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WM im Fernsehen: Deutschland jubelt asynchron

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Normalerweise schreien Fußballfans wie aus einer Kehle "Tor", wenn ihre Mannschaft endlich den Ball zwischen die Pfosten gehämmert hat. Im Zeitalter des Digitalfernsehens ist jedoch Schluss mit den gemeinsamen Jubelschreien.

Ein WM-Abend in Hamburg. Die Biertische vor den Restaurants auf dem Schulterblatt, der wichtigsten Straße im Schanzenviertel, sind bis auf den letzten Platz besetzt. Hunderte starren wie gebannt auf Fernseher und Großleinwände - der Fußball hat das Szeneviertel vollends im Griff.

Fanjubel: Wegen Digital-TV mit vier bis sechs Sekunden Verzögerung
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Fanjubel: Wegen Digital-TV mit vier bis sechs Sekunden Verzögerung

Doch wenn ein Tor fällt, kann man Seltsames beobachten: Erst jubeln die Gäste des Portugiesischen Restaurants, ein paar Sekunden später springen nebenan beim Italiener die Leute hoch. Alle verfolgen die WM live, doch wer Digitalfernsehen schaut, schaut hinterher - mitunter vier bis sechs Sekunden.

Dass live nicht unbedingt live bedeutet, ist seit Einführung des Satellitenfernsehens bekannt. Wenn das Fernsehsignal den Umweg über einen Satelliten in knapp 36.000 Kilometern Höhe nimmt, dann benötigt es rund eine Drittelsekunde länger, als wenn es direkt über Antenne ausgestrahlt wird.

Seit das analoge Antennenfernsehen aber durch DVB-T, also digitales Fernsehen ersetzt wurde, ist die Antenne gewaltig ins Hintertreffen geraten. Die Ursachen liegen in der Digitaltechnik.

Schon in den sogenannten Playout Centern entstehen Verzögerungen von 0,3 bis 0,5 Sekunden. Hinzu kommt ein zusätzlicher Zeitaufwand für die Digitalisierung und Kompression ins MPEG-2-Format. Und auch der DVB-T-Receiver trägt zum Hinterherhinken des Digitalfernsehens bei: Er muss das Signal dekodieren und analogisieren - diese Rechenaufgabe kostet Zeit.

Fußballbilder im Puffer

"Die Verzögerung ist von Receiver zu Receiver verschieden, weil meist noch eine Fehlerkorrektur im Gerät hinzukommt", erklärt Sven Hansen, Audio/Video-Experte beim Computermagazin c't. Dafür müssten die Daten intern gepuffert werden - sie werden also vor der Ausgabe an den Fernseher zwischengespeichert.

In den Broschüren das sogenannten Überallfernsehens, als das DVB-T vermarktet wird, ist von drei bis fünf Sekunden Verzögerung die Rede. Unterschiede gibt es aber auch von Programm zu Programm, je nachdem in welcher Form die Sender ihr Fernsehsignal für DVB-T zur Verfügung stellen. "Das ZDF spielt sein Programm von Vornherein digital aus und hat deshalb nach unserer Erfahrung bei DVB-T die geringste Verzögerung", sagt Hansen. Bei aktuellen Messungen in Hannover habe diese nur zwei Sekunden betragen - bei der ARD seien es hingegen sechs Sekunden gewesen.

Offenkundig werden die Verzögerungen, wenn man einen analogen Kabelanschluss mit DVB-T vergleicht, wie es beispielsweise in den Kneipen auf dem Hamburger Schulterblatt möglich ist. Das Analogkabel ist am schnellsten - DVB-T hinkt deutlich sicht- und hörbar hinterher.

Time-Shifting ausschalten

Auch Premiere-Abonnenten jubeln nur mit Verzögerung. Ursache ist auch hier die digitale Übertragungstechnik - auch wenn das Signal über Kabel nach Hause kommt.

Wer die WM über einen modernen Festplattenrekorder verfolgt, verliert mitunter weitere Sekundenbruchteile: "Eingeschaltetes Time-Shifting verzögert das Fernsehprogramm ebenfalls", sagt c't-Experte Hansen. "Wer keine Verzögerung will, sollte das Time-Shifting am besten ausschalten."

Den anderen Zuschauern vier Sekunden hinterherzujubeln, mag für manchen schon schlimm sein. Noch schlechter sind aber jene dran, die ein WM-Spiel über ihr UMTS-Handy verfolgen: Von einer Live-Übertragung kann dann kaum noch die Rede sein, denn die Telefone puffern den Datenstrom zusätzlich, um bei Schwankungen der Datenübertragung nicht sofort eine Unterbrechung zu riskieren. T-Mobile spricht bei seinem Fußballprogramm deshalb auch von "nahezu live".

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