Von Jochen A. Siegle
"Das ist einfach skandalös", ruft Marilyn Garret immer wieder empört in den vollen Kinosaal. Die Mitfünfzigerin hat sich an diesem frühen Abend mit ihren drei Freundinnen extra vom Küstenstädtchen Santa Cruz in die heimliche Valley-Hauptstadt San Jose aufgemacht, um sich die Dokumentation "Secrets of Silicon Valley" anzuschauen. "Man munkelt ja schon seit Jahren, dass viele Hightech-Firmen ihre Mitarbeiter ausbeuten, aber das ist ja wirklich unglaublich", zürnt Garret nach der Vorstellung.
Genau dieses Feedback haben sich die Filmemacher Alan Snitow und Deborah Kaufman aus Berkeley für ihren 60-Minuten-Streifen erhofft. "Wir wollten endlich mal alle Aspekte der New Economy zeigen", erklärt Snitow. "Die Menschen sollen sich einfach mehr Gedanken machen über die Schattenseiten des Hightech-Booms und die unbändige Gier des Valleys."
Fernab von E-Hype, Venture-Capital-Millionen und dekadenten IPO-Feten schuften im Tech-Delta Jahr und Tag Tausende einfache Arbeiter für Hungerlöhne. Nicht viel mehr als 6,50 US-Dollar pro Stunde zahlen von Renommierfirmen wie Hewlett-Packard oder Cisco engagierte Unternehmen ihren Lagerarbeitern, Packern oder Staplerfahrern. Ein solcher Lohn reicht im horrend teuren Milliarden-Tal nur zu einem Leben unter dem Existenzminimum. Nicht selten pendeln die schwächsten Glieder der New Economy - in der Regel allesamt Immigranten - Hunderte von Kilometer oder stemmen noch ein, zwei andere Jobs, um ihre Familien über Wasser halten zu können.
Miserable Arbeitsbedingungen im Boom-Tal
"Mal ganz abgesehen von der Bezahlung sind die Arbeitsbedingungen oftmals miserabel. Viele Arbeiter in den Fabriken der Techfirmen klagen über Gesundheitsbeschwerden", sagt Snitow, der für die Dokumentation mehr als hundert New-Economy-Worker befragte. "Und wer aufmuckt, fliegt raus - das sind Zustände wie vor hundert Jahren."
Ein Lied davon singen kann Raj Jayadev. Der aus Indien stammende Zeitarbeiter ist einer der zwei Hauptprotagonisten des Streifens. Sein Job besteht darin, in einer Lagerhalle in San Jose Drucker für Hewlett-Packard zu verpacken - der Akkord liegt bei mehr als 800 Stück pro Tag. Wie viele seiner Kollegen leidet auch Jayadev unter Atembeschwerden und ständigem Nasenbluten. Dreck und Staub der Fabrik sowie der Druckertoner seien dafür verantwortlich. Als der "Temp-Worker" versucht, gegen die schlechten Bedingungen mobil zu machen, wird er isoliert und schließlich gefeuert. "Das alles passiert hier, ohne dass die Gewerkschaften davon überhaupt Kenntnis nehmen", klagt Jayadev, der sich noch immer aktiv für die Rechte seiner Kollegen einsetzt.
"Der Fall Jayadev ist alles andere als ein Einzelfall", versichert Snitow. "Im Silicon Valley ist es üblich, dass Unternehmen Zeitarbeitsagenturen beauftragen, um möglichst 'flexibel' ihr Personal managen zu können." Sprich: sich binnen Minuten von Hunderten von Mitarbeitern trennen zu können. So war auch Jayadevs Arbeitgeber nicht Hewlett-Packard, sondern die Firma Manpower. "Hewlett-Packard bestreitet ja sogar, Fabriken hier zu haben. Und das ist wohl eines der größten Geheimnisse des Valleys", erklärt Deborah Kaufman. "Die Fabrik in der Jayadev HP-Drucker verpackte, steht jedoch auf HP-Gelände, das Gebäude gehört HP und auch die Sicherheitsleute sind von HP."
