Etwas ernüchternd klingt es schon, wenn Klaus Fellbaum, Professor für Kommunikationstechnik an der Uni Cottbus, von dem vielbeachteten Projekt des "Virtual College" im vergangenen Jahr in Berlin berichtet. Regelmäßig brach die von der Telekom zur Verfügung gestellte ISDN-Leitung zusammen. Der Bildschirm, auf dem die Studenten zu Hause den Professor sehen sollten, blieb dann schwarz. Kam die Übertragung doch noch zustande, "sah man mich da halt rumgestikulieren", so Fellbaum. Anschließend konnten sich die Studenten in Newsgroups und elektronischen Diskussionsforen über den Stoff und die Lehrveranstaltungen austauschen.
Doch das Projekt lief nicht ausschließlich als Fernstudium. Wesentlicher Bestandteil waren Seminare, in denen die Studenten leibhaftig erschienen und diskutierten. Das sei auch nötig, meint Fellbaum. Ein Studium ausschließlich vom stillen Kämmerlein aus hält er - und mit ihm die meisten Projektleiter virtueller Studiengänge - für "völlig unsinnig".
Die didaktischen Möglichkeiten eines Online-Studiums werden laut Fellbaum in der Regel längst noch nicht ausgeschöpft: Im Rahmen deutscher Hochschulprojekte sei bisher wenig zu sehen vom Einsatz dreidimensionaler oder computeranimierter Graphiken, von ergänzendem Ton- und Bildmaterial, das über das "Winkewinke" des Professors in die Kamera hinausgeht. Auch systematische Evaluierungen der Projekte gebe es bisher kaum.
Dabei entstanden in den vergangenen Jahren an deutschen Hochschulen eine ganze Reihe ehrgeiziger Angebote, die einen Wissenstransfer über das Internet ermöglichen sollen. Am Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik II der Universität Erlangen etwa gibt es seit über drei Jahren Live-Übertragungen von Vorlesungen. Die Veranstaltungen in verschiedenen Fachbereichen werden über das kapazitätsstarke Breitband-Wissenschaftsnetz B-WiN übertragen. Auch virtuelle Lerngruppen formieren sich auf diese Weise. "Da entwickelt sich in den verschiedenen Seminarräumen manchmal sogar ein Wettbewerb, welche Gruppe die Aufgabe schneller löst", berichtet Dozent Christian Langenbach.
Studenten wie Professoren loben die räumliche und zeitliche Flexibilität, die die neue Technik ermöglicht. Vorbei die Zeiten, in denen man stunden- oder tagelang auf die Sprechstunde des Professors warten mußte. Anfragen werden per E-Mail gestellt und auch beantwortet - meistens schneller als über das "meatspace"-(Echtwelt)-Verfahren. Daß Unterrichtsmaterial ins Netz gestellt wird und Online-Diskussionen stattfinden, gehört an den meisten 'virtual colleges' zum Standard.
Die Studenten stehen der Entwicklung meist positiv gegenüber, zumal viele von ihnen durch feste Arbeitsverhältnisse außerhalb der Uni zeitlich eingeschränkt sind. Der Austausch mit internationalen Hochschulen ist einfach und in den einschlägigen Studienfächern wie Informatik steht ausreichend technisches Equipment zur Verfügung. Hier besitzt ohnehin fast jeder seinen eigenen Computer.
Anders sieht es mit der Anerkennung bei den Professoren aus: Wer sich als Online-Prof profilieren will, muß zusätzlichen Zeitaufwand für die Aufbereitung der Materialien und die Betreuung investieren - pro Unterrichtsstunde rechnen Praktiker mit 20 bis 100 Stunden Vor- und Nachbereitungszeit. "Idealisten" werden die Computerfreaks deshalb von ihren Bewunderern genannt.
In einer aktuellen Studie mit dem Titel "Virtuelles Lehren und Lernen an deutschen Universitäten", die zusammen von der Bertelsmann- und der Heinz-Nixdorf-Stiftung herausgegeben wurde, wird ein Modell der Hochschule als Dienstleistungsunternehmen entworfen: Universitäten sollen passend aufbereitetes Wissen an Unternehmen liefern, die ihre Mitarbeiter weiterbilden wollen - Stichwort "lifelong learning".
Bislang allerdings schmoren die Universitäten noch in ihrem eigenen Saft. Längst nicht alle Fakultäten zeigen überhaupt Interesse an virtuellen Projekten. Juristen oder Geisteswissenschaftler wie der Historiker Arthur Imhof sind im Netz noch Exoten. Die meisten Angebote gibt es in den Bereichen Informatik, in den Wirtschafts-, Sozial- und Naturwissenschaften.
Auch die Medizin riskiert zunehmend den Sprung ins virtuelle Zeitalter: Schon werden Operationen live in Hörsäle übertragen, um die Studenten möglichst früh an die Praxis heranzuführen. Digitale anatomische Atlanten ermöglichen die theoretische Erforschung des Körpers in dreidimensionaler Anschauung. Doch der "Körperlosigkeit" sind Grenzen gesetzt: Gerade in der Chirurgie ist der unmittelbare taktile Kontakt - ob am lebenden Körper oder an der Leiche - unablässig. Zwar wird auch hier bereits nach virtuellen Ersatzmöglichkeiten gesucht - doch bis die ernsthaft eingesetzt werden könnten, sei es noch "ein langer Weg", meint Professor Hans-Heino Ehricke von der FH Stralsund.
Wer von einem umfangreichen Netz virtueller Universitäten in Deutschland träumt, muß vorerst noch mit großen Löchern rechnen. Zwar bieten sich mit der neuen Kommunikationstechnik Kooperationen zwischen den Hochschulen geradezu an: Die technischen Möglichkeiten, um zu Hause eine Vorlesung an einer weiter entfernten Universität zu hören, sind bereits vorhanden. Doch scheitert oftmals schon die Anerkennung eines universitätsfremden Scheines an den Prüfungsordnungen der jeweiligen Bundesländer. Eine geplante Zusammenarbeit der Universitäten Kassel, Saarbrücken, Leipzig und Göttingen im Bereich Wirtschaftsinformatik, wo die Scheine der Studenten "auf dem kleinen Dienstweg" (Professor Udo Winand, Uni Kassel) anerkannt werden sollen, ist die Ausnahme. Und große interdisziplinäre Projekte innerhalb einer Uni scheitern in der Regel am Geld.
Die ostdeutschen Universitäten liegen im Bereich Teleteaching bemerkenswert gut im Rennen. Projekte gibt es nicht nur in Berlin-Brandenburg, sondern auch an Hochschulen wie Chemnitz, Zwickau oder Dresden. In diesem Semester läuft außerdem in Mecklenburg-Vorpommern ein Pilotprojekt, das erstmals alle Hochschulen eines Bundeslandes in einer "Multimedialen Ringvorlesung" miteinander verknüpft. Gerade in den neuen Bundesländern wurden nach der Wende die verfügbaren Gelder in modernes Equipment und leistungsfähige Computer gesteckt. Und in Telefonanlagen. Ein Sprung, so Klaus Fellbaum aus Cottbus, "von der Steinzeit direkt zum ISDN".
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