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08.02.2001
 

Mein digitaler Alltag

Heart Soft

Von Henrik Bollermann

Zwei Jungen, ein schlafloser Sommer, ein früher Computer, eine Idee. Wir bauten Schlösser und Verließe, wir schufen ein Start-up, bevor man von so etwas sprach. Nur beendet haben wir es nie.

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Vier Buchstaben. Mit Einfingersuchsystem über die grauen Gummitasten des kleinen schwarzen Kästchens wurden sie auf dem riesigen grauen Bildschirm sichtbar. Dann "Enter" und die "Play"-Taste am Kassettenrecorder drücken und hoffen, dass die Kassette auch wirklich an der richtigen Stelle ist. Als visuelles Äquivalent des fiependen Rauschens der binären Informationen auf der Kassette wurde auf dem Bildschirm ein Durcheinander farbiger Linien sichtbar. Welche Farben das waren, weiß ich nicht, weil ich ja nur einen Schwarzweißfernseher hatte.

Mein kleiner Wunderkasten, die Büchse der Pandora. Sein eigentlicher Name war ZX Spectrum, und ich hatte ihn gebraucht zur Konfirmation geschenkt gekriegt. Ein richtiger Computer war das! Unglaubliche 16K Speicherplatz hatte er, und damit konnte man schon einiges zaubern. Frösche wurden über befahrene Straßen in sichere Teiche gelotst, Mauer um Mauer wurde mittels einer ziemlich quadratischen Kugel durchbrochen und das gesamte Hobbitland unter großen Gefahren erkundet.

Nicht dass ich das Hobbitland je auf dem Bildschirm gesehen hätte, aber die Texte aus dem Computer beschrieben genau, was dort zu sehen war:

>YOU ARE STANDING IN FRONT OF A SMALL HOUSE. SMOKE IS COMING FROM THE CHIMNEY.
NORTH: THE WOODS
WEST: A DOOR
SOUTH: A CLIFF
EAST: THE PATH
>go west
>THE DOOR IS CLOSED
>open door

Sobald ich aus der Schule kam, wurde der Computer angemacht und erst wieder ausgemacht, wenn meine Mutter mich mit einer gewissen Schärfe in der Stimme auf das Abendessen und noch zu erledigende Hausaufgaben hinwies.

Auf dem bisschen Platz, das neben Fernseher, Computer und Kassettenrecorder noch auf dem Tisch war, lagen die "Karten". Aus meinen Matheheften hatte ich sie gerissen, um mit Bleistift darauf das Hobbitland zeichnen zu können. Unbedingt nötig waren die, damit ich mich in dem Textgewirr nicht zu sehr verlief.

Mein damaliger Mathelehrer war sehr fortschrittlich, und da wir den vorgeschriebenen Stoff bereits durchgenommen hatten, verbrachten wir die letzten Mathestunden vor den großen Ferien mit Informatik! Dazu gab es im Keller unserer Schule einen alten Abstellraum, in dem mehrere ZX80 standen (also das Vorläufermodell meines eigenen Computers). Hier lernte ich, wie man dem kleinen Kasten selber Leben einhauchen konnte.

BASIC!

Fortan wurde mein Leben bestimmt von Zeilennummern, GOTO-Schleifen und PRINT-Befehlen. Zusammen mit meinem besten Freund beschloss ich, selbst eine Welt zu erschaffen, in der andere ebenso spannende Abenteuer durchleben konnten.

Und was braucht man dazu vor allem? Klar - eine "Software-Firma", deren Logo man während der Ladezeiten des Spiels bewundern konnte. Das war die Geburtsstunde von "HEART SOFT".

Dieser Name war uns nach langem Überlegen eingefallen, und wir waren stolz darauf. Wegen des Wortspiels, aber auch, weil man daraus ein tolles Logo machen konnte. Es dauerte einige Tage, bis wir uns über die administrative Struktur der Firma einig waren, aber als alles geklärt und die Firmenausweise erstellt waren, machten wir den Tag zur Nacht und fühlten uns wie echte Hacker.

Ich glaube, ich habe in keinen Sommerferien meines Lebens weniger geschlafen. Und nach sechs Wochen hatten wir nicht nur das Titelbild! Oh nein - mehrere Räume des Schlosses, in dem unsere Geschichte anfangen sollte, waren bis ins Detail beschrieben und "begehbar". Dann jedoch kam die große Frage, was genau eigentlich das Ziel des Spiels sein sollte und ob es darin Elfen, Kobolde und Trolle geben sollte. Das war schwierig, und wir konnten uns nicht einigen. Außerdem fing auch die Schule wieder an, so dass Heart Soft das Projekt fallen ließ und nie wieder aufnahm.

Heart Soft ist mit diesem Projekt gestorben. Aber manchmal mache ich heute noch den verstaubten Koffer auf dem Dachboden auf, hefte mir meinen Firmenausweis ans Revers und streiche über die unwiderstehlichen Gummitasten. Wir hätten unseren Platz unter den Pionieren einnehmen sollen, dann wären wir jetzt reich...

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