Von Nicole Adolph
Die Helden im Internet sind weiblich - zumindest die künstlichen. Im Cyberparadies gibt es keinen Adam, aus dessen Rippe eine Eva sprießt. Die Männer haben wenig zu melden in den unendlichen Weiten des virtuellen Kosmos. Denn die Avatare - Wesen aus Bits und Bytes- , die das Netz bevölkern, sind fast ausnahmslos weiblich.
Die erste dieser Kreaturen machte sich vor drei Jahren im Datenraum breit: Kyoko Date. Ihr folgten künstliche Heroinen wie Sand am Meer: Sie heißen Lara, Lula, Leeloo, Virtual Valerie, Space Bunny, Nikki oder Busena. Damit ist aber schon genug des "Matriarchats" im Internet. Die Namen der virtuellen Frauen verraten es: Die Schöpfer sind natürlich Männer.
Die Online-Entertainment-Püppchen sind banale Männer-Phantasien nach Idealmaß. Superweiber mit digitalem Leib: große bewimperte Augen, volle rote Lippen (die inbrünstig Laute wie "Hah" oder "Puuh" stöhnen), wallendes Blondhaar und eine Oberweite, die aus dem Bildschirm zu springen droht. Sie alle besiegen das Böse. Einige - wie Tomb-Raider-Star Lara Croft - ballern dabei ihre Gegner nieder, Cybergöttinnen wie Virtual Valerie und Lula setzen auf die "Waffen der Frau": Strapse und spärlich bedeckte Busen.
Die Wirklichkeit im virtuellen Universum sieht anders aus: Im Internet tummeln sich zwar längst nicht so viele Frauen wie in der Welt der Avatare - dafür haben sie Grips im Kopf und müssen nicht von Männern zum Cyber-Leben erweckt werden. Die Botschaft zum Internationalen Tag der Frau lautet: Immer mehr Frauen gehen ins Netz.
Nach einer soeben erschienenen Untersuchung der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) surfen derzeit 31 Prozent aller deutschen Frauen im Internet . Das sind 2,6 von 8,4 Millionen Internet-Nutzern insgesamt. In den USA haben die Frauen fast die 50 Prozent-Marge erreicht. Marktforscher der Firma eMarketer in New York sehen den Cyberspace in Zukunft von Frauen dominiert. Wendepunkt: das Jahr 2002. In Deutschland ist die Tendenz steigend. "Ich bin davon überzeugt, daß irgendwann genauso viele Frauen wie Männer im Internet sein werden ", sagt Roland Bronold von der Medienforschung der GfK.
Frauen sind nach Ansicht von Marktforschungs-Experten der größte Wachstumsfaktor im Internet. Vor allem die zahlreichen Shopping-Angebote im Netz werden immer stärker auf Frauen abgestimmt - sei es bei der Bestellung von Alltagsbedarf oder von Designer-Klamotten. "Frauen sind eine zahlungskräftige Zielgruppe", sagt die Hamburger Koordinatorin des Frauennetzwerkes "Webgrrls", Miriam Gottschalk. Die Firma Jupiter Communications prognostiziert, daß Frauen bis zur Jahrtausendwende jährlich etwa 3,5 Milliarden Dollar online für Lebensmittel, Kleidung und Bücher ausgeben werden.
Auch Frauenzeitschriften haben den Markt entdeckt und mittlerweile fast alle ein Online-Angebot aufgebaut: Allegra, Brigitte, Elle, Freundin oder Amica. Da werden allerdings meistens "Frauenthemen" wie Schönheit, Fitneß, Kochen, Mode und Kindererziehung widergekäut. In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat sich darüber hinaus ein dichtes Netz von Angeboten entwickelt, das Frauen in eigener Regie ausgearbeitet haben - obwohl auch dort oft "traditionelle" Themen wie Kinder, Küche und Kirche angeboten werden.
Eine der beliebtesten dieser Homepages ist die Hausfrauen-Seite, die eine "behagliche Ofenbank" im Netz sein will. Dort beantworten Frauen biedere Alltagsfragen auf, nun ja, unterhaltsame Weise. Kochrezepte, Einkaufstips und die schönste Hochzeitsseite des Jahres. Im Hausfrauen-Chat ereifern sich Frauen über Themen wie Süßigkeitsfallen vor Supermarktkassen oder Streß vor Hochzeiten. Die Lektüre der Gästebücher verrät eine weitgehend identische Leserschaft. Die Homepage-Besitzerinnen sorgen fast täglich mit neuen Beiträgen für Top-Besucherzahlen. Einen Namen im Netz haben sich die "Mütter mit Modem" gemacht, die es seit 1997 gibt. Das Angebot ist vielfältig und reicht vom Strickmuster bis zur Knobelecke.
Neben den Homepages mit Frauen-Klischeethemen gibt es auch Seiten, die das entgegengesetzte Frauenbild ansprechen. Auf der Emanzen-Homepage empfängt das Logo-Girl den Besucher drohend mit einem Staubsauger. Auch die Cyberfeministinnen - diese Woche diskutieren sie bei einem Kongreß in Rotterdam über Themen wie "women and hacking" - präsentieren sich kämpferisch. Die Hamburger Gründerin Cornelia Sollfrank bietet dort Schriften, Beiträge und Links zur feministischen Diskussion im Netz.
Viele Angebote von Frauen im Netz liegen aber irgendwo zwischen Hausfrau und Feministin und versuchen, ein breitgefächertes Interessengebiet abzudecken. Dazu gehört das Angebot der Webgrrls, die sich das Ziel gesetzt haben, immer mehr Frauen das Internet nahezubringen. Es ist ihnen schon gelungen. 1995 in New York gegründet, gibt es mittlerweile ein internationales Netzwerk. In Deutschland hat die Gruppe inzwischen 2600 Mitglieder an sechs Standorten. "Wir wollen Frauen berufliches Know-how ermöglichen und ihren Berufsalltag im Netz erweitern", sagt die Hamburger Koordinatorin der Webgrrls, Miriam Gottschalk. Sie ist der Auffassung, daß man Frauen ein sehr nutzerorientiertes Programm bieten muß: "Frauen wollen nicht lange am Computer spielen, sondern suchen ganz gezielt nach Informationen".
Derselben Meinung ist die Gründerin des Frauennetzes, Karin von Prittwitz. "Frauen sind nicht so technikverliebt wie Männer und denken eher verbraucherorientiert", glaubt sie. Von Prittwitz bietet auf ihrer Homepage Beratung, Information und Foren. Die Gründerin des Frauennetzwerkes glaubt - wie so manche Theoretikerin -, das Internet sei das Medium der Frauen. "Es ist kommunikativ, integrativ, intuitiv und nutzenorientiert - das entspricht typisch weiblichen Eigenschaften", sagt sie. Vor allem den kommunikativen Aspekt hält von Prittwitz für ausbaufähig. Ihrer Meinung nach könnten sich Frauen im Internet noch viel mehr austauschen. "Leider gibt es da aber immer noch eine Hemmschwelle, was die Technik betrifft," sagt sie. Aber Karin von Prittwitz ist zuversichtlich. Sie hofft, daß Frauen zum Internet eine ähnliche Affinität wie zum Telefon bekommen. Denn: "Nicht jede Frau, die viel und gern telefoniert, muß Elektrotechnik studiert haben."
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