Zahmer Videorecorder Microsofts Angst vor RTL und Hollywood

Mit seinem frisch renovierten digitalen Videorecorder will Microsoft endlich den Weg in die Wohnzimmer schaffen. Damit es keinen Ärger mit privaten TV-Stationen gibt, fehlt beim Media Center 2005 eine Schnittfunktion - die Werbeblöcke bleiben drin.

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Gates mit Media Center 2005: "Digitaler Lifestyle von morgen"

Gates mit Media Center 2005: "Digitaler Lifestyle von morgen"

Für manchen Film- oder Musikmanager muss es ziemlich bedrohlich klingen, wenn Microsoft, der größte Softwarekonzern der Welt, den Computer zum "Herzstück des digitalen Lifestyles von morgen" erklärt. Sind PCs nicht vor allem das Werkzeug der Raubkopierer? Und Tauschbörsen im Internet nicht der weltgrößte Umschlagplatz für Hehlerware?

Doch wirklich fürchten braucht man sich in Hollywood und bei den Plattenfirmen vor Bill Gates Visionen nicht. Denn Bill ist ein good guy und will Raubkopierern das Leben so schwer wie möglich machen. "Uns geht es ja selbst wie der Musik- oder Filmindustrie, denn wir wollen für unsere Leistungen bezahlt werden", betont Gates.

Microsoft setzt voll und ganz auf digitales Rechtemanagement (DRM). Die Antwort auf MP3 und DivX heißen WMA und WMV - jeweils mit detailliert festlegbaren Brenn-, Kopier- und Abspiellizenzen.

Und Microsoft tut sogar noch mehr. Bei der vergangene Woche vorgestellten Media Center Edition 2005, einem Windows-XP mit digitalem Videorecorder, Diashow-Funktion und Musikverwaltung, hat das Unternehmen nicht alles umgesetzt, was möglich ist.

Windows Media Center: Werbeblöcke bleiben drin

Windows Media Center: Werbeblöcke bleiben drin

Zwar kann der so genannte Personal Video Recorder (PVR) jetzt auch einen Film aufnehmen, während man eine Sendung auf einem anderen Sender schaut. Auch die Werbung per Vorlauf zu überspringen, ist damit kein Problem.

Doch eine elementare Schnittfunktion fehlt nach wie vor. Wer eine Aufnahme auf DVD brennt, was auf der Fernbedienung wenige Knopfdrücke erfordert, schreibt auch die Werbeblöcke mit auf die Scheibe. Sehr ärgerlich vor allem bei längeren Filmen, die dann nicht mehr auf eine DVD passen, oder mit Qualitätseinbußen stärker komprimiert werden müssen.

"Wir wollen nicht Dinge auf den Markt bringen, die man später nur mit großem Aufwand wieder rückgängig machen kann", erklärte ein Microsoft-Manager in der vergangenen Woche am Rande der Präsentation des Microsoft-Videorecorders in Hamburg.

Micrsoft will es sich offenbar mit den privaten TV-Stationen nicht verscherzen, denn diese begreifen digitale Videorecorder zunehmend als Bedrohung für ihr Geschäft. Auch wenn derzeit nur die kleine Gruppe der Early Adopter mit PVRs fernsieht - es könnten schon bald viel mehr sein.

TV-Werbeticker auf fernsehfee.de: Klage von RTL
TC Unterhaltungselektronik AG / fernsehfee.de

TV-Werbeticker auf fernsehfee.de: Klage von RTL

"Wir beobachten die Entwicklung sehr genau", sagt RTL-Sprecher Christian Körner gegenüber SPIEGEL ONLINE. An einen baldigen Durchbruch der Technik glaubt er jedoch nicht: Fernsehen sei für viele ja auch zeitliche Orientierung im Tagesablauf. "Wenn um 20.15 Uhr 'Wer wird Millionär' beginnt, dann muss das Essen um Acht auf dem Tisch stehen." An den Gewohnheiten, die sich über viele Jahre entwickelt hätten, werde sich so schnell nichts ändern. Und: "Nicht alles was technisch möglich ist, spricht den Zuschauer an."

Technisch möglich ist zum Beispiel das automatische Ausblenden von Werbung. Eine Funktion, die eventuell sehr viele Menschen ansprechen könnte. RTL wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen und verklagte die TC Unterhaltungselektronik AG, den Hersteller der Fernsehfee. Die kleine Box stoppt den Videorecorder während der Werbeblöcke oder zappt einfach weg. Doch das Gerichtsverfahren endete aus RTL-Sicht wenig erfreulich: Am 25. Juni wies der Bundesgerichtshof die RTL-Klagen in letzter Instanz zurück - RTL verzichtete überraschend auf eine Verfassungsbeschwerde.

"Wir sind nicht vors Bundesverfassungsgericht gegangen, weil der Gegenstand der Klage, Fernsehfee 1, nicht mehr existiert", sagte RTL-Sprecher Körner. Der Clinch mit den Fernsehfee-Erfindern ist damit nicht beendet. RTL habe bereits eine einstweilige Verfügung vor dem vor dem Landgericht Köln gegen das aktuelle Nachfolgermodell der Fernsehfee erwirkt, so Körner. Die finde demnächst statt.

Weil sich ein Siegeszug digitaler Videorecorder möglicherweise ja doch nicht verhindern lässt, tüfteln die Privatsender bereits an alternativen Werbeformen, die Werbekiller ins Leere laufen lassen. "Warum soll nicht rechts oben das Logo eines Sponsors eingeblendet sein?", fragt RTL-Sprecher Körner. "Warum soll es nicht viele kurze Werbeunterbrechungen geben statt zwei oder drei langen Werbeblöcken?"

Gates mit Queen Latifah: "Uns geht es wie der Musik- oder Filmindustrie"

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Die Werberichtlinien sollten überdacht werden, meint Jörg Blumtritt vom RTL2-Werbevermarkter El Cartel Media. Dies sei dringend erforderlich, wenn es weiterhin erfolgreiches privat finanziertes Fernsehen geben solle, sagte er dem Fachblatt "Werben und Verkaufen".

Die neueste Erfindung von Fernsehsendern und Hollywoodstudios ist das so genannte Broadcast-Flag. Bei jeder Sendung kann damit festgelegt werden, ob diese mit digitalen Videorecordern aufgenommen werden darf. In den USA ist das Flag bereits Gesetz - Hersteller müssen ihre Festplattenrecorder ab Mitte nächsten Jahres entsprechend ausrüsten. Auch Microsofts Media Center 2005 unterstützt das Flag. Ob und wann es in Deutschland kommt, ist noch ungewiss.

Doch die Hollywoodstudios werden dem fröhlichen Treiben der Festplatte-DVD-Recorder-Kombinationen wohl nicht mehr lange tatenlos zuschauen. Die Leute sollen schließlich DVDs im Laden kaufen und nicht zum Nulltarif bei ARD oder RTL aufnehmen.



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