Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Web 3.0: Der böse Traum vom Zwei-Klassen-Internet

Von

Die Telekommunikations-Konzerne haben eine finstere Vision: Ihr Traum ist ein Kommerznetz, bei dem nur noch zahlungskräftige Web-Unternehmen breitbandig beim Verbraucher ankommen. Im Web 3.0 hätten Startups, Blogger und junge Kreative keine Chance.

Vielleicht war es ja wirklich so, dass sich vor Wochen am Ende eines internationalen Kongresstages Manager von Telekommunikationsfirmen aus aller Welt am Tresen einer Bar trafen. Wahrscheinlich gönnten sie sich ein, zwei, drei Absacker, bedauerten sich gegenseitig für das Elend ihrer bröckelnden Monopole und begannen zu fortgeschrittener Stunde gemeinsam, nach neuen Wegen in das Land, wo die Dukaten regnen, zu suchen. Möglicherweise war es ein Japaner, jemand aus Kanada, Australien, den USA oder - ja, warum nicht? - jemand von der deutschen Telekom, dem beim Schnaps die Idee kam, die Worte "Net Neutrality" und "Zweiter Anlauf" in einem Satz zu verrühren. Man weiß es nicht.

Schwer holprig: Auf dem Netzwerk-Feldweg zieht die Datenkarawane eher gemächlich
Mark Burdine/public Domain/SPIEGEL ONLINE [M]

Schwer holprig: Auf dem Netzwerk-Feldweg zieht die Datenkarawane eher gemächlich

Man weiß nur, was man beobachten kann: Nachdem die Debatte um Daten-Mautzahlungen für erfolgreiche Internetunternehmen schon mehr oder minder vom Tisch schien, bricht sie nun erneut auf. Und anders als im Sommer, als sie sich auf die USA beschränkte, begann sie Anfang November fast zeitgleich und rund um den Globus erneut - in ausgesuchten Ländern auf allen Kontinenten abgesehen von Afrika und der Antarktis.

Darum geht es in aller Kürze: Statt weiterhin die Daten aller Webseiten gleichberechtigt über die Netze zu leiten (dafür steht "Net Neutrality"), wollen führende Telekommunikationsunternehmen (im folgenden "Telkos") die Netz-Infrastruktur ändern: Während das freie Internet als Daten-Feldweg langsam und holprig jedem zur Verfügung stehen soll, möchten sie finanzkräftige Internetunternehmen für die Nutzung eines zu schaffenden Datenhighways zur Kasse bitten. Im Klartext: Aufwendig und schnell, multimedial und doch empfangbar soll künftig nur der sein können, der tief genug in die Brieftasche greift - oder überhaupt greifen kann. Man muss kein Google-Aktionär sein, um zu sehen, dass dies das Ende des Internet wäre, wie wir es bisher kennen.

Die US-Debatte

In den USA war es vor allem der Machtwechsel in den Parlamenten, der der Debatte neuen Schub gab: Die Telkos, die ihre Unterstützer vornehmlich im industriefreundlichen republikanischen Lager fanden, sehen ihre Felle davonschwimmen und intensivieren ihre Lobbyarbeit. Auch das Gegenlager redet seiner Lobby noch einmal sehr laut und deutlich ins Gewissen. So erlebte Amerika eine ganze Reihe kleinerer Demonstrationen, die offenbar konzertiert und über die Initiative SaveTheInternet Coalition organisiert in verschiedenen US-Bundesstaaten gegen die Begehrlichkeiten der Telekommunikationsfirmen trommeln.

Als Mitglieder dieser Initiative werden zahlreiche Organisationen von Menschenrechtsgruppen über Internetaktivisten bis hin zur Christian Coalition und zu Gun Owners of America genannt. Doch auch die Firmen, die von einer Veränderung des Netzes zum Vorteil der Telkos am stärksten betroffen wären, sind nicht weit: Als Unterstützer, ausdrücklich aber nicht als Mitglieder oder Finanziers der Initiative werden Amazon, Earthlink, eBay, Google, Intel, Microsoft, Skype, Vonage und Yahoo genannt.

Internetunternehmen, die politischen Lobbyismus betreiben, demonstrieren und sich in Initiativen organisieren? Verbraucherverbände, die verhindern wollen, dass Telekommunikationsfirmen für beispielsweise Web-Videoinhalte reservierte Highspeed-Netzwerke aufbauen? Telefonunternehmen, die scheinbar weltweit nur darauf warten, Maut-Modelle aus der Taufe zu heben, um an jedem denkbaren Ende am Datenverkehr mit zu kassieren?

Das Thema ist nicht halb so exotisch, wie man zunächst denken könnte: Es betrifft alle, weil sich daran die künftige Gestaltung des Internet entscheiden könnte.

Abschied vom Netz der Gleichen?

Etwas pathetisch ruft Savetheinternet.com dazu auf, das "First Amendment" des Internet müsse gerettet werden. Der erste Verfassungszusatz, auf den das anspielt, garantiert in Amerika das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Analogie ist naheliegend: Tatsächlich ist das Internet als "Netz der Gleichen" konzipiert - Peer to Peer war keine Erfindung der Napster-Entwickler, sondern ist das Grundprinzip des Netzes.

