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Karriere einer Web-Legende Ist "Internet-Sucht" krank oder eine Krankheit?

"Internet-Sucht" gab es nicht, bevor das Wort erfunden wurde. Doch seit das kursiert, melden sich immer mehr Betroffene.

München - "Internet-Sucht" war eigentlich als Witz gedacht. "Der Begriff wurde 1995 von dem US-Psychiater Ivan Goldberg als Scherz in Umlauf gebracht, um den Hang seiner Kollegen zur Übertreibung bloßzustellen", sagt Florian Rötzer, Redakteur bei telepolis. "Er geisterte aber alsbald als Horrorvision durch sämtliche Medien."

Doch die virtuelle Sucht scheint für einige Websurfer sehr real zu sein. Betroffene bestreiten, dass es dabei einen "Gesundheitsmagazin Praxis"-Effekt gäbe: Die Vertiefung von Krankheitsthemen im Fernsehen führte über Jahre zu einer Erhöhung des Krankenstandes - selbst bei exotischen Krankheitsbildern.

Doch in diesem Fall, versichert etwa Gabriele Farke, geht es um ein ganz reales Problem. Überrollt von mehr als 10.000 Anfragen musste ihr Verein "Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige" (HSO) nach zwei Jahren aufgeben. "Wir konnten den Job ehrenamtlich nicht mehr weiterführen", sagt HSO-Gründerin Gabriele Farke.

Bund, Länder und Wissenschaft sollten endlich die Existenz der Krankheit eingestehen und Therapien entsprechend fördern, fordert die 45-jährige Freiburgerin. Für sie stand die Sucht nach dem weltweiten Datennetz zweieinhalb Jahre lang im Mittelpunkt ihres Lebens: "Ich habe in dieser Zeit nur noch im Internet gelebt und letztlich niemanden gefunden, der mir beim Sprung zurück in die Realität hätte helfen können."

Der Selbsthilfe-Verein sei die erste Anlaufstelle für ihre Leidensgenossen in Deutschland gewesen. "Typischerweise sind die Süchtigen einsam und erschaffen sich im Netz ein zweites, sozusagen virtuelles Ich", führt Farke aus. Die Betroffenen vernachlässigten zunehmend Partner, Familie und Beruf und trieben sich selbst so immer weiter in die soziale Isolation.

So ein einsames Leben vor dem flimmernden Monitor könnten nach einer Studie der Humboldt-Universität Berlin allein in Deutschland Zehntausende Menschen fristen. Unter der Adresse www.internetsucht.de hätten seit 1999 mehr als 10.000 Personen in Form eines Fragebogens Rechenschaft über ihr Online-Verhalten abgelegt, sagt Diplom-Psychologe André Hahn. "Wir haben die Surfer zum Beispiel nach Kontrollverlusten, Entzugserscheinungen und Steigerungen der Dosis gefragt - nach Symptomen also, wie sie auch Alkoholiker oder Spielsüchtige aufweisen würden", sagt Hahn.

Bei drei Prozent der Befragten sei ein "pathologischer Internet-Gebrauch" festgestellt worden. Bei von der Gesellschaft für Kommunikationsforschung geschätzten 24,2 Millionen Internetnutzern im Januar 2001 gäbe es somit bundesweit mehr als 720.000 Onlinesüchtige, sagt Hahn.

Allerdings dürfte eine Umfrage im Internet und die Web-Adresse internetsucht.de eher jene anziehen, die sich viel im Internet aufhalten und bereits Probleme bei ihrem Verhalten vermuten. Die Berliner Wissenschaftler selbst fordern im Sinne einer möglichst repräsentativen Studie auf ihrer Website gerade jene Nutzer zum Beantworten des Fragebogens auf, die nur wenig Zeit im Internet verbringen.

Bei den Abhängigen am beliebtesten sind der Studie zufolge die Plauder-Ecken im Internet, die so genannten Chat-Rooms. Es folgten Online-Spiele und Musik-Downloads und erst auf dem vierten Platz Erotik-Seiten. Die Untersuchung zeige, dass Internet-Sucht zumeist mit einer anderen, bereits vorhandenen psychischen Erkrankungen einhergehe, sagte Hahn. Online-Sucht sei dann die Ausformung einer anderen Krankheit wie etwa Depressivität. Und schließlich lerne jeder Psychologiestudent im ersten Semester, dass grundsätzlich jedes Verhalten ins Krankhafte abgleiten könnte.

Und jedes Medium scheine eine Sucht hervorzubringen, sagt Internet-Experten Rötzer, der aber die Probleme exzessiver Internet-Nutzung damit nicht in Frage stellen will. Im 19. Jahrhundert sei eine Buch- oder Romansucht diagnostiziert worden, danach wurden Kino, Radio und vor allem dem Fernsehen ein gesundheitsgefährdendes Potenzial unterstellt, und nun stehe das Internet als neuestes Medium am Pranger. "Demnächst werden vielleicht Handy- und SMS-Nutzer therapiert", sagt Rötzer.

Peter Maushagen, Reuters

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