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08.10.2001
 

Kriegs-Gerüchteküche

"Wir fangen da an, wo die Medien aufhören"

Sieben Tage die Woche, viermal rund um die Uhr updated der israelische Webdienst "Debka" seine Newssite. Gemeldet wird alles, was groß, wichtig und blutig ist. Den Wahrheitsgehalt prüft "Debka", wenn Zeit dafür ist.

Debka: Klares Design, Inhalte oft unklarer Qualität
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Debka: Klares Design, Inhalte oft unklarer Qualität

Eigentlich hat "Debka", der englisch-hebräische "unabhängige Nachrichtendienst", einen ganz anderen Anspruch: Die ganze Palette internationaler Politik soll sich darin finden, mit viel Hintergrundinformationen, "unbeschmutzt durch unrelevante Interessenlagen".

Soll heißen: "Debka" ist frei, gehört keinem großen Network, stellt sich nicht der Verantwortung eines Medienhauses, einer Regierung. "Debka" ist ein reines Web-Projekt, das Nachrichten bietet, die andere entweder noch nicht haben - oder aber nie haben werden.

Denn "Debka" wagt - im Gegensatz zu den meisten seriösen Medien - auch den Blick nach vorn, komme was da wolle. Manchmal finden die Macher dabei ein Korn: Stolz verweisen sie darauf, dass sie bereits Mitte Juli 2000 vorausgesagt hätten, dass Al Gore Joseph Lieberman zu seiner Nummer zwei im Wahlkampf machen würde.

Sowas ist ein Treffer, und daran ist "Debka" - in einem anderen Sinne - ganz besonders interessiert: Politische Nachrichten nehmen nämlich weit weniger Raum ein, als alle Themen rund um Waffen und Tod. "Debka" ist unter dem Strich, in Themen und Machart eine Art "Drudge-Report" für Krieg- und Terrorthemen.

Manchmal haben die Macher die Nase wirklich im Wind. Bereits im August wussten sie, dass sich die Amerikaner auf eine von den Irakern für den Oktober geplante Auflehnung gegen die Flugschutzzonen vorbereiteten. Was "Debka" nicht ahnte war, dass Amerika ab dem 11. September ganz andere Sorgen haben würde: Auch den Experten von "Debka" ist es "unbegreiflich, wie diese Anschläge vorbereitet werden konnten, ohne dass die Geheimdienste davon erfuhren".

Nachrichten nach dem Motto "Trial and Error"

Schießt sich "Debka" dagegen einmal auf ein Thema ein, stehen die Chancen gut, dass das gerade einmal acht Mann starke Team auch etwas "ausgräbt": Unverfroren nach einem "Trial and Error"-System verfahrend meldet "Debka" einfach, was andere noch nicht laut zu denken wagen. "We Start", heißt das Motto des Gerüchte-Dienstes, "Where The Media Stop" - "Wir fangen da an, wo die Medien aufhören".

Dabei tapert "Debka" von einem Fettnäpfchen ins nächste, meldet und lässt Meldungen verschwinden, wenn sie sich in der Realität nicht materialisieren. Das passiert allen Medien im Web ab und zu, in diesem Medium, das oft schneller als Radio ist - seinen Machern aber die Gnade nicht gönnt, dass sich die Ente "versendet". "Debka" jedoch hat eine Sonderstellung, denn mehr "Prognose" und Gerücht wagt kaum einer.

Die Redaktion hat damit kein Problem, der Leser sollte es aber wissen: Als am 4. Oktober eine russische Verkehrsmaschine ins Schwarze Meer stürzte, wusste "Debka" nach Minuten, dass diese definitiv von Terroristen abgeschossen worden war. Zwei Stunden später wusste "Debka", dass eine irregeleitete Manöverrakete die Schuld trug. Die eine Wahrheit hatte die nächste verdrängt: Serviert wurden beide Meldungen nicht als Theorien (was alle Medien taten), sondern ausdrücklich als Fakten. So etwas verlangt mündige Leser, die eine Nachrichtenquelle wirklich nur als eine Nachrichtenquelle begreifen.

Zu anderen Zeiten wiederum gelingen "Debka" Glücksgriffe: Dass amerikanische und britische Vorauskommandos bereits in Afghanistan operierten, wusste "Debka" mehrere Tage, bevor es auch von CNN und anderen gemeldet wurde. Kleine Triumphe des frechen Nachrichtenzwerges über den übermächtigen Medienkonzern: Das ist, als ob das Team des Hintertupfinger Sonntagsradler-Vereins die Tour de France gewönne.

Doch selbst in solchen Glanzstunden bleibt immer ein Tröpfchen Wermut (oder Würze, eine Frage der Perspektive), denn auch hier wussten "Debka"-Leser wieder mehr: Dass neben russischen auch deutsche Soldaten bereits in der letzten Woche auf afghanischem Boden kundschaftend operierten, weiß bis heute nicht nur CNN nicht. Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit hat man davon auch im Verteidigungsministerium noch nicht gehört. Aber gerade das ist ja der Reiz an Gerüchteküchen, wenn man sie richtig zu nehmen weiß: Als Leistungstest für die eigene Nase.

Frank Patalong

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