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24.11.2000
 

Grün macht Ernst

Willkommen zum ersten virtuellen Parteitag

Die CDU plant, die FDP denkt, die Grünen machen: Heute begann der tatsächlich erste virtuelle Parteitag, bei dem alle Parteimitglieder rede- und stimmberechtigt sind.

Zum Thema Ladenschluss hat Carsten Gabbert eine eindeutige Meinung: "Mittlerer Weg ist bester", lautete seine kurze Antwort am Freitag zu Beginn des weltweit ersten virtuellen Parteitags der baden-württembergischen Grünen. Das Landesvorstandsmitglied war einer der ersten von 116 Delegierten, der seinen Diskussionsbeitrag ins Netz stellte.

Bis zum 3. Dezember sind die Teilnehmer aufgerufen, im Internet parallel über drei Anträge zu den Öffnungszeiten der Geschäfte und über die elektronische Bürgerdemokratie zu diskutieren und anschließend per Mausklick abzustimmen. Die Grünen in Baden-Württemberg beschreiten damit neue Wege. Im Internet ist ihrer Auffassung nach die Basisdemokratie am ehesten möglich. Denn alle 7.500 Mitglieder sind redeberechtigt. Es gibt keine Schließung der Rednerlisten und auch keine Frauenquote. Jeder darf so oft seine Meinung kundtun, wie er will. Dazu benötigt das Parteimitglied nur ein spezielles Passwort.

Auch jeder Interessierte kann die Diskussionen verfolgen, wie Landeschef Andreas Braun in Stuttgart erläutert. Die Idee zu dem virtuellen Parteitag hatte Marc Mausch. Der Physiker arbeitet als IT-Entwickler. "Ich bin ungefähr so aufgeregt wie vor einem Weltraumflug", meinte er zu Beginn des Parteitags. Und prompt ging beim ersten Einloggen auch etwas schief. Der Rechner wollte das Passwort von Mausch nicht akzeptieren.

Klasse: Sogar ein virtuelles "Podiumstürmen" ist möglich

Die Veranstaltung im Netz ist in mehrere Bereiche aufgebaut. Der Mitgliederbereich ist nach Angaben von Mausch nur "schwach geschützt." Da sei eine Attacke durch Hacker durchaus möglich. "Das ist dann, wie wenn jemand das Rednerpult stürmt."

Der Abstimmungsbereich hingegen sei so sicher wie "Internet-Banking". Wenn ein Delegierter sich in einem Zeitraum von 30 Stunden in das Netz einloggt, verpasst er keine Abstimmung. "Es ist so gedacht, dass sich jeder Delegierte im Schnitt einmal pro Tag einloggt, einige Meinungen liest und die eigene Meinung per Text eingibt", erklärt Braun. Der neuste Diskussionsbeitrag steht immer am Anfang. Dafür, dass es bei dem virtuellen Parteitag geordnet zugeht, sorgt das Präsidium. Es moderiert den ganzen Diskussionsprozess.

Die Beiträge von prominenten Gastrednern sollen den Diskussionen während des virtuellen Parteitags eine besondere Note verleihen. Der Fraktionschef im Bundestag, Rezzo Schlauch, will am kommenden Dienstag eine Stunde online mit von der Partie sein. Er ist außerdem Delegierter für den Kreisverband Stuttgart.

Auch sonst sind die Macher bemüht, echte Parteitagsatmosphäre zu schaffen. So ist beispielsweise unter der Rubrik "Parteitagsgeflüster" Raum für die neuesten Gerüchte oder auch für "persönliche Erklärungen" von den Delegierten. Virtuell können sogar die berühmten Kaffeepausen abgehalten werden. Bei der Rubrik "Kaffeeecke" kann sich jeder Interessierte seine Tasse Kaffee per Mausklick zubereiten. Nur mit dem Trinken hapert es noch ein bisschen.

Oliver Schmale, ap

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