Windows Vista Fensterputz mit Desinfektionsmittel

Wer Windows XP für ziemlich bunt hielt, hat Vista noch nicht gesehen. Das neue Windows lockt mit 3D-Spielereien, einem brauchbaren Browser und durchsichtigen Fensterrahmen. Viren und Würmer sollen künftig draußen bleiben. Hoffentlich stimmt das.

Von


Ist das noch ein PC oder schon ein Mac? Heutzutage fällt die Antwort auf diese Frage ja zunehmend schwer, seit sich Windows auch auf Apple-Computern installieren lässt. Der knallig-bunte Monitor, vor dem ich sitze, hängt jedoch erwiesenermaßen an einem PC, auf dem Vista läuft, das neue Windows. Der erste Eindruck erinnert in der Tat an Apple. Wie schon bei der Media Center Edition, der Wohnzimmer-Ausgabe von Windows, hat sich Microsoft mächtig ins Zeug gelegt, damit die Programm-Oberfläche der Seele des designverliebten Nutzers schmeichelt.

Sofort fallen die Widgets auf, kleine Programme auf dem Desktop, die Wetter, Börsenkurse und Nachrichten anzeigen. Bei Microsoft heißen sie übrigens Gadgets - wenn man schon kopiert, was andere Hersteller längst im Sortiment haben, dann soll das Ding wenigstens einen eigenen Namen bekommen.

Sofern der Rechner schnell genug ist und eine moderne Grafikkarte besitzt, dürfen sich Anwender auch über transparente Fensterrahmen freuen. Die machen das System zwar nicht besser, aber schöner. Mein nicht mehr ganz neuer Rechner mit 2,8-Gigahertz-Prozessor und einer Nvidia Geforce 6800 hat offenbar genug Rechenpower - denn ich sehe Windows Vista im sogenannten Aero-Look.

Schneller als frühere Windows-Versionen fühlt sich Vista jedoch nicht an. Wie sollte es das auch, schließlich werden die gigantischen Sprünge in der Rechenpower regelmäßig durch immer größeren Ressourcenhunger kompensiert.

Mehr RAM bitte!

Bei meinem alten 486er mit Windows 3.11, den ich letztens spaßeshalber mal vom Boden geholt und angeschaltet habe, hatte ich sogar den Eindruck, dass er schneller hochfährt als mein aktueller XP-Rechner. Das neue Vista verlangt übrigens vor allem viel Arbeitsspeicher, Experten empfehlen ein Gigabyte RAM für flottes Arbeiten, besser sogar zwei.

Mit Vista bügelt Microsoft einige Schwächen und Unzulänglichkeiten der Vorgängerversion XP aus, die immerhin schon fünf Jahre auf dem Buckel hat. So gibt es endlich eine brauchbare Suchfunktion, die automatisch Dateien auf dem Computer erfasst und für eine schnelle Volltextsuche indiziert. Auf diese Weise findet man eine Worddatei binnen Sekunden, auch wenn man weder weiß wie man sie genannt hat noch wo sie gespeichert ist.

Die Suchfunktion findet aber nicht nur Dateien, sondern auch Programme. Wie oft habe ich mich durch mehrere Ebenen im Startmenü gewühlt, nur um beispielsweise den integrierten Rechner zu öffnen? Die Zeiten sind mit Vista vorbei: Einfach den Begriff "Rechner" ins Suchfenster tippen, und schon während des Tippens wird das gesuchte Programm angezeigt. Eine solche Funktion war in Windows bisher nicht eingebaut - sie ließ sich nur mit zusätzlicher Software nachrüsten.

Auch die neue Foto-Galerie kann sich sehen lassen. Sie sortiert Bilder nach Erstellungsdatum und hat außerdem elementare Bildbearbeitungsfunktionen an Bord - zum Beispiel zum Entfernen roter Augen oder Beschneiden von Fotos. Eine zusätzliche Bildersoftware erübrigt sich so vielleicht für manchen Nutzer.

Mein erstes Fazit ist trotzdem kein gutes: Was Vista jetzt ab Werk kann, kann mein altes Windows schon längst - nach der Installation von Google Desktop und der Fotoverwaltung Picasa. Die Desktop-Software umfasst Widgets, einen Volltextindex und eine Suche, die schon beim Tippen Treffer anzeigt. Nur auf die Rahmen zum Durchgucken muss ich verzichten. Sieht so Fortschritt à la Microsoft aus?

Ja und nein. Denn Vista bietet auch einiges, das es so bisher nicht gibt. Zum Beispiel die umfassenden Jugendschutzfunktionen. Von der USK-Einstufung bis zu Zeitfenstern, in denen sich die eigenen Kinder am Rechner anmelden können - alles kann der Administrator genau regeln (siehe Fotostrecke unten).

In die Kategorie "nette Spielerei, die sogar nützlich sein kann" fällt die aufgemotzte Alt-Tab-Kombination zum schnellen Wechsel zwischen den geöffneten Programmen: Wie bei einer ähnlichen Funktion von Mac OS X werden dabei verkleinerte Ansichten der jeweiligen Fenster gezeigt. Zusätzlich gibt es noch eine Windows-Taste-Tab-Funktion, die die offenen Fenster dreidimensional hintereinander aufreiht. Mit jedem Druck auf die Tab-Taste wandert ein anderes Fenster ganz nach vorn. Sehr hübsch, wenn auch eher sinnfrei.

Endlich: Ein moderner Microsoft-Browser

Das meiste im Vergleich zu XP hat sich bei Vista aber unter der Haube getan - und dort war es auch dringend nötig. Microsoft wurde zurecht viel gescholten wegen immer neuer Sicherheitslücken. Kaum war ein Loch gestopft, tauchte das nächste an anderer Stelle auf. Größte Flickstelle war dabei der Internet Explorer 6, von dessen Benutzung Sicherheitsexperten sogar ganz abrieten.

Aber auch Windows insgesamt erwies sich als System mit vielen Risiken. Eine konsequente Beschränkung der Rechte für Benutzer wie unter Linux oder unter Mac OS üblich wurde von kaum jemandem praktiziert, weil es sich als Administrator schlicht am besten arbeiten ließ. Viren und Würmer hatten so leichtes Spiel und konnten sich problemlos tief im System einnisten.

Unter Vista hat Microsoft die Rechte der Benutzer strenger geregelt. Selbst wer mit Administrator-Rechten arbeitet, wird vor jeder Installation in einem Fenster extra gewarnt, dass er womöglich Schädlinge ins System bringt.

Allerdings erscheint die Warnung ziemlich oft und könnte den Nutzer abstumpfen, was die Tester vom Computermagazin "c't" nicht ganz zu Unrecht befürchten. Das tolle neue Konzept der Benutzerkontenkontrolle wäre damit schnell ausgehebelt - durch das größte Risiko an jedem Rechner, den Menschen. Die Benutzerkontenkontrolle lässt sich übrigens auch ganz abschalten, über die Systemkonfiguration.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.