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09.02.2001
 

Icann

"Mehr Geheimnistuerei als im Vatikan"

Von Frank Patalong

Vinton Cerf, Vorsitzender der Icann, musste sich am Donnerstag einem Kongress-Hearing stellen, in dessen Verlauf die seltsamen Entscheidungswege der "Internet-Verwaltungsbehörde" scharf kritisiert wurden. Wie frei ist Icann wirklich?

Vinton Cerf vor dem Kongress-Ausschuss: "Icann ist noch jung und muss reifen"
AP

Vinton Cerf vor dem Kongress-Ausschuss: "Icann ist noch jung und muss reifen"

Vinton Cerf gilt als einer der Väter des Internet. Der ehemalige Darpanet-Angestellte und heutige Icann-Vorsitzende genießt in Politik, Internetgemeinde und Wirtschaft einen guten Ruf. Ein Glücksfall für die Internet Association for Assigned Names and Numbers.

Seinem Standing entsprechend gingen die Mitglieder des Kongress-Ausschusses bei aller Kritik respektvoll mit Cerf um. Auf der Tagesordnung stand die Frage, ob die Icann mit ihren seltsamen Entscheidungen zugunsten einiger weniger neuer Top-Level-Domains (TLDs) und gegen zahlreiche, teils offensichtlich sinnvolle Vorschläge den Wettbewerb behindere. Ende letzten Jahres entschied die Icann, neben den bekannten TLDs wie .net, .com, .org einige neue einzuführen, um der zunehmenden Enge im Internet-Namensraum Herr zu werden.

Die Entscheidung der Icann fiel auf die neuen TLDs ".aero" für die Luftfahrtindustrie, ".biz" als Alternative für .com, ".coop", ".info", ".museum", ".name" und ".pro" als exklusive Domain für Anwälte, Ärzte und Steuerberater. Eine Entscheidung, in der viele Kritiker vergeblich nach Sinn und Verstand suchen: "biz" etwa sei völlig obsolet. Wer eine com-Adresse halte, werde sofort versuchen, sich auch eine biz-Adresse zu reservieren - verschenkter Namensraum.

Warum die Luftfahrtindustrie eine eigene TLD brauche, während diese für Banken nicht nötig sei (".bank"); warum man nicht stattdessen ".travel" habe einführen können, um die gesamte Reisebranche einzubeziehen, all das sind berechtigte Fragen. Wichtiger noch aber ist die Frage nach den Kriterien hinter der Icann-Entscheidung: Regierte hier, wie ein Insider vor dem Kongress bezeugte, die nackte Willkür?

Alle wollten ".sex" - nur die Icann nicht

Tatsächlich hätten zumindest zwei neue TLDs den Beifall der Öffentlichkeit gefunden: ".kids" als TLD für jugendfreie Inhalte und ".sex" oder ".xxx" als klare Kennzeichnung für die Schmuddelecken des Webs. "Dieses Komitee", sagte der republikanische Kongressabgeordnete John Shimkus, "hätte sie herzlicher empfangen, wenn sie ihre Position dazu genutzt hätten, die Frage der Pornografie auf dem Web anzugehen. Viele von uns glauben, dass sie eine große Gelegenheit einfach verpasst haben".

Mit einer Entscheidung für diese TLDs hätten sich tatsächlich zahlreiche, dem Medium inhärente Probleme lösen lassen. Nicht nur hätte es das Ausfiltern pornografischer Inhalte erleichtert, mit einer "kids"-Endung hätte man Browser-Technologien entwickeln können, mit denen man Kinder getrost hätte allein surfen lassen dürfen. Die von Politikern und Pädagogen forcierte Vision des "Walled Garden", des geschützten, umzäunten Bezirks im Web hätte sich weit leichter umsetzen lassen.

Doch Icann wollte nicht. Icann habe technische Verwaltungsaufgaben, sagte Cerf, und sei nicht dafür da, politische Probleme zu lösen. Dass in diesem Augenblick kein Kongressmann entgegnete, dass Icann dann nicht über solche politisch brisanten Dinge entscheiden dürfe, ist demaskierend: Offenbar weiß der Kongress eine solche Sicht der Autoritäten durchaus zu würdigen.

Trotzdem beantwortete Cerf die Frage nach den Kriterien der Icann nicht. Die Vorschläge lagen auf dem Tisch, insgesamt 47 wurden gegen eine Gebühr von stolzen 50.000 Dollar pro Antrag von der Icann angenommen. Macht 2.350.000 Dollar, die die chronisch unterfinanzierte Icann samt und sonders für die Bearbeitung der Vorschläge ausgegeben haben will. Das Geld haben die unterlegenen Antragsteller nun verloren, auch wenn Icann tröstet, sie könnten dafür künftig kostenfrei weitere Vorschläge unterbreiten.

Die dann auch wieder nicht gehört werden? Wie Icann im Inneren funktioniere und entscheide, meinte jedenfalls der demokratische Kongressabgeordnete Edward Markey, sei völlig undurchschaubar: "Dagegen ist das, was im Vatikan passiert, weit weniger mysteriös".

Vint Cerf will das nicht auf sich sitzen lassen: Icann habe alle Entscheidungen "völlig transparent" gemacht. Ja, es habe Fehler gegeben, aber "Icann ist noch jung und muss noch reifen".

Und die Moral von der Geschicht'?

Argumente und Gegenargumente, teils bissig, teils butterweich. Am Ende sagte der Kongress "Jein" zu Icann: Derzeit denke niemand daran, in das Geschäft der "Regierung des Internet" ("New York Times") einzugreifen.

Was für eine Botschaft, denn Cerf hatte durchaus Grund, sich darüber Sorgen zu machen. Entgegen den hehren Absichtserklärungen im Kontext der Icann-Gründung und der ersten, mehr oder weniger demokratischen weltweiten Wahl im letzten Jahr, ist Icann nach wie vor weder souverän noch wirklich "international".

Im Zweifelsfall muss Icann dem amerikanischen Kongress Rede und Antwort stehen, der sich erst kürzlich per Rechtsgutachten hat versichern lassen, dass das US-Finanzministerium nach wie vor das letzte Wort in Sachen A-Root-Server und Domain-Verwaltung habe. Letztlich ist das die Botschaft hinter dem scheinbaren "Freispruch" für die Icann in der Kongress-Untersuchung gegen die Organisation: Das Web ist und bleibt eine amerikanische Veranstaltung.

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