Von Jochen Bölsche
Seit neun Jahren befasst sich der Bad Nauheimer Sascha Ziegler, 22, mit der Erforschung seiner Familiengeschichte. So erfolgreich widmete sich das junge Genie der Genealogie, dass ihm die "Frankfurter Rundschau" einen schönen Ehrentitel verlieh: "Geneal."
Bereits als Schüler recherchierte Ziegler in Kirchenarchiven und Chatrooms seinen Stammbaum, der bis ins 12. Jahrhundert reicht. Dass er um Dutzende von Ecken auch mit Goethe verwandt ist, spielt er bescheiden herunter: "Das ist irgendwie fast jeder."
Elvis Presley war der Urururururururenkel eines pfälzischen Winzers
An Nachwuchskräften wie Ziegler liegt es, dass das klassische Senioren-Hobby mittlerweile mehr und mehr "aus der Kukident-Ecke" herauskommt. Mit Gleichgesinnten, die einander scherzhaft als "Ahnwender" bezeichnen, bastelt der Bad Nauheimer an einem Webzine, in dem Tausende von Genealogie-Seiten katalogisiert sind - Slogan: "Die Ahnen sind online." Dazu hat Ziegler einen Web-Shop aufgezogen, der allerlei Fachliteratur feilhält, darunter einen Ratgeber "Ahnenforschung online für Dummies".
Ein Minimum an Intelligenz ist schon vonnöten, wenn die Ahnensuche von Erfolg gekrönt sein soll. Denn die in Deutschland am häufigsten genutzten Quellen - alte Kirchenbücher (meist seit 1648) und Standesamtsregister (seit etwa 1874) - weisen allerlei Lücken und Tücken auf.
Viele Dokumente sind in unleserlicher altdeutscher Handschrift verfasst und wimmeln von mysteriösen Kürzeln wie "9ber" (für November) oder "GG" (für Georg).
Statt des Geburtstages ist in Kirchenbüchern oft das Taufdatum vermerkt, statt des Todestages der Beerdigungstermin. Die Schreibweise von Eigennamen kann von Jahr zu Jahr wechseln. Manch ein Anfänger braucht lange, bis er begreift, dass es sich bei einem "Uulmann" und einem "Eulemann" um dieselbe Person handelt.
Und nur wer weiss, auf welche Weise seine ausgewanderten Vorfahren einst ihren Namen amerikanisiert haben, kommt dahinter, dass Elvis Presley - ein Urururururururenkel des pfälzischen Winzers Johann Valentin Pressler - sein Vetter achten Grades war.
Rätselhaftes "Soundex": Aus "Zedlitz" wird "Zotteldecke"
Bei der Recherche in Datenbanken, in denen viele Hobbyisten ihre Stammtafeln hinterlegt haben, hilft den Ahnendetektiven ein viel genutztes Programm: "Soundex" verspricht, neben dem gesuchten Meier auch jeden (womöglich identischen) Maier, Meyer oder Mayer herauszufiltern; es tilgt zu diesem Zweck alle Vokale und übersetzt Konsonanten in einen Ziffernkode.
Doch bei deutschen Namen liefert das US-Programm, das für den englischsprachigen Raum entwickelt wurde, "oft merkwürdige Ergebnisse", wie ein Ahnenforscher namens Jesper Zedlitz im Web warnt: "S530 steht für Schmidt und Sandemann, Z343 für Zedlitz und Zotteldecke."
Aus der Genealogie-Hochburg USA stammen nicht nur die meisten Computerprogramme für Ahnenforscher. Firmen wie ancestry.com und genealogy.com treiben auch einen schwunghaften Handel mit Behörden- und Versicherungsdaten, die sie, auf CD-Rom gebrannt, an Ahnensucher in aller Welt verkaufen.
Über den weltweit größten Bestand an Verstorbenen-Daten verfügen nach wie vor die Mormonen, die in einem Granitfelsen in Utah die Personalien von rund zwei Milliarden Menschen erdbeben- und atombombensicher gebunkert haben - aus religiösen Gründen: Die "Heiligen der letzten Tage" sind davon überzeugt, nicht nur möglichst viele Lebende, sondern auch möglichst viele Tote taufen zu müssen.
