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Windows Azure: Microsoft greift nach der Wolke

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Was Google schon lange macht, soll jetzt auch Microsoft Erfolg bringen: Mit Windows Azure führt der Konzern ein Betriebssystem für sogenanntes Cloud Computing ein. Das Web dient dabei als dezentraler Datenspeicher und Riesen-PC - und soll künftig Milliardengewinne abwerfen.

Als er die neue Strategie verkündete, gab sich Microsoft-Manager Ray Ozzie selbstbewusst. "Das ist eine Wendepunkt für Microsoft", sagte der oberste Softwareentwickler des Windows-Konzerns am Montag auf der Entwicklerkonferenz PDC 2008 in Los Angeles. Kurz zuvor hatte er Windows Azure angekündigt, eine neue Version des Microsoft-Betriebssystems, die nicht mehr den eigenen Rechner, sondern das Internet ins Zentrum stellt. Gerüchte über ein solches System waren bereits im August aufgetaucht

Statt auf den PCs der Anwender soll Windows Azure ausschließlich in Microsofts eigenen Rechenzentren laufen. Programme und Daten werden von Azure über das Internet an die Kunden ausgeliefert. Die Grundlage dafür hat Microsoft bereits in den vergangenen Jahren geschaffen. Mehrere Milliarden Dollar soll das Unternehmen in eigene Rechenzentren investiert haben. Zudem sollen bestehende weiter ausgebaut, zusätzliche geschaffen werden.

Azure soll es Microsoft ermöglichen, seine Unternehmenssoftware künftig nicht mehr nur in Form von Programmen, die auf PCs installiert werden, anzubieten. Stattdessen sollen Microsoft-Anwender die Software künftig als Dienstleistung via Web mieten können. Unternehmen soll dieses System vor allem den Vorteil bieten, dass Rechnerleistung und Speicherkapazität jederzeit an aktuellen Anforderungen angepasst werden können. Neben Microsoft selbst sollen auch externe Anbieter ihre Software über die neue Plattform anbieten können.

Vom ersten Tag an profitabel

Als großen Vorteil für Entwickler stellt Microsoft heraus, dass diese sich nicht darum kümmern müssen, wie die Last ihrer Anwendungen auf die Rechner innerhalb eines Rechenzentrums oder auf verschiedene Rechenzentren verteilt wird. Diese Verwaltungsaufgaben übernimmt Azure selbst. Zudem sollen Entwickler Software für Azure mit denselben Hilfsmitteln entwickeln können, die sie auch zur Entwicklung bisheriger Windows-Anwendungen verwenden.

Die seit Montag erreichbare Version von Windows Azure soll offenbar nur einen Vorgeschmack darauf geben, was das System künftig leisten soll. Die aktuelle Version verfügt nur über einen Teil der zukünftig angepeilten Funktionen, ist dafür aber vorläufig kostenlos nutzbar. Was Microsoft seinen Kunden für die neuen Online-Dienstleistungen in Rechnung stellen will, mochte Ozzie noch nicht verraten. In einem Interview gab er sich jedoch sicher, dass das System "vom ersten Tag an profitabel arbeiten werde", sobald der Service seinen kommerziellen Dienst aufnehme.

Strategiewechsel

Mit der Einführung von Windows Azure vollführt Microsoft tatsächlich einen längst überfälligen Strategiewechsel. Seinen Erfolg und seine Marktdominanz verdankt das Unternehmen ganz seiner bisherigen Fixierung auf lokale Einzelsysteme. Sowohl auf Desktop-PCs als auch auf Firmenservern fungieren heute mehrheitlich die verschiedenen Windows-Varianten als Betriebssystem.

Das sogenannte Cloud Computing hingegen hat Microsoft bislang anderen Unternehmen überlassen. Als Cloud Computing bezeichnet man die Nutzung des Internets und der damit verbundenen Computer als riesigen, weit verzweigten Datenspeicher und Rechner, auf den man jederzeit und von überall zugreifen kann (mehr zu Cloud Computing bei SPIEGEL WISSEN). Cloud Computing ermöglicht die Nutzung sonst brachliegender Ressourcen, macht das Web selbst zum Großrechner. Google beispielsweise bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Online-Anwendungen, darunter auch Bürosoftware, an. Das Online-Versandhaus Amazon ist dazu übergegangen die Vermietung von Rechnerkapazitäten zu einem zweiten Standbein zu machen und auch IBM und SAP bieten ihren Unternehmenskunden längst an, Software via Web zu nutzen.

Spät, aber nicht zu spät

Trotzdem dürfte Microsofts Einstieg ins Cloud Computing alles andere als verspätet sein. Schließlich entwickelt dieser Markt sich erst und bietet mittel- und langfristig reichlich Potential. Das zumindest behauptet das Marktforschungsunternehmen IDC. Dessen Prognosen zufolge werden sich die Ausgaben für Cloud Computing bis 2012 auf 42 Milliarden Dollar (34 Milliarden Euro) verdreifachen. Von diesem Kuchen wird sich Microsoft ein ordentliches Stück abschneiden wollen. Die Möglichkeiten dazu hat das Unternehmen. Schließlich haben weltweit nur wenige Softwarekonzerne ähnlich üppige finanzielle Ressourcen und können auf einen derart großen Pool externer Softwareentwickler zurückgreifen.

Für Ray Ozzie dürfte Windows Azure noch eine weitere Bedeutung haben: Ozzie nämlich hat erst vor zwei Jahren den Microsoft-Gründer Bill Gates als Chefentwickler des Unternehmens abgelöst. Gates hatte seinen Konzern mit Software für Desktop-PCs zum Goldesel gemacht. Ozzies Aufgabe besteht nun darin, das Unternehmen endlich ins Internet-Zeitalter zu überführen, konkurrenzfähig zu Google & Co. zu machen. Mit Azure ist er auf diesem Weg einen ordentlichen Schritt voran gekommen.

Auf Kompatibilität wollte er dabei aber nicht verzichten. Deshalb wird Windows Azure auch mit lokal installierter Software, wie etwa Office, zusammenarbeiten. Sicher ist sicher.

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