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01.11.1998
 

INTERNET

"Die verbreitetste Spezies ist Pornographie"

Mit seinem Buch "Das egoistische Gen" hat der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, 57, vor 20 Jahren nicht nur die Wissenschaftswelt in Aufruhr versetzt. Die Reduktion des Menschen zum Vehikel von eigennützigen Genen wurde auch unter Laien zum Sinnbild einer desillusionierenden Wissenschaft. Ein Gespräch über Geisteskrankheiten, Meme und die Bedrohung der Evolution durch das Internet.



SPIEGEL ONLINE:

Surfen Sie im Internet?

Richard Dawkins: Ja, ein wenig. Ich benutze es als große Enzyklopädie. Aber ich habe keine eigene Webseite.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Internet eine Entwicklung, die Sie erwartet haben?

Dawkins: Allgemein ja, aber ich habe sicher nichts so Umfassendes erwartet und vor allem nicht so schnell ...

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sind doch Evolutionsbiologe?

Dawkins: Ach, bei der Evolution geht alles so langsam, und dies verläuft so schnell. Ich hätte gedacht, es dauert noch ein Jahrhundert, bis wir dieses Stadium erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie denken also nicht, daß das Internet eine evolutionäre Entwicklung ist?

Dawkins: Nein, eher im Gegenteil. Wäre es eine wirkliche evolutionäre Entwicklung, würde es Millionen Jahre brauchen, um sich zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht möglich, daß das Auftauchen des Internets eine Beschleunigung der Evolution darstellt?

Dawkins: Es handelt sich nicht um Evolution, wenn man sie klassisch darwinistisch definiert. Aber es gibt natürlich sehr viele Gemeinsamkeiten. Das Netz entwickelt sich wie die Evolution zu größerer Komplexität, zu größerer Geschwindigkeit der Informationsübertragung und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Internet nicht ein idealer Spielplatz für eine evolutionäre Verbesserung von Ideen?

Dawkins: Es ist schwer zu sagen, was oder wer dort die Selektion übernehmen sollte, um Dinge zu verbessern. Offensichtlich werde einige Webseiten häufiger besucht als andere, und das könnte etwas zu tun haben mit der Qualität. Das könnte eine Art darwinistischer Selektion sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man die biologische Evolution und diese miteinander vergleicht, was wären die Spezies?

Dawkins: Statistisch gesehen ist die dominierende Spezies auf dem Internet die Pornographie. Stimmt's? Aber was das bedeutet, kann ich nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: In Analogie zu den Genen haben Sie die Idee der "Meme" entwickelt. In den Memen sollen sich Ideen, Lieder, Witze und andere Dinge ebenso fortpflanzen und ausbreiten wie die biologischen Gene. Wir Menschen, sagen Sie, sind nur eine Überlebensmaschine für die "egoistischen Gene". Ist das Internet die Überlebensmaschine für die Meme?

Dawkins: Ja, ich denke, das könnte man sagen. Da treffen sich Menschen als sogenannte Avatars oder legen sogar Cyberanzüge an, mit denen sie eine virtuelle Repräsentation ihrer selbst im Netz erzeugen. Für viele Menschen, die in der natürlichen Umwelt nicht zurechtkommen, ist die Versuchung riesig groß, eher in dieser virtuellen Welt zu leben als in der realen Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn alle Menschen nur noch im Netz sind, tauschen sie miteinander nur noch Meme aus, nicht mehr Gene. Bedroht das nicht die Evolution des Menschen?

SPIEGEL ONLINE: Das ist nichts Neues. Es gibt inzwischen viele Menschen, welche nicht mehr all ihre Zeit darauf verwenden, ihre Gene weiterzugeben. Ich fürchte mehr, daß sich viele Menschen im Internet verlieren und das dadurch viele neue Geisteskrankheiten entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Was wird der nächste Schritt nach den Genen und Memen zur Verbreitung von Informationen sein? Reisen in den Weltraum?

Dawkins: Dieser Planet ist der Brennpunkt einer Informationsexplosion. Sie begann mit der Entstehung des Lebens, führte dann zu einer Explosion der DNA-Information, zu einer Explosion der kulturellen Information und schließlich zu einer Explosion der Radiowellen-Information, die sich zu den anderen Sternen ausbreitet. Ich weiß nicht, ob wir diesen Planeten verlassen können. Aber auch wenn das nicht geschehen sollte, findet bereits die Ausbreitung dieser Replikationsbombe in Form von Radiowellen statt.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie in dieser Hinsicht die Gentechnik? Nehmen wir unsere Evolution selbst in die Hand?

Dawkins: Die Auslese haben wir schon in die Hand genommen, als wir vor ein paar tausend Jahren die Tierzucht begannen. Wenn Sie sich Pekinesen, Pudel und Dackel anschauen, sind das alles Wölfe. Sehr merkwürdige Wölfe zwar, aber es hat nur ein paar Jahrhunderte gedauert, bis die Menschen über diesen Selektionsprozeß die Kontrolle hatten. Jetzt können wir außerdem noch die Kontrolle über die Mutationen übernehmen, indem wir die Gene direkt manipulieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Übergang von der analogen Evolution zu einer digitalen, weil wir in die digitale Natur der DNA eingreifen?

Dawkins: Ja, das ist richtig. Auf lange Sicht wird diese Art der Evolution mehr Kraft haben als die natürliche. Wenn alle Kühe ausgestorben wären und ich zum Beispiel Hunde züchten möchte, die Milch produzieren, fahre ich noch besser mit altmodischer Züchtung. Aber in ein paar Jahrhunderten wird es vielleicht sinnvoller sein, dies durch direkte Manipulation der Gene zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Angriff der geistigen Meme auf die biologischen Gene?

Dawkins: Ich glaube, in einem Sinne ist die Kultur tatsächlich eine quasi-evolutionärer Prozeß. Aber nicht jeder liebt den Gedanken von der Kultur im Sinne der Meme. Ich selbst möchte das nicht unbedingt fördern.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zur digitalen Entsprechung der Evolution. Diese Veranstaltung hat den Titel "Digitaler Planet", aber es sind lauter Evolutionsbiologen eingeladen. Inweit ist die Biologie digital?

Dawkins: Es gibt "Digitalität" im Nervensystem.

SPIEGEL ONLINE: Aber nur im übertragenen Sinne ....

Dawkins: Die Spannungsimpulse der Nerven sind halb-digital. Aber der DNA-Code ist vollständig digital, bis in den Kern. Das ist eine der großen Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts, daß Gene und Proteine auf der molekularen Ebene digitale Bandmaschinen sind.

SPIEGEL ONLINE: Welches Ereignis könnte die Informationstechnologie und das Internet erschüttern? Wo ist das Internet empfindlich? Stromausfall? Computerviren?

Dawkins: Auch die Computerindustrie ist von Viren betroffen, die aber eher von bösartigen Menschen gemacht werden, als sich spontan zu bilden. Wer weiß, was passiert, wenn sie wirklich anfangen, sich selbst weiterzuentwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie davon, im Internet digitale Organismen auszusetzen und damit eine Art Evolution in Gang zu bringen?

Dawkins: Da muß man sehr vorsichtig sein. Das könnte sonst die große Krise auslösen. Ja, das ist wirklich ein beängstigender Gedanke.

Das Interview führte Harro Albrecht

SPIEGEL ONLINE 45/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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