Hinter tonnenschweren Tresortüren lagern allein über zwei Millionen Mikrofilme, auf denen diese Heiligen auch den Inhalt Tausender teils schon vermodernder Kirchenbücher aus deutschen Gemeinden gesichert haben. Über das Web machen die Mormonen das Ergebnis ihrer Erkundungen im Totenreich auch privaten Ahnenforschern zugänglich.
Woody Allen: Fast ein Hamburger
In diesem Jahr erst konnten die Seelenfänger aus Salt Lake City ihre Sammlung um einige hunderttausend Datensätze aus Hamburg erweitern: Im Auftrag des Senats stellen zwei Dutzend körperbehinderte Hilfskräfte nach und nach die Passagierlisten der hanseatischen Reedereien ins Internet, die von 1850 bis 1934 fünf Millionen Auswanderer nach Amerika befördert haben.
In deren Nachfahren - insgesamt 55 Millionen Menschen - sieht Hamburg eine Zielgruppe für ganz spezielle Angebote. Das Staatsarchiv soll amerikanischen Ahnensuchern kostenpflichtige Detailauskünfte offerieren, dazu später vielleicht auch Merchandising-Artikel wie Buddelschiffe oder Büffelleder-Urkunden.
Vor allem aber hoffen die Hanseaten auf einen Touristik-Boom durch Amerikaner, die in der Hafenstadt auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln wollen. Voriges Jahr wurde erstmals eine "Four Day Emigration Tour" für 598 Dollar angeboten - mit Informationen etwa darüber, dass sich einst auch die Vorfahren von Barbra Streisand und Woody Allen, Steven Spielberg und Kirk Douglas in Hamburg eingeschifft haben.
Demnächst will der Senat eine der historischen Auswandererhallen im Hafenviertel Veddel herrichten - als Attraktion für den Ahnentourismus und als Gegenstück zum legendären US-Aufnahmelager Ellis Island. Die Resonanz, die Hamburgs "LinkToYourRoots"-Programm findet, ist schon jetzt gewaltig - rund 20.000 User wählen sich monatlich ein. Genutzt wird das Angebot zur Überraschung der Betreiber nicht nur von Amerikanern, die deutsche Vorfahren suchen, sondern zunehmend auch von Deutschen, die ihrer amerikanischen Verwandtschaft nachspüren wollen.
Auch wilde Ehen dürfen neuerdings im Geschlechterbuch verzeichnet werden
Ebenso schwierig wie die Fahndung nach Dokumenten aus fernen Zeiten und anderen Breiten ist oft der Umgang mit Folgen aktueller Trends: Ehefrauen, die ihren Mädchennamen behalten; Lesbenpaare, die Kinder adoptieren; Patchwork-Familien, in denen jeder einen anderen Nachnamen hat - das bereitet manchem Stammbaumstrichler Kopfschmerzen.
Doch selbst das "Deutsche Geschlechterbuch", Bibel der Genealogen, trägt dem Wandel Rechnung: Ins Familienregister aufgenommen werden neuerdings auch "Stammhalterinnen", die den Sippennamen an ihre leiblichen Kinder weitergeben. Und neben dem alten Ehe-Symbol oo ist nun auch das Zeichen o-o zulässig - für nicht eheliche Lebensgemeinschaften.
Hobbyforschern, aber auch professionellen Erbschaftsermittlern macht nicht nur die neue Unübersichtlichkeit zu schaffen. Viele Nachlass-Angelegenheiten bleiben heute auch deshalb ungeklärt, weil es in den vergangenen Jahrzehnten völlig aus der Mode gekommen war, Familienverhältnisse zu dokumentieren.
Das Desinteresse kann potenzielle Erben von Millionenvermögen teuer zu stehen kommen. Erbenermittler wie der Nachlasspfleger Henning Schröder klagen heute: "Neunzig Prozent der Leute, die wir über ihr Erbe informieren, haben keine Ahnung von ihren verwandtschaftlichen Beziehungen."
Auch das ist eine Spätfolge des NS-Rassenwahns, der die Ahnenforschung in Deutschland für Jahrzehnte in Verruf gebracht hat: Mit seinem schwülstigen Ahnenkult und seinen erzwungenen Ariernachweisen hat der Nationalsozialismus einst den Massenmord vorbereitet.
Im dritten Teil: Die Rückkehr des Ahnenpasses - Wie die wiederentdeckte Genealogie zum zweifelhaften Partner der Genforschung wird.
Ab 26. Dezember bei SPIEGEL ONLINE.
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