Zeitarbeits-Aktivist Jayadev konnte immerhin bereits zwei kleine Triumphe für sich und seine Kollegen verbuchen: Zum einen hat er erfolgreich vor dem California Senate Hearing on Economic Insecurity Klage gegen seine Kündigung eingereicht. Zum anderen konnte der 24-Jährige noch vor seiner Entlassung durchsetzen, dass Manpower seine Angestellten nun immerhin pünktlich und korrekt entlohnt: Der weltweit agierende Zeitarbeitsriese habe nicht nur regelmäßig versucht, seine Arbeiter um geleistete Stunden zu betrügen, sondern auch Lohnschecks stets verspätet ausgestellt.
Computer-Skills für East Palo Alto
Neben Jayadev begegnet man bei "Secrets of Silicon Valley" auch Magda Escobar. Die agile Lateinamerikanerin ist Direktorin des Computer-Training-Centers Plugged In in East Palo Alto - der ärmsten Gemeinde des nordkalifornischen Deltas: "40 Prozent hier sind Schwarze, 40 Prozent Latinos, der Rest ein Mix", gibt Escobar trocken zu verstehen. "Und Attitüde ist: bloß nie die Türe offen lassen." Im Non-Profit-Schulungszentrum sollen sozial schwache Bürger den Umgang mit Computern lernen, um eines Tages ebenfalls an der digitalen Welt partizipieren zu können.
Ein Jahr lang begleiteten Snitow und Kaufman Escobar bei dem Versuch, neue Geldmittel für das Projekt aufzutreiben. Nachdem Plugged In von seinem alten Standort in der Innenstadt vertrieben wurde - "Gentrification" nennt sich dieser Prozess in den USA - benötigt Escobar dringend Unterstützung für ein neues Headquarter. Einer der ersten Sponsoren der Initiative ist pikanterweise HP: Die stets um ein so sauberes Image bemühte Computerschmiede spart auf der einen Seite durch die Beschäftigung von Temp-Workern und vergibt auf der anderen Geld für wohltätige Zwecke - das wiederum genau denjenigen zugute kommen, die in den Fabriken schuften. Von Hewlett-Packard gab es bislang keine Stellungnahme zum Film, sagt Snitow.
Angesichts täglicher Massenkündigungen im Silicon Valley - davon sind insbesondere Zeitarbeiter betroffen - treffen Snitow und Kaufman genau den Nerv der Zeit. Wenig effekthascherisch und dadurch umso eindrucksvoller stellen sie die Realität der Valley-Fließbänder den leeren Worthülsen von Branchen-Ikonen wie Ex-Intel-Vizepräsident Avram Miller ("Gier ist gut fürs Valley") oder Venture-Kapitalist John Doerr ("Can I tell you a secret? It's not about money - it's about the future") gegenüber.
Und bei allem Wehklagen der Protagonisten über die Methoden der Techkonzerne ist "Secrets" kein Streifen, der mit den Ungerechtigkeiten des Digi-Kapitalismus hadert - auch HP steht Snitow zufolge nur exemplarisch für die Tech-Industrie. Vielmehr werden mit Jayadev und Escobar vor allem zwei außergewöhnliche und sehr positive Aktivisten porträtiert, die sich auf einer bislang nur wenig beleuchteten Seite des "Digital Divides" um soziale Veränderungen bemühen.
Die Valley-Geheimnisse haben mittlerweile auch außerhalb der Bay-Area von San Francisco für Schlagzeilen gesorgt - nationale wie internationale Verleiher interessieren sich für den gerade mal 350.000 US-Dollar teuren Film. "Wir sind sehr glücklich über den Erfolg des Streifens", freut sich Kaufman. "Und je mehr ihn sehen können, desto öfter wird sich die Industrie für ihre Praktiken rechtfertigen müssen."
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