Web-Fundstück Das Web durch Googles Augen

Google "sieht" das Web als Beziehungsgefüge. Je mehr Verbindungen eine Seite mit anderen aufweist, je öfter auf sie verwiesen wird, desto wichtiger erscheint sie Google. Der Google-Browser lässt uns zusehen, wie sich das Web für einen Suchrobot darstellt.


DPA

Deutschlands Medien - wer drinsteckt, weiß das - sind ein Dorf. In Windeseile verbreiten sich Gerüchte und Nachrichten, oft erfährt Redaktion A in Frankfurt von Redaktion B in Berlin, was demnächst in Frankfurt passieren wird.

Deutschlands Medien, so sieht das Google, sind ein Cluster. Ein in sich relativ geschlossenes Gebilde aus Marken und Querverbindungen. Theoretisch ist uns das ja klar: Google erfasst und analysiert das Web, indem er die Querverbindungen zwischen verschiedenen Seiten anschaut. Je mehr Verbindungen es zu einer Seite gibt, desto wichtiger muss die wohl sein - das ist Google-Logik, und sie funktioniert recht gut.

Das Resultat ist bei Google eine Ergebnisliste: Man sieht die Antwort der Maschine auf eine Frage, aber man sieht nicht, wie Google dazu gekommen ist.

Trend: Visualisierung von Suchergebnissen

Seit einigen Jahren geht der Trend in der Entwicklung von Suchmaschinen hin zu alternativen Aufbereitungsformen von Ergebnislisten. Suchergebnisse in ihren Kontexten zu sehen stellt in sich tatsächlich schon so etwas wie eine Relevanzprüfung dar. Ganz intuitiv erfasst man etwa bei Suchmaschinen wie Kartoo, ob ein gesuchtes Wort wirklich im Zusammenhang mit dem Thema steht, in dem man es finden will.

Automatische Standortbestimmung: Das publizistische Umfeld des SPIEGEL, so wie Google es sieht

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Der "GoogleBrowser" von Touchgraph leistet etwas ähnliches für Web-Adressen.

Die Software lässt keine Suche nach Themen zu, sie visualisiert das Beziehungsgefüge, in dem eine Website steht - ein Rechercheinstrument, dessen Faszination und Nutzen sich erst erschließt, wenn man eine Weile damit herumspielt. Suchergebnisse stellt der GoogleBrowser als eine Art Organigramm dar: Der SPIEGEL etwa steht demnach in einer relativ engen Beziehung zur "Süddeutschen Zeitung". Auch "Zeit", "Focus", "Welt", "FAZ", "taz" und "Stern" gehören zur Nachbarschaft. Von allen Fernsehseiten ist die Distanz zur Tagesschau die Kleinste. Relativ isoliert steht "Bild" etwas außerhalb und nur wenig verbunden mit dem Rest der Medien am Rand des Hauptclusters. So sieht das Google, sagt Touchgraph.

Interessant wird es nun, wenn man einzelne der Medienmarken anklickt und sich das Diagramm daraufhin

umschichtet. Aus "Bild-Sicht" rückt die Boulevardwebsite näher ans Zentrum, ohne jedoch je die Mitte einzunehmen. Alles ist eine Frage der Perspektive, die man zudem über eine Zoom-Funktion am rechten Bildschirmrand verändern kann. Über diverse Buttons lässt sich die Suchtiefe beeinflussen, die Zahl der Querverbindungen erhöhen oder einschränken.

Fleißiges Klicken offenbart kleinere und größere Inseln im Mediennetz:Tageszeitungen, die quer über die Republik nur mit wenigen anderen, dafür aber umso enger verbunden sind. "Schichtungen" der Medienmarken, nicht getrennt durch ihre jeweilige mediale Plattform, sondern durch den Grad ihrer Aktivität im Netz. Oder durch Besitzverhältnisse: Manche Marken "sehen" nur die eigene Verwandtschaft.

Man findet sogar einzelne Nachrichtenangebote, die im Cluster von Telekommunikationsunternehmen und IT-Dienstleistern stehen, fast kontaktlos zum Mediencluster. Sind das Abhängigkeiten? Wirtschaftlich wahrscheinlich schon, inhaltlich nicht unbedingt: Im Web ist gerade die genannte Branche auch "Content Provider".

Inhaltliche Rückschlüsse, das begreift man bald, sollte man daraus nicht immer ziehen.

Die Visualisierung offenbart auch den Grad der Organisation

Das zeigt auch ein anderes Experiment: Die Analyse des Netzwerkes der Webseiten politischer Parteien. Auch hier sind alle irgendwie mit allen verbunden. Mal mehr, mal weniger, mal nah, mal nur entfernt. Die SPD, ist festzustellen, verfügt über ein engmaschiges Netzwerk, das den Begebenheiten der realen Welt schon relativ nah kommt. Die Bundespartei steht in der Mitte, ganz dicht dabei die Bundestagsfraktion. Landesverbände

Politik durch Google-Augen: Die Grünen-Fraktion steht der CDU näher als die FDP oder sogar die CSU

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bilden den nächsten Level, gefolgt von einigen kleineren regionalen Strukturen.

Konkurrenzparteien und Koalitionspartner gibt es auch noch, doch etwas außerhalb des SPD-Clusters: Hier spiegelt sich ganz offenbar eine sehr konsequent verfolgte Internet-Strategie.

Die CDU hingegen scheint kein dichtes Cluster zu besitzen: Viel weniger kohärent erscheint die Gruppe der parteieigenen Webseiten. Aus "CDU-Sicht" sieht Google eine Art Cluster der Parteiseiten mit den Christdemokraten im Zentrum. Natürlich ist auch hier die Vernetzung mit den Angeboten verschiedener CDU-Landesverbände oder CDU-naher Strukturen (Stiftungen) recht eng. Recht nah stehen ihr im Web jedoch auch die Grünen - näher jedenfalls als die Junge Union, manche Landesverbände, als FDP oder die CSU. Zur CSU läuft die "beste Verbindung" im Übrigen von der Bundestagsfraktionsseite der CDU zur Bundesparteiseite der Grünen und dann erst nach Bayern.

Manchmal erscheint sie schon etwas krumm, diese "googlige" Sicht der Dinge.

Manchmal aber stößt sie auch Denkprozesse an: Was auch immer der GoogleBrowser darstellt, weit hergeholt ist es nicht - sondern gerade einmal aus dem Web. Und das ist, so sieht das aus, nicht grenzenlos und weltweit, sondern ein Verbund von Themen-Knäueln und Nachbarschaften.

Auch die Schwächen des Suchsystems offenbart die Visualisierung. So schön es ist, dass die verschiedenen Parteien miteinander "netzen", das heißt ja auch kommunizieren: Wer nach CDU sucht und bei den Grünen landet, fühlt sich da wohlmöglich falsch aufgehoben. Eine Listendarstellung zeigt solche Kontexte nicht, ein Organigramm schon.

Der GoogleBrowser ist also ein lohnender Surftip fürs Wochenende, ein schickes kleines Werkzeug, das hilft, sich weiter in die Struktur des Webs hinein zu fühlen. Hinterher ist man wieder ein kleines Stückchen schlauer.

Frank Patalong

P.S.: Der GoogleBrowser funktioniert nur mit einem Browser der letzten Generation (Mozilla, Netscape 7, Opera 6, Safari, Internet Explorer).



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