ach dem Klingeln las Carola S. eine persönlich gehaltene Kurznachricht (SMS) auf ihrem Handy: "Hallo Carola, ich habe bereits versucht, dich zu erreichen, leider ohne Erfolg, bin ab 16 Uhr oder später wieder unter 0190865904."

Sex-Werbung per SMS: "Eine Frechheit"
Intim klingende SMS von Unbekannten empfangen Handy-Benutzer immer häufiger. Eine Welle kommerzieller Kurznachrichten schwappt derzeit durch die Handy-Netze, und viele der Werbe-SMS überschreiten die Grenze zur Bauernfängerei.
Über 200 Milliarden SMS werden pro Jahr versendet. Ab Sommer erreichen die Kurznachrichten auch Festnetzanschlüsse, sofern ein neues, SMS-fähiges Telefon angeschlossen ist. Mit diesen digitalen Telegrammen schwappt die Datenflut des Internet auch in die Welt der Telefone. Moderne Datenbanken pumpen vollautomatisch gigabyteweise SMS-Botschaften ins Telefonnetz im Zweifelsfall aus dem benachbarten Ausland, ähnlich wie bei unerwünschter E-Mail-Werbung.
Auf dem Vormarsch sind besonders die Telefonmehrwertdienste: Über ihre teuren Servicenummern wie die 0190 oder die 01804 laufen zum Beispiel Telefonsex, Kundenberatung und Zuschauerabstimmungen bei TV-Sendungen (Branchenumsatz: über 400 Millionen Mark pro Jahr). Mit Hilfe trickreich formulierter Werbe-SMS versuchen einige der Firmen jetzt, neue Kunden auf ihre Nummern zu locken.
"Seit Januar gibt es einen sprunghaften Anstieg von Verstößen", bestätigt Hans-Joachim Kruse, Vorsitzender der "Freiwilligen Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste" (FST); er hat daher die Mitarbeiterzahl von zwei auf fünf aufgestockt.
Mitglieder, die gegen die Regeln der FST verstoßen, werden gerügt oder können sogar ihre Nummer verlieren. So war die dubiose Partnerbörse, von der Carola S. belästigt wurde, zwischenzeitlich nicht mehr erreichbar.
Zumindest nicht unter der bisherigen Nummer. Der Markt ist unübersichtlich. Fast jeder kann eine 0190-Nummer von Großanbietern wie der Telekom kaufen, die bis zu vier Fünftel der anfallenden Sondergebühr kassieren. Wem eine Nummer entzogen wird, besorgt sich einfach eine neue. Und wer genau sich hinter einer Servicenummer verbirgt, ist für Geschädigte und Genervte nur schwer herauszubekommen.
Kunden, die nicht belästigt werden wollen, können sich zwar in so genannte Robinsonlisten eintragen (www.robinsonliste.de). "Allerdings sind diese Verzeichnisse nicht verbindlich und daher oft wirkungslos", klagt Dieter Lang vom Verbraucherschutzverein in Berlin.
Auch die FST ist nur für die eigenen Mitglieder verantwortlich, gegen Nichtmitglieder, zum Beispiel aus dem Ausland, vermag der Verein nichts auszurichten. Und bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in Bonn heißt es nur lapidar: "Sie müssen eben aufpassen, wen Sie zurückrufen."
Wie geschickt einige Anbieter nationale Grenzen für sich ausnutzen, zeigt der Fall eines von Deutschland aus operierenden Telefonsexanbieters, der unlängst für Schlagzeilen sorgte: Automatisch hatte sein Rechner Tausende von Lock-SMS an Mobiltelefone in der Schweiz verschickt. Wer zurückrief, lauschte als Ohrenspanner einem Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau in breitem Wienerisch, das allmählich ins Obszöne abglitt zum Preis von umgerechnet mehr als fünf Mark pro Minute. Der Schweizer Telefonbetreiber Swisscom erklärte, gegen solche SMS-Angriffe aus dem Ausland sei er machtlos.
Die Hilflosigkeit gegenüber dem kommerziellen Telefonterror wird weiter zunehmen. Noch dieses Jahr will die internationale Telefonorganisation ITU in Genf neue Servicenummern freischalten, die weltweit gültig sind: so genannte Universal International Premium Rate Numbers, die mit "00979" beginnen. Das Risiko: Eine falsch verstandene SMS, ein falscher Knopfdruck schon ist man mit einem teuren Telefonsexanbieter verbunden, zum Beispiel auf den Bahamas.
Egal ob betrügerisch oder nicht, ungebetene SMS-Werbung sei in jedem Fall ein Angriff auf die Persönlichkeitsrechte, meint der Mannheimer Rechtsanwalt André Haug: "Es gibt ein Recht auf Ungestörtheit."
Manch ein Politiker sieht das anders. Im Landtagswahlkampf in Rheinland-Pfalz etwa blies die SPD zur Treibjagd per Telefon. 100 000 Handys potenzieller Wähler wurden mit dem Slogan zugemüllt: "Wer Kurt Beck will, wählt am Sonntag SPD."
HILMAR SCHMUNDT
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