• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Großbritannien Mörderhatz im Internet?

Im Laufe der nächsten Woche sollen die beiden jugendlichen Mörder des zweijährigen James Bulger auf freien Fuß gesetzt werden. Kaum jemand weiß, wie sie heute aussehen - doch schon sollen aktuelle Fotos im Web kursieren. Ist die Jagd schon eröffnet?

"Justice for James": Kampagne einer Mutter, die Rache für ihr Kind will

"Justice for James": Kampagne einer Mutter, die Rache für ihr Kind will

Es gibt ein Foto von Robert Thompson, 18 Jahre alt. Der Moderator einer Channel-4-Sendung hielt es kurz hoch, ohne dass die Kamera es zeigte - und das aus gutem Grund.

Denn bereits seit 1993 verbietet es eine gerichtliche Verfügung den britischen Medien, Bilder von Robert Thompson und Jon Venables zu zeigen: Ihr Leben wäre sonst in akuter Gefahr. Seit mehr als acht Jahren gehören die beiden Jungen zu den meistgehassten Personen im Vereinigten Königreich.

Die Geschichte beginnt mit einem bestialischen Mord, der weltweit Schlagzeilen machte. Jon und Robert, zwei ganz durchschnittliche Zehnjährige, entführten den zweijährigen James Bulger aus einem Shopping-Center. Die Tatsache, dass man die Entführung später auf den Filmen einer Security-Kamera entdecken und so der Täter habhaft wird, leitete im Vereinigten Königreich die großflächige Video-Überwachung des öffentlichen Raumes ein.

Thompson und Venables führten das Kleinkind fort, gegen seinen Willen. Sie brachten den Jungen auf ein Bahngelände und folterten ihn. Am Ende schlugen und traten sie ihn zu Tode.

Kindliche Monster

Dass nach ihrer Verhaftung die Suche nach dem Motiv folgte, war unausweichlich. Dass man nie eines fand, war unbegreiflich: Die veröffentlichten Aussagen aus den Vernehmungsprotokollen schockten die britische Nation. "I dunno", "Ich weiß nicht", hörte man da auf zu viele Fragen. Thompson und Venables erschienen in der Öffentlichkeit als entseelte kindliche Monster, angeblich zu ihrem Mord "inspiriert" durch Horrorvideos. Zwei Jahre lang diskutierte das britische Parlament darüber, was man alles verbieten müsste.

Geholfen hat das niemandem, nicht den Eltern Jamie Bulgers, nicht den Tätern. Sie kamen vor Gericht und die ganzen grausamen Details ihres Mordes an die Öffentlichkeit. Sie hätten den Jungen mit Lack angestrichen, hieß es. Um den Mord zu vertuschen, legten sie ihn sterbend auf die Schienen.

Eine Welle des Hasses schlug über ihnen zusammen: Demonstranten attackierten die Polizeiwagen, die sie zum Gerichtsgebäude brachten. Rufe nach Rachemorden wurden laut. Sie wurden verurteilt.

Und verschwanden bis heute bei unbekannt gebliebenen Betreuern. Zu jung für den Knast wanderten sie in ein "Secure Home".

Legenden kursierten über ihre luxuriöse Unterbringung. Darüber, dass Robert Thompson sich mit einem anderen Jungen in der geschlossenen Betreuung geschlagen habe, versucht habe, ihn zu erwürgen. Darüber, dass die Kinderbestien nicht resozialisierbar seien.

Doch, das sind sie, meinte in der letzten Woche ein britisches Gericht. Wegen guter Führung werden Thompson und Venables, inzwischen volljährig, möglicherweise schon nächste Woche entlassen. Mit lebenslanger Bewährung.

Die Gesichter der Mörder: Die letzten Fotos, die gezeigt werden dürfen, zeigen Thompson und Venables mit zehn Jahren

Die Gesichter der Mörder: Die letzten Fotos, die gezeigt werden dürfen, zeigen Thompson und Venables mit zehn Jahren

Viele ertragen das nicht

Denise Fergus, die Mutter des ermordeten James Bulger, begann im Herbst letzten Jahres ihre Kampagne "Justice for James". Diese zwei, meint Denise Fergus, sollten nie wieder frei herumlaufen. Sie seien eine stete Gefahr für ihr Umfeld.

In der letzten Woche fand sie überdeutliche Worte dafür, was man nun tun solle: Sie wandte sich mit einem Appell an alle "zukünftigen Freunde und Freundinnen der beiden", sie "so bald wie möglich zu fotografieren", damit man sie endlich identifizieren könne.

Denn - natürlich - werden Thompson und Venables neue Identitäten bekommen, neue Leben, an einem unbekannten Ort.

Denise Fergus will Fotos, und andere sagen für sie, wofür die gut sind. Schon im Oktober letzten Jahres machte ihr Ex-Mann Ralph Bulger das klipp und klar: "Ich werde die finden."

Und dann?

Selbstjustiz drohe, heißt es die britische Presse, und wenn nicht von Seiten Ralph Bulgers, dann werde das jemand anders erledigen. Irgendjemand, wahrscheinlich aus Liverpool, wo Thompson und Venables synonym stehen für den Beelzebub.

Auch "Aidy" ist sich sicher: "Wir finden die beiden, irgendwann". Mit zahlreichen anderen diskutiert er den "Fall Bulger" in Newsgroups wie "uk-legal". Schon soll es Webseiten geben, die die Hatz koordinieren wollen, wo offen zum Mord aufgerufen wird. Das Web könnte dabei den Bann, keine Fotos der beiden Täter veröffentlichen zu dürfen, ohne Probleme unterlaufen: Sie müssten nur auf einem Server außerhalb Großbritanniens hinterlegt werden.

Die Gerüchteküche kocht in Liverpool. Ein Kopfgeld ist im Gespräch für den, der die Rache vollzieht. Keiner weiß, ob das wahr ist, niemand sagt, wer die Prämie ausgelobt haben soll.

In Liverpool wird gegen die Freilassung demonstriert. Die Lokalzeitung "Liverpool Echo" veranstaltete einen Telefon-TED: 42.000 nahmen teil, 35.000 sagten, die Täter sollten hinter Gittern bleiben.

Viele im Web meinen, sie sollten dort verrotten. Oder woanders.

Der Irrsinn der Geschichte um James Bulger setzt sich fort, vom Mord bis zur Hatz auf seine Mörder, denen die Justiz nach Verhandlungen und Attesten, Gutachten und langen Debatten eine zweite Chance geben will, ein zweites Leben.

Diese Chance, meint Jamie Bulgers Mutter, habe ihr Sohn nie bekommen, zu Tode gequält mit gerade einmal zwei Jahren. "Justice S. Tinks", regelmäßiger und gemeinhin zynischer Teilnehmer an den Diskussionen unter "uk.legal", meint, das könnte bald auch auf andere zutreffen: "Die größte Gefahr ist nun, dass es zu irgendwelchen idiotischen Racheakten gegen Leute, die den beiden ähnlich sehen, kommt".

Aber Vernunft ist nicht gefragt im Fall Bulger, auch nach acht Jahren nicht, auf keiner Seite.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP