Von Frank Patalong
Kampagne: Die AFA hat Yahoo! ins Visier genommen - und lässt nicht locker
"Yahoo!", so prangte fett die Überschrift über einer Pressemitteilung der American Family Association (AFA) vom 18. Juni, "ist noch immer das Hauptquartier für Kinderpornografie und Obszönitäten".
Fünf knappe Absätze später war der Leser im Bilde: In den Forenbereichen ("Clubs") und im freien Geocity-Webspace wimmelt es von klagewürdigen Inhalten. Der "Complete Lolita Hookers Guide", die Sammlung der "Rape Photos", der "Young Virgin Slave Market" und der "Pic Club of Preteens" wären tatsächlich wohl in jedem Land der Erde Stoff genug, Anklagen zu formulieren, die die Verantwortlichen für Jahre hinter Gitter bringen könnten.
Dagegen hätte Patrick A. Trueman von der AFA kaum etwas einzuwenden. Dem Magazin "Wired" sagte er in einem Interview, er befürworte tatsächlich Klagen gegen den Yahoo!-Vorstand, den er als Verantwortlich sieht. "Das ist nichts Persönliches", beeilte er sich zu versichern. Gegen Yahoo!-Chef Terry Semel oder die Gründer David Filo und Jerry Yang habe er nichts, doch ihre Services verletzten nun einmal alle möglichen Gesetze.
Darüber kann man streiten, so wie in Deutschland bereits 1996 darüber gestritten wurde, ob der damalige Compuserve-Manager Felix Somm dafür verantwortlich gemacht werden könne, dass über seinen Dienst teils illegales Material getauscht wurde. Somm wurde in einem spektakulären Prozess zunächst verurteilt - und später im Berufungsverfahren freigesprochen.
Zwar sorgte der Fall Somm damals für reichlich Empörung in den USA, von nirgendwo waren die "Zensur!"-Rufe lauter zu vernehmen. In den Vereinigten Staaten definiert das "First Amendment" der Verfassung den Begriff der "Meinungsfreiheit" weiter als in irgendeinem anderen westlichen Land.
Doch zum einen hat sich seitdem viel getan, zum anderen ist die AFA eine mächtige Lobby, deren Einfluss unter der Bush-Administration noch gewachsen sein dürfte. Ihrem Wortführer Patrick A. Trueman nachzusagen, er habe gute Verbindungen ins Justizministerium, wäre pures Understatement: Truemann war von 1988 bis 1992 Leiter der Abteilung "Child Exploitation and Obscenity" beim US-Justizministerium. Da braucht es unter Umständen nur einen Anruf bei alten Kollegen, um die Mühlen der Justiz in Gang zu setzen.
Das muss wohl auch den Yahoo!-Verantwortlichen klar gewesen sein, die im Augenblick alles gebrauchen können - aber nicht noch mehr Ärger.
Sex bei Yahoo!: Gold fürs Portemonnaie, Gift fürs Image
Erst im Frühjahr unternahm das finanziell stark angeschlagene Unternehmen einen schüchternen Versuch, durch den Verkauf von Erotik-Waren in einem gesicherten Shop-Bereich endlich den Rubel ins Rollen zu bringen. Nach heftigen Protesten nicht zuletzt der AFA zog Yahoo! die Angebote nach kurzer Zeit zurück. Die AFA nahm die "Affäre" zum Anlass, eine regelrechte Kampagne gegen Yahoo! zu starten. Sogar ein eigenes Logo ziert die entsprechenden Artikel und Pressemitteilungen. "The Yahoo! Porn Puzzle" ist darauf zu lesen.
Yahoo!-Mitbegründer Jerry Yang : Nett und adrett - oder ein Pädo-Krimineller?
Doch dieses Image hat mittlerweile kräftige Dellen bekommen. Bereits am 12. April wandte sich Trueman an den US-Justizminister John Ashcroft und regte eine Klage wegen der Verbreitung von Kinderpornografie an.
