrolliert: Experten der US-Regierung warnen vor gefährlichen Sicherheitslücken. Im Ernstfall könnten Hacker den USA sogar den Strom abdrehen.

Hamburg - Es wäre ein Alptraumszenario: Das "Wall Street Journal" berichtet auf seiner Webseite von Aussagen ungenannter IT-Security-Verantwortlicher aus US-Regierungskreisen, dass russische und chinesische Hacker mittlerweile in der Lage sein könnten, in kritische Infrastrukturen der USA einzugreifen, diese zu stören - und eventuell sogar abzuschalten.

So hätten Spezialisten amerikanischer Geheimdienste in den Netzwerken der Energieversorger fremde Programme mit nicht geklärten Aufgaben gefunden. Darüber hinaus hätten nicht näher benannte Chinesen und Russen versucht, "unsere Infrastrukturen zu kartieren", wie ein ungenannter, aber als führend bezeichneter Geheimdienst-Vertreter dem Blatt sagte.

Warnungen vor der Infiltration kritischer Infrastrukturen sind weder neu noch originell: Es gibt wohl keine digitale Netzinfrastruktur weltweit, in die keine Einbruchsversuche verübt würden, und kaum eine, die völlig frei von Schnüffelprogrammen, Trojanern oder Viren wäre.

Erst in der vergangenen Woche hatten IT-Sicherheitsforscher die Existenz eines gigantischen "Ghostnet" öffentlich gemacht und den nun an die Öffentlichkeit drängenden Geheimdienstlern damit die Argumente geliefert: Von China ausgehend gab es in den letzten Jahren nachweislich eine Flut von Hack-Attacken gegen Regierungen, Behörden und Institutionen. Auch deutsche Botschaften und Ministerien waren und sind betroffen.

Soweit, so trivial - und trotzdem so potentiell gefährlich. Die Geheimen nutzen die öffentliche Aufmerksamkeit für das Ghostnet, um wieder einmal ihre Botschaft an den Mann zu bringen: Es gibt Infrastrukturen, die sind so wichtig, dass es katastrophale Folgen hat, wenn die kollabieren. Und ja, sie sind auf vielfältige Weise gefährdet und stehen unter ständigem virtuellen Beschuss. Und nein, die Attacken erschienen nicht zielgerichtet, sagten die Experten dem "Wall Street Journal", man wisse nicht, wer da was genau wolle und ob überhaupt. Aber "Cyberattacks" sind allgegenwärtig und jederzeit nachweisbar.

Spionageversuche, sagte auch ein Vertreter des Heimatschutzministeriums dem Blatt, gebe es ständig gegen alle möglichen Netzwerke quer durchs Land. In Bezug auf die Stromversorger sagte er: "Da gibt es Einbrüche, und ihre Zahl wächst. Es waren eine Menge letztes Jahr."

Ist so etwas wirklich gefährlich?

Damit stützt er eine kürzlich gemachte Aussage des obersten Geheimdienst-Koordinators Dennis Blair, der US-Abgeordnete über Angriffe auf kritische Infrastrukturen im Ausland informierte und darüber, dass auch amerikanische nicht weniger gefährdet seien.

Dass gerade die Gefährdung des Stromnetzes so hervorgehoben wird, ist dabei kein Zufall. Das US-Stromnetz gilt als völlig marode, extrem störanfällig und überaltert. Immer wieder war es in den vergangenen Jahrzehnten durch teils minimale Ursachen zu großflächigen Stromausfällen gekommen: Allein in New York kam es 1977, 2003 und zuletzt 2006 zu Netzausfällen, die zum zeitweiligen Kollaps der Versorgung und der öffentlichen Ordnung führten.

Im Januar legte die Nasa einen Bericht vor, der viele Offizielle schockte: " Severe Space Weather Events - Understanding Societal and Economic Impacts" rechnete auf, wie ein natürliches, periodisch auftretendes Ereignis wie ein Sonnensturm im Extremfall zum Vollkollaps des US-Stromnetzes führen könnte.