In dem fließen die Daten frei und unter gleichen Bedingungen, egal, ob sie von der großen BBC oder von einem kleinen Blogger kommen. Sie fließen auch von Telko zu Telko, von Netzbetreiber zu Netzbetreiber, und auch das ist ein Deal auf Gegenseitigkeit: Bei diesem "Peering" genannten Datenaustausch garantieren sich die Netzbetreiber gegenseitig, die Daten des jeweils anderen durchzuleiten. Nur bei krassen Ungleichgewichten kann es zur Erhebung von Peering-Kosten kommen - eine Daten-Maut, die der betroffe Netzbetreiber aus seinen Kundeneinnahmen finanziert.

An ihren Netzen verdienen die Betreiber der Infrastrukturen , indem sie diese für Dienste zur Verfügung stellen, vornehmlich aber, indem sie Gebühren von ihren Telefon- und Internet-Kunden erheben.

Auf der einen Seite sind dies die Web-Publisher, die für die Auslieferung ihrer Daten in der Regel volumengebunden bezahlen. Jede Seite, jede Audio- oder Videodatei, die von SPIEGEL ONLINE zum Nutzer läuft, muss also bezahlt werden - mit einem kleinen Betrag, der sich in der Masse aber zu erheblichen Kosten summiert. Viele Telkos respektive Serviceprovider stellen zudem Serverstrukturen zur Verfügung, die eine zusätzliche Einnahmequelle darstellen.

Auf Kundenseite wird die Dienstleistung des Netzes noch einmal bezahlt, in Form pauschal erhobener Telefonanschlussgebühren sowie als Internet-Gebühren, die zeitlich, per Datenvolumen oder Flatrate abgerechnet werden können. Die Telekom trennt das beim DSL sogar noch einmal auf, indem sie die eigentliche Internetgebühr zusätzlich zu einer Bereitstellungsgebühr für DSL erhebt.

Die Krise der Großen weckt den Umsatzhunger

Gerade den großen Netzbetreibern, die durch neue Konkurrenten in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland heftig ins Wanken gebracht wurden, reicht das nicht mehr. Sie sehen, dass sie als Betreiber der Infrastrukturen zwar auf den Kosten dafür sitzen, Regulierungsbehörden und Wettbewerbshüter ihnen die freie Preisgestaltung für die Untervermietung der Netze aber versalzen haben und zugleich die kleinen Anbieter das Endkundengeschäft zunehmend an sich reißen. Die Telekom in Deutschland ist da schon fast ein Paradebeispiel: Nach dem Einbruch im Festnetzkundenbereich bröckelten im letzten Jahr auch die DSL-Verkäufe kräftig.

Da liegt der Gedanke nahe, bei den vermeintlich Starken im Internetmarkt noch einmal abzukassieren: Aus Sicht der Telkos ist die Weiterleitung zunehmend multimedialer, Breitbandverbindungen erfordernder Datenpakete eine ganz besondere und daher honorierungswürdige Dienstleistung - und das, obwohl diese attraktiven Angebote das wichtigste Verkaufsargument der Telkos für den Verkauf von DSL-Anschlüssen darstellen dürften. Zyniker könnten da auf die Idee kommen, dafür Gebühren von den Telkos zu verlangen.

In Deutschland ventilierte Telekom-Vorstand Walter Raizner das Reizthema Ende November ganz beiläufig und sagte zugleich, die Telekom wolle erst einmal beobachten, wie das Thema in anderen Ländern diskutiert werde. Ein Versuchsballon, mit dem Raizner offenkundig versuchte, das Thema hierzulande steigen zu lassen. Anders als in den USA erfolgte kein lauter Schrei der Empörung - vielleicht, weil die Tragweite eines Wechsels zu einem Zwei-Klassen-Internet zu wenig begriffen wird.

Das Angebot einer käuflichen Präferenz auf dem Datenhighway ist letztlich eine Drohung - denn wer nicht kauft, landet auf dem Feldweg. Multimedialität wäre dann nicht drin, und Erfolg beim Internet-Nutzer würde das Angebot quasi von selbst erledigen: Nicht erreichbar hieße es dann, time out.

Die Telkos nennen als Beispiel für Unternehmen, bei denen sie gerne kassieren würden, vorzugsweise Firmen wie Google oder YouTube. Das ist billig und spielt mit den Neidreflexen: Klar, denkt man da schnell, die haben eh Milliarden. Das aber gilt nur für wenige Internetfirmen, die meisten arbeiten noch immer defizitär und die inzwischen profitablen unter ihnen zahlen oft an den Investitionskosten eines Jahrzehnts ab. Denn die Web-Startups, kreativen Agenturen und Online-Publisher gingen zu einer Zeit in Vorlage, als die Telkos längst fleißig kassierten - bei den Firmen, die sie nun erneut zur Kasse bitten wollen. Vielen von denen bliebe nichts anderes übrig, als Ressourcen abzubauen - oder wiederum ihre Kunden zur Kasse zu bitten.

Das wichtigste Argument gegen den Wegfall der Net Neutrality ist aber, dass dies den Status Quo im Netz zementieren würde: Wer Geld hat, hätte weiter Chancen auf Erfolg, wer keines hat, stünde auf dem Abstellgleis. Die Erfolgsgeschichten von heute reichen Unternehmen wie Amazon, Yahoo, Google, eBay, MySpace oder YouTube hätten unter solchen Bedingungen womöglich nie stattgefunden. All dies waren Firmengründungen durch pfiffige Jungunternehmer mit guten Ideen, während um sie herum viele der oft mediokren Ausgründungen finanzstarker Unternehmen im digitalen Orkus verschwanden.

Das ist Survival of the Fittest, wie man es sich wünscht. Was die Telkos offenbar weltweit planen, wäre dagegen Survival of the Richest.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: