Von Frank Patalong
"Sag mal", fragt Christoph, "liest du eigentlich deine E-Mails nicht mehr?"
Schon klar, was er will. Irgend etwas Wichtiges schlummert da im Postfach. "Klar", antworte ich ihm, "ich bin nur noch nicht durch!"
Das ist weder übertrieben, noch ein Wunder. Über 500 Leser-E-Mails mit Link-Tipps warten dort darauf, gelesen und bearbeitet zu werden. Das Sommerloch ist längst unter einem Postberg verschwunden.
Doch man kann immer jammern, und niemand hört zu: Das ist Klasse. Was da an kuriosen, originellen und mitunter sogar nützlichen Websites zu Tage tritt, ist schon außergewöhnlich. Das muss es wohl sein, was die Schöpfer des denglisch gefärbten Neuhochdeutschen mit "Data Mining" meinen.
Augenfällig ist auch, dass der liebe Leser vor allem Spaß sucht. Die meisten Link-Tipps sind einfach nur schrill. Da muss man sich schon fast fragen, wie Menschen, die so orientiert sind, sich überhaupt zu SPIEGEL ONLINE verirren. "Na", sagt Christoph, "so ganz normal sind deine Link-Artikel ja auch nicht".
Ich beschließe, das einmal als Kompliment aufzufassen, und fahre fort, die Leserpost zu sichten. Auffallend ist, dass es Seiten gibt, die zwar nicht kommerziell und darum auch nicht beworben, nichtsdestotrotz aber äußerst bekannt sind. Christoph schaut mir über die Schulter und nimmt das auch wahr.
"Komisch, eigentlich", sagt er. Bingo: eine ideale Gelegenheit, den deutlich älteren, erfahreneren Onlineredakteur unauffällig heraushängen zu lassen!
"Nee", sage ich und versuche, so zu klingen wie Helmut Markwort in der "Fakten, Fakten, Fakten"-Morgenkonferenz, "gar nicht. Du musst dir einfach nur einmal vorstellen, wie dieses Internet beschaffen ist."
Christoph guckt, als wollte er "Häh? Wat will er nun wieder?" sagen. Also erkläre ich ihm das mal.
"Das Internet", setze ich an und suche nach einer originellen Allegorie, die noch keiner meiner zahlreichen Kollegen je benutzt hat, "muss man sich in etwa so vorstellen wie eine... - ...eine..." - (hier bitte einen blendend hellen Geistesblitz einfügen) - "...wie eine Schmeißfliege!"
"Ach?" sagt Christoph.
"Doch ja", versichere ich ihm. "Von oben."
Das Schmeißfliegen-Modell, Version 1.0
Christoph schweigt andächtig. Ich hole tief Luft: "Stell dir das doch einfach mal vor. Wir nähern uns der Fliege von vorn: Wie sieht das da aus?"
Jetzt ist Kollege Christoph zwar ein findiges Bürschchen, aber klar stärker im Faktischen als im Metaphorischen. Ich helfe ihm: "Facettenreich. Das ist der kommerzielle Kopf, schillernd in allen Farben. Da kommt keiner dran vorbei."
"Wir sind ein Fliegenauge?" fragt er und zeigt damit die Schnelligkeit seiner Auffassungsgabe.
"Sicher. Ein ganz großes." Und dann erkläre ich ihm, wie es weitergeht: "Dahinter sitzt dieser fette, schwarze, haarige Körper. Das ist die Masse der Websites, und weil die - wie bei Schmeißfliegen üblich - nicht so gut riecht, schauen sich die Robots der Suchmaschinen das alles gar nicht so genau an. Da findet man ja auch jede Menge Mist."
Das sieht Christoph ein. Er nickt, wenn auch sehr langsam und mustert mich dabei eingehend. Ein gutes Gefühl, junge Kollegen zu haben, die so aufmerksam zuhören können.
"Aber das ist ja nicht alles. Obendrauf, da liegen die Flügel: schillernde, fragile Gebilde, in denen sich das Licht in allen Regenbogenfarben bricht."
"Jetzt", sagt Christoph gedehnt, "entdeckt er die Poesie der Schmeißfliege."
"Papperlapapp", unterbreche ich nur leicht indigniert, "das sind die schönen, freien Seiten. All die Links, die uns unsere Leser nun bitkörbeweise zuschicken. Rechter Flügel, Außenrand: Once upon a Forest. Hat uns Manfred Vogel drauf gebracht, für die, wie er sagt, 'Meditation in der Mittagspause'. Oder hier: Allyourbase, eine ganz berühmte Seite, an die Marc Wittenbrink erinnert. Oder Beatles-Karaoke in scheußlichstem MIDI-Sound, ein Tipp von Rico. Oder - völlig genial - der depressive Web-Server."
"Okay", sagt Christoph, "sehe ich ein. Und wie weiter?"
"Jaaa", dehne ich den Vorlauf zur Pointe, "dann gibt es noch die Beine."
"Der Backbone", wirft Christoph ein, "weil das Web darauf steht. Oder irgendwelcher Verschwörungskokolores, weil du darauf stehst?"
Jetzt will er mich ärgern. "Nein", sage ich knapp und bedeutungsvoll. "Das sind die Enden des Webs."
Stille.
Irgendwo tickt eine Uhr.
Irgendwo schrillt ein Telefon.
Irgendwo will wer wissen, wer das letzte Brötchen gegessen hat.
"Die Enden", fragt Christoph, "des Webs?"
Ich leiste mir ein leises Lächeln. Wie die meisten Web-User glaubt auch Christoph daran, dass im Web alles irgendwie mit allem verbunden ist. Mindestens 40 Leserzuschriften beweisen aber, dass die erfahreneren Surfer die Grenzen von Cyberia längst entdeckt haben.
Denn irgendwo dort draußen im Datenraum geht es nicht weiter. "Und wie bei der Schmeißfliege", schließe ich meinen Vortrag, "endet auch der Körper des Webs in vielen Enden: im Nirgendwo, bei The End, auf der letzten Seite oder - besonders genial - beim Endabschalter."
Einige Sekunden mustert er mich nur. "Das Schmeißfliegen-Modell", sagt er dann. "Soll ich dir sagen, was ich davon halte?"
Ich zögere. "Ne, lass mal", antworte ich dann.
Er nickt. Er geht. Er schüttelt den Kopf.
Vielleicht sollte ich doch nach einer etwas anderen, etwas eingängigeren Allegorie suchen. Besser wäre das.
Diesen Artikel lass ich erst mal liegen. Ich klebe einen gelben Post-it-Zettel auf den Bildschirm: "Bitte nicht online schalten."
Zum Glück habe ich sehr sachliche, nüchterne Kollegen, die sich an so etwas halten. Wenn ich ehrlich bin wäre es wohl besser, wenn dieses Ding nie veröffentlicht würde. Sonst fragt sich der liebe Leser noch, wie es zu solch einem Artikel kommen kann . Und jetzt, sage ich mir selbst, gehst du erst mal essen.
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