Yahoo! reagierte umgehend und entfernte alle beanstandeten Bereiche aus seinem Angebot. Die AFA konnte das nicht beschwichtigen: "Obwohl Yahoo! viele der Clubs und Geocity-Websites mit potenziell illegalem Material entfernt hat und inzwischen auf den Verkauf von Porno-Videos verzichtet", hieß es in der Pressemitteilung vom Montag, "ist das Unternehmen noch immer ein Magnet für Pädophile und jene, die nach allen Fassetten hardcore-pornografischen Materials suchen".
Auch in diesem Fall brauchte das Yahoo!-Management nur Stunden, um auf die konkreten Vorwürfe zu reagieren: Wer heute nach den beanstandeten Clubs und Webseiten sucht, wird nicht mehr fündig.
Das Problem löst das nicht, das weiß Yahoo!, und das weiß Trueman. In den hunderttausenden Geocity-Webseiten, die dort jedermann kostenlos hinterlegen kann, schlummern unzählige eindeutig-zweideutige und überdeutlich illegale Angebote. Zu "filtern" ist so etwas kaum: Während Yahoo! die eine Webseite löscht, entsteht sie anderenorts unter neuem Namen.
Immerhin zeigt sich die Geocity-interne Suchfunktion bemerkenswert blind und taub gegenüber anzüglichen Suchanfragen: "Keine Dateien gefunden", ist die Standardantwort, "möchten Sie im Web suchen?"
Klar, im Zweifelsfall immer: Google erschließt mühelos auch noch den letzten Winkel des Geocity-Universums - die Suchmaschine als externes Archiv. Kurzum: Der Schlagabtausch mit der AFA droht, für Yahoo! zum Kampf gegen Windmühlen zu werden.
Das Unternehmen versucht, sich hinter den Nutzungsbedingungen für Forenbereiche und Geocity-Websites zu verstecken: Dort stehe schwarz auf weiß, dass sich die Anbieter der anzüglichen Dateien ins Unrecht setzten, denn Yahoo! erlaube solche Angebote nicht.
Die Replik der AFA ist vorhersehbar: Yahoo! unternehme aber auch nichts gegen die Verbreitung. Beides ist wahr und hat Gründe, denn wie wollte Yahoo! die Kontrolle von hunderttausenden von Webseiten bewerkstelligen? Google findet nach einer "0,21 Sekunden" dauernden Suche über 11 Millionen Verweise zu oder auf Geocity-Angebote. Herzlichen Glückwunsch.
Denn Glück wird Yahoo! früher oder später brauchen. Die AFA scheint entschlossen, an hand von Yahoo! einen Musterprozess anzustrengen, bei dem es wahrlich nicht um das Unternehmen selbst, sondern um ein Grundproblem des Webs geht: Wo immer ein Unternehmen Surfern die Freiheit des eigenen Publizierens gibt, fällt die Kontrolle über das, was dort zu finden ist, im rapide wachsenden Webspace immer schwerer. Doch es sind gerade die Freiräume des Webs, die das Neumedium erst attraktiv machen. Verkäme das Web zu einer weiteren Einbahnstraße, wie es schon Fernsehen, Radio und Printmedien sind, dann wäre das sein Tod.
All das hat nichts mit Kinderpornografie zu tun: Die ist zu recht straf- und verachtenswürdig. Ihre Verbreiter sollten verfolgt und bestraft werden. Die Gretchenfrage, auf deren wahrscheinlich gerichtlicher Klärung der schwelende Konflikt zwischen AFA und Yahoo! zusteuert, ist nun die, wer denn nun faktisch der "Verbreiter" ist: Der Pädo-Kriminelle, der sie ins Web stellt - oder das Unternehmen, das ihm den Speicherplatz dafür bietet. Selbst dann, wenn es das gar nicht weiß.
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