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30.07.2001
 

Me-Zines

Subkultur der digitalen Ego-Magazine

Von Jochen A. Siegle

Ein-Mann-Web-Magazine von Reportern, Kolumnisten oder Buchautoren erfreuen sich in den USA immer größerer Beliebtheit. Den so genannten Me-Zines geht es dabei wie den großen redaktionellen Online-Angeboten: Popularität kostet Bandbreite und damit Geld. Und doch fahren einige Profite ein.

Erinnern Sie sich an Matt Drudge? Den Sensationsreporter, der über seine Website "Monicagate" lostrat und damit nicht nur Bill Clinton mächtig in die Bredouille, sondern sich selbst zu zweifelhaftem Ruhm brachte? Das war vor dreieinhalb Jahren, so schnell vergeht die Zeit. Seitdem hat sich im weltweiten Datennetz eine Menge getan: Kleine Drudges finden sich inzwischen mehr denn je im Cyberspace.

Virginia Postrel: Me-Zine-Veteranin seit 1998
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Virginia Postrel: Me-Zine-Veteranin seit 1998

Sei es auf persönlichen Homepages, Weblogs von Hobbyreportern, in Internet-Tagebüchern oder Newsgroups - online die eigene Meinung kundzutun, ist mächtig schick. An allen möglichen Ecken des Netzes wird gelästert, gespottet, intrigiert und kolportiert, ganz egal ob es interessiert oder nicht.

Me-Zines sind nun der aktuellste amerikanische Webtrend, mit denen sich eine neue Subkultur des "One Man"-Internet-Journalismus etabliert. Zumindest potenziell ist dieser fundierter und weniger klatschträchtig als etwa die oft haarsträubenden Drudge-Reports - mindestens jede dritte dieser Storys, so mutmaßt das US-Medienmagazin "Brill's Content", sei frei erfunden.

Schließlich handelt es sich bei den Me-Zine-Betreibern ja um gestandene Journalisten, aktive wie ehemalige Reporter, Kolumnisten oder Autoren namhafter Medien, die hingebungsvoll für ihre ganz persönlichen Internet-Ausgaben texten.

Virginia Postrel, Redakteurin beim "Reason"-Magazin und Autorin bei der altehrwürdigen "New York Times", betreibt schon seit 1998 ein solches Me-Zine. Über die Domain VPostrel.com sinniert sie über Pressefreiheit und Standards für redaktionelle Web-Angebote, wettert gegen die Energiepolitik der Bush-Administration oder mokiert sich über die Site des Weißen Hauses - findet sie diese doch ebenso "erbärmlich" wie die Steuerpolitik.

Und Drudge lässt dennoch grüßen

Postrels Kollege Mickey Kaus zieht in seinen "Kausfiles" besonders gerne über Leitartikel in der US-Presse her. Unlängst rührte er unter dem Titel "There's a Scandal in Here Somewhere!" in einem "New York Times"-Bericht zum Präsidentschaftswahlchaos in Florida.

Sein Lieblingsthema ist derzeit jedoch die Affäre um die verschwundene Regierungspraktikantin Chandra Levy. "Hatte die Ex-Geliebte des demokratischen Kongressabgeordneten Gary Condit nun wirklich ein Faible für One-Night-Stands?", fragt sich Kaus. "Warum verließ Levy ihr Apartment ohne Ausweis und Geldbörse?"

Klick-Boom in den letzten Monaten: Joshua Micah Marshall
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Klick-Boom in den letzten Monaten: Joshua Micah Marshall

Kaus, Buchautor und einst Politikredakteur bei "Newsweek", mag dabei noch so politisch klingen und mit Hyperlinks auf zitierte Artikel verweisen, Skandalberichterstatter Drudge lässt dennoch grüßen - thematisch zumindest.

David Columbia geht sein Me-Zine NYSocialDiary.com dagegen ganz bewusst tratschig an: Täglich berichtet der Chefredakteur des High-Society-Magazins "Quest" auch im Netz über die Befindlichkeiten der New Yorker Schickeria.

Me-Zine-Fangemeinde wächst stetig

Ob nun über Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft kolumniert wird, das Konzept der digitalen Mini-Medien scheint aufzugehen. Andrew Sullivan, Senior Editor bei "The New Republic" und Autor beim "New York Times Magazine", zählte etwa auf seiner im vergangenen Jahr gestarteten Seite bereits mehr als 180.000 Besucher.

Da die Betreiber in der Regel keine professionelle Tracking-Software einsetzen, sind die Zugriffszahlen jedoch mit Vorsicht zu genießen. "Der Traffic ist noch zu gering, um Unique Visitors zählen zu können", erklärte Postrel jüngst auf ihrer Site. Sie verbuche inzwischen allerdings täglich mindestens 750 Seitenabrufe - Tendenz steigend.

Nicht nur Postrel und Sullivan konnten in den vergangenen Monaten ihre Abrufzahlen beachtlich steigern. Zu verdanken ist dies insbesondere dem Web-Magazin "Slate". Seit April offeriert das von Microsoft finanzierte Online-Projekt täglich Textschnipsel und Links ausgewählter Polit-Me-Ziner. Neben Postrel, Sullivan und Kaus zählen dazu auch Rich Galen, Herausgeber der Cyberkolumne Mullings.com, oder Joshua Micah Marshall.

Angst vor zu viel Popularität: Website von Edward Jay Epstein
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Angst vor zu viel Popularität: Website von Edward Jay Epstein

"Das steigert deren Traffic natürlich enorm", kommentiert Herausgeber Michael Kinsley die neue "Slate"-Rubrik. "Und ich hoffe natürlich, dass auch wir ein paar Zugriffe mehr verbuchen können." Seit "Slate" das "Mezine Central" initiierte, konnte Postrel beispielsweise ihre Abrufzahlen beinahe verdoppeln.

Popularität kostet Bandbreite

Von der gesteigerten Popularität der elektronischen Ego-Zines sind jedoch nicht alle Betreiber begeistert. Schließlich kostet jeder neue Fan zusätzliche Bandbreite. Der Politologe und Buchautor Edward Jay Epstein veranlasste sogar, dass "Slate" den Link auf seine Seite entfernte. Diese war dem Ansturm schlicht und einfach technisch nicht mehr gewachsen.

Dabei sind überraschenderweise etliche der eigentlich "just for fun" gestarteten Me-Zines sogar profitabel. Entweder decken Sponsoren die Unkosten, oder die Leser werden über virtuelle "Tip Boxes" zum Spenden aufgefordert.

Sullivan etwa konnte für seine Site binnen neun Monaten über Digi-"Trinkgelder" begeisterter Surfer mehr als 25.000 US-Dollar einnehmen. Seine regelmäßigen Investitionen in mehr Bandbreite haben sich damit allemal bezahlt gemacht.

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