Das, berechneten die Nasa-Experten kühl, brächte binnen Tagen auch die Wasserversorgung zum Erliegen, der Rest wäre Domino: Eine kollabierende Versorgungsinfrastruktur risse die nächste nieder. Am Ende wären binnen kürzester Zeit Millionen Menschen tot und das Land in einem Zustand, aus dem es sich aus eigener Kraft ohne Hilfe von außen kaum mehr erholen könne. Die technisierte Welt, so die Nasa-Forscher, fiele im schlimmsten Fall zurück in ein vor-technisches Stadium.

Cybersecurity kostet Geld

Das Beraterteam Barack Obamas hatte ein so krasses Szenario nicht gebraucht, um die Brisanz des Themas kritische Infrastrukturen zu begreifen. Die Obama-Administration setzte mit der Regierungsübernahme das Thema Stromnetze ganz nach oben auf die Agenda der Cybersecurity-Maßnahmen, die bis kommende Woche vorgelegt werden sollen.

Denn hinter den Kulissen sind die kritischen Infrastrukturen längst ein Dauerthema, das öffentlich regelmäßig dann hochgekocht wird, wenn größere Ausgaben anstehen und man öffentliche Akzeptanz dafür schaffen will. In solchen Zeiten verstiegen sich schon FBI-Lenker auf abstruse Szenarien wie Hack-Attacken auf Staudamm-Tore - der Aberwitz sollte Akzeptanz für den Ausbau der Geheimdienste und der Überwachung schaffen. Mit Erfolg.

Auch diesmal dürfte es ums Geld gehen, was das "Wall Street Journal" nur sehr implizit andeutet: Auch die Bush-Administration, heißt es da unter Bezug auf ungenannte Quellen, soll in den letzten Jahren 17 Milliarden Dollar in die Cybersecurity investiert haben. Nach offiziellen Angaben hat allein das Pentagon in den letzten sechs Monaten 100 Millionen Dollar für die Reparatur von Cyberschäden ausgegeben.

Der McKinnon-Faktor: Irgendwer schnüffelt immer

Was unter Umständen dramatischer klingt, als es ist. In solche Rechnungen fließen auch Update-Kosten für gefährdete Systeme ein, Mannstunden und Softwarekosten nach Virenbefällen wie im Fall Conficker. Und natürlich zählen dazu Schäden wie die durch den "Ufo-Hacker" Gary McKinnon, der sich auf der Suche nach Beweisen für Ufos auf 97 Nasa-, Pentagon- und anderen Regierungsrechnern umgesehen hatte.

McKinnon, der in Großbritannien immer noch gegen seine Auslieferung an die USA kämpft, wo ihn bis zu 70 Jahre Knast erwarten, soll dabei rund 700.000 Dollar Schaden verursacht haben - Lästermäuler sagen, vor allem durch Offenlegung faustgroßer Sicherheitslöcher, die gestopft werden mussten, nachdem McKinnons Einbrüche sie offensichtlich gemacht hattten. McKinnon selbst sagt zu seiner Entlastung, alles sei so einfach gewesen. So ist das wohl: Niemand weiß, wie viele McKinnons gerade unterwegs sind, wie viele Lücken in den so empfindlichen wie wichtigen Netzen klaffen.

Und natürlich sind darunter auch Hacker aus China und Russland, und vielleicht sogar Staatsangestellte, die sich in den Netzen virtuell mit ihren Kollegen von der NSA treffen und messen, dem größten und mächtigsten US-Geheimdienst.

Der hat zumindest formal keine andere Aufgabe als die elektronische Spionage und Spionageabwehr. Ob Chinesen und Russen den USA den Strom abdrehen können? Gut möglich, aber werden sie dabei schneller sein als die NSA, die beim potentiellen Gegner womöglich dasselbe versucht? Hinter den Kulissen läuft ein Rüstungswettbewerb der anderen, neuen Sorte. Und ja, Attacken auf kritische Infrastrukturen sind potentiell höchst gefährlich. Gut, wenn das ab und zu mal einer sagt - auch, wenn es eigentlich keinen konkreten Anlass dafür gibt.

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