Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Windows Vista: Kinderschreck aus Redmond

Von

Wenn irgendwann in diesem Jahr die neue Windows-Version Vista erscheint, wird die Revolution wohl ausbleiben. Was Vista können wird, kann die Konkurrenz schon lange. Kinder dürfte das neue Windows allerdings ärgern.

Der große Innovator, der mit cleveren Produkten die Welt überrascht, war Microsoft nie. Das Unternehmen, das Bill Gates zum reichsten Mann der Welt gemacht hat, verdient sein Geld meist mit Produkten, die bereits existierenden Produkten ähneln. Microsoft nimmt Trends auf, die andere gesetzt haben, und fährt die Ernte ein.


Die erste Windows-Version mit grafischer Oberfläche war nicht das erste derartige Betriebssystem auf dem Markt – aber es lief anders als Mac OS auch auf billiger Hardware. Die Spielkonsole Xbox aus dem Hause Microsoft erinnerte stark an eine technisch leistungsfähigere Version der Playstation 2, mit der Sony immer noch den Markt dominiert. Einen modernen Webbrowser mit Funktionen wie Tabbed Browsing hat Microsoft erst jetzt mit dem Explorer 7 entwickelt. Die Beta-Version bietet, was Mozilla, Opera und Safari schon seit Jahren beherrschen.

Der Macht von Microsoft hat diese Behäbigkeit kaum geschadet. Windows dominiert den PC-Markt unangefochten. Dass das Betriebssystem sich immer wieder als anfällig für Viren und Würmer erweist, ärgert viele Nutzer. Aber die Konsequenz, zu einem anderen Betriebssystem zu greifen, etwa Linux oder Mac OS, ziehen zu wenige, als dass man sich in Redmond ernsthaft Sorgen machen müsste.

In diesem Jahr soll mit Windows Vista der Nachfolger von Windows XP erscheinen – vor allem in punkto Sicherheit sind die Erwartungen hoch. Wird das Betriebsystem besser konzipiert sein, so dass Schädlinge nur noch in wenigen Fällen zum Zuge kommen? Microsoft verspricht jedenfalls, dass die Sicherheit eine große Rolle bei Vista spielen wird.

Was den Vista-Nutzer bei der Bedienung erwartet, können Beta-Tester schon seit einigen Monaten begutachten. Auch auf der Cebit erlaubt Microsoft Einblicke in Vista. Sensationell Neues gibt’s dabei kaum zu entdecken: Die Oberfläche sieht auf den ersten Blick aus wie ein renoviertes XP.

Papa ist Administrator

Neuerungen, die einem am Messestand als solche vorgeführt werden, sind bei anderen Betriebssystemen schon länger Standard - oder mit Zusatzsoftware leicht für XP nachrüstbar. So zum Beispiel eine Sortierung von Digitalfotos nach ihrem Entstehungsdatum. Ebenso eine allumfassende Suchfunktion. Man tippt beispielsweise "word" in das Fenster ein – und noch während des Tippens werden die ersten Treffer angezeigt: das Programm Word und der gestern geschriebene Text, in dem der Begriff Word mehrfach auftaucht.

Egal ob der Treffer aus dem Volltextindex stammt oder ob es sich um ein Programm handelt – man kann ihn direkt anklicken und so die Anwendung starten beziehungsweise die Datei öffnen. Eine derartige Funktion bietet übrigens auch Google Desktop 2 – das Programm läuft unter dem alten Windows XP.

Auch Widgets – praktische kleine Progrämmchen für den Desktop – hat Vista an Bord. Mac-User können über diese "Innovation" nur müde lächeln. Selbst Windows-Nutzer müssen schon lange nicht mehr auf Widgets verzichten. Bei Drittanbietern kann man sie in allen Varianten herunterladen.

Eine echte Neuerung hat Vista aber doch an Bord. Nein, es sind keine Open-Source-Programme - Microsoft hat ein umfassendes Konzept für den Kinder- und Jugendschutz entwickelt. Die Eltern, so sie denn wissen, was Administratorrechte sind, können haarklein festlegen, was ihre Sprösslinge am Rechner treiben dürfen und was nicht.

Big Brother für zu Hause

Voraussetzung ist allerdings, dass jedes Kind ein eigenes Benutzerkonto hat – und nicht das Passwort von Mami oder dem großen Bruder kennt. Für jeden Benutzer lässt sich festlegen, welche Programme er überhaupt starten darf, ob Downloads erlaubt sind und welche Spiele er spielen darf.

Microsoft will zudem die USK-Einstufung für Games unterstützen. Hat ein Kind von seinen Eltern die Einstufung "ab 12 Jahren" bekommen, dann sollte er oder sie alle Spiele starten dürfen, die so eingestuft wurden.

Daneben erlaubt die neue Elternfunktion auch Zugriffssperren für bestimmte Tageszeiten. Wer fürchtet, dass die eigenen Kinder rund um die Uhr vor der Kiste sitzen, verbietet einfach die Anmeldung, bis auf das Zeitfenster - sagen wir mal - von 17.30 bis 18.30 Uhr.

Eltern, die bislang auf Drittanbieter angewiesen waren, wenn sie die PC-Beschäftigung ihrer Kinder regeln wollten, dürften sich also am meisten über das neue Windows freuen.

Mit der neuen Funktion lässt sich der Nachwuchs auch ein bisschen überwachen: So wird protokolliert, welche Webseiten besucht wurden und ob gechattet wurde. Inhalte von Chats oder E-Mails zeigt das Programm allerdings nicht an – immerhin. Man sollte auf jeden Fall mit den Kindern darüber sprechen, was die Software alles überwacht, empfiehlt man bei Microsoft, damit's hinterher keinen Ärger mit den Kindern gibt.

Kinder werden sich über das neue Vista wohl eher ärgern. Das tun hoffentlich auch die Programmierer von Viren und Würmern. Wie sicher Vista aber tatsächlich ist, wird sich erst zeigen, wenn es in größerer Stückzahl installiert ist.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Windows Vista: Kinder unter Kontrolle

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: