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22.07.1998
 

Gut umrühren

Ideensuppe aus Datenschrott

Müllprobleme? Eine neue Netzkunstarbeit räumt auf mit Datenschrott und das auch noch kreativ und visuell anspruchsvoll.

Heute schon die alten Daten auf Ihrer Festplatte recycelt? Was, Sie stecken sie immer noch einfach in den Papierkorb auf Ihrem Desktop? Das muß nicht sein! Der New Yorker Künstler Mark Napier bietet Ihnen jetzt eine ökologischere, umweltfreundlichere und nachhaltigere Lösung zur Entsorgung Ihres Datenschrotts. Seine Netzkunst-Arbeit "The Landfill" (Die Müllkippe) ist eine Art virtueller Komposthaufen.

Napier hat ein Interface geschaffen, mit dem der Internet-Nutzer Dateien von seinem Computer oder von fremden Websites kopieren und dadurch "auf den Müll werfen" kann. Innerhalb weniger Sekunden erscheinen diese Daten auf dem Computermonitor. Möglich machen es verschiedene CGI-Scripts, die Napier in PERL programmiert hat. Wer Netscape 4.0 benutzt, kann den virtuellen Müllhaufen Schicht für Schicht durchkämmen und sich so immer "tiefer" in die vergammelten Informationen hinabgraben.

Dabei tauchen in dieser computergenerierten Collage neben unleserlichen Texten auch immer wieder bekannte Symbole aus dem Netz auf. Das Logo der Suchmaschine Yahoo!, die Homepage der CIA, Pressemitteilungen von Microsoft und Playmates von der Internet-Site des "Playboy" lösen sich in einem wüsten digitalen Durcheinander auf, als würden sie tatsächlich langsam auf dem Server von Napier verrotten wie auf einem Internet-Komposthaufen.

Was immer diese Daten uns einmal mitteilen sollten: In "The Landfill" wird ihr "Inhalt" zu einem grafischen Rohmaterial degradiert.

Man könnte "The Landfill" ein Stück automatisierter Pop Art nennen. Aufeinandergeschichtete Normalitäten werden zu populärkultureller Ikonographie aus dem Internet. Das erinnert an die Siebdrucke eines Robert Rauschenbergs, freilich mit einem wichtigen Unterschied: Bei "The Landfill" entscheidet nicht der einzelne Künstler über die Auswahl der Motive und deren Plazierung. Vielmehr entsteht die Arbeit aus den Beiträgen aller "Benutzer", die so an einem kollektivem Kunstwerk teilnehmen.

Der Künstler Mark Napier hat zuletzt durch seine "Distorted Barbie" auf sich aufmerksam gemacht. Auf seiner Website zeigte er verfremdete Porträts von Barbie-Puppen, die er für Ikonen der amerikanischen Gesellschaft hält. Barbie-Hersteller Mattel drohte Napiers Internet-Provider Interport per Post mit einer Klage. Den Brief veröffentlicht Napier auf seiner Website, ließ aber die zerstörten Barbies verschwinden, die auf anderen Servern gespiegelt wurden. Jetzt ist eine digitale Version des Briefs ganz "tief unten" in Napiers digitaler Müllkippe zu finden. "Ich habe "The Landfill" ursprünglich gemacht, um diesen Brief dort wegwerfen zu können", sagt der Künstler.

In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Mark Napier über seine Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: "The Landfill" zeigt, wie man Daten los wird, statt immer neue Informationen anzusammeln. Ist das Ihre Reaktion auf das schnelle Wachstum des Netzes in den letzten Jahren?

Napier: Als das Internet noch von Akademikern und einer Handvoll unerschrockener Abenteurer benutzt wurde, haben die Nutzer nicht damit gerechnet, einmal mit unerwünschter Post überhäuft zu werden. Mit dem Wachstum des Netzes gibt es immer mehr Leute, die versuchen, sich und ihre Geschäfte zu promoten, und am einfachsten geht das per E-Mail oder in den Newsgroups. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt der Netznutzung von der Informationssammlung zum Ausfiltern von Infomüll.

Aber bei "The Landfill" geht es nicht in erster Linie darum, "die ganzen Daten loszuwerden". Wenn man digitalen Text aus seinem normalen Zusammenhang nimmt, ist er faszinierend anzusehen. Ich will die Aufmerksamkeit des Betrachters auf diese elektronische, textuelle, digitale Materie lenken und ihn ermutigen, sie aus ihrem Kontext zu nehmen und mal ganz genau anzusehen. Die Textinformation kann für sich genommen wunderschön sein. Wenn man diese ganzen Daten übereinanderschichtet, bekommt man ein ganz anderes Bild von ihnen. Durch die Kombination von Bildern, Text, Anzeigen, Werbemails und Links entsteht eine sich ununterbrochen verändernde und weiterentwickelnde Ideensuppe.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Projekt eine ernsthafte Kritik an dem Informationsüberfluß der Gegenwart oder ist Ihre Herangehensweise eher spielerisch?

Napier: Definitiv spielerisch. Mir gefällt die zufällige und unvorhersehbare Entwicklung dieses Projekts, das von seinen Benutzern gestaltet wird. Jeder kann sich an "The Landfill" beteiligen, und jeder bringt seine eigenen Vorstellungen in diese Arbeit ein. Einige haben ihre eigenen digitalen Kunstwerke beigesteuert, andere haben Animationen hinzugefügt, simple interaktive Spiele oder einfach nur E-Mails.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten seit 1995 als Künstler im Netz. Haben Sie vorher mit anderen elektronischen Medien experimentiert?

Napier: Als ich mit dem Studium der Malerei fertig war und Geld verdienen mußte, habe ich Programmieren gelernt und fand die Gestaltung von Programmen und von User-Interfaces sehr kreativ. Das war 1984. Software-Design hat sehr skulpturale Eigenschaften. Gute Software kann so schön wie Architektur sein, wie ein gut gestaltetes Haus.

Meinen ersten Internet-Account habe ich mir im Juli 1995 zugelegt und als erstes einige meiner Gemälde auf meine Homepage gepackt. Dann habe ich gemerkt, daß dieses Medium Internet etwas ganz anderes ist als die Malerei. Nach ein paar Wochen habe ich meine Gemälde von meiner Homepage heruntergenommen und angefangen, mit HTML herumzuspielen, um zu sehen, was man damit alles anstellen kann. Zuerst habe ich einige Hypertext-Essays geschrieben und später auf meiner eigenen Site interaktive Arbeiten gezeigt. Gemalt habe ich seit dem Sommer 1995 nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE 30/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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