Mittwoch, 10. Februar 2010

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22.12.2001
 

Web-Kampagne

Rote Karte für Anastacia

Von Meike Fries

Die amerikanische Mainstream-Sängerin Anastacia singt die offizielle Hymne zur Fußball-WM 2002 in Japan und Korea. Eine Webinitiative des "SZ"-Jugendmagazins "Jetzt" will das in letzter Minute verhindern.

Deutliche Sprache: "Wir wollen einen anständigen WM-Song!"
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Deutliche Sprache: "Wir wollen einen anständigen WM-Song!"

Eigentlich ist die 27-jährige amerikanische Sängerin Anastacia viel zu uninteressant, als dass man über sie streiten müsste. Sie macht Musik für MTV und Kirmeszelt, und zu Beginn ihrer Karriere schien es, als würde weitaus weniger über ihre Musik als über ein ganz anderes Detail gesprochen werden: In einer unseligen Allianz mit Nana Mouskouri und aktuell Ulla Kock am Brink tritt die Sängerin nämlich stets mit Brille auf. Und verkauft das als Merkmal für Emanzipation.

Nun ja, und dann hat sie eben auch noch eine stattliche Anzahl von Platten verkauft: Über fünf Millionen Exemplare ihres Erstlings "Not That Kind", nachdem sie bei einem MTV-Gesangswettbewerb entdeckt wurde. Gerade ist ihr zweites Album "Freak Of Nature" erschienen, das sich vermutlich noch besser verkaufen wird. MTV und Sony haben Anastacia zu einem Superstar gemacht - vor allem in Deutschland, einem Land ohne Soultradition.

Nun wurde ihr Song "Boom" zur offiziellen Hymne zum Fußball-WM 2002 in Japan und Korea bestimmt. Dass dies so ist, liegt auch daran, dass die komplette offizielle Musik zur Weltmeisterschaft im nächsten Jahr aus dem Hause Sony geliefert wird - und dort ist eben auch Anastacia unter Vertrag.

Der Song: Untauglich für gemeine Fußball-Fans?

"Wir bei FIFAworldcup.com sind überzeugt davon, dass dieser phantastische Song alle Fans packen wird - ob ihre Mannschaft nun gewinnt oder verliert", heißt es auf der offiziellen Fifa-Seite zur Weltmeisterschaft 2002.

Der Schuss ging daneben, liebe Fifa. Von "Boom" sind längst nicht alle begeistert. Angeblich wurde der Song von Anastacia und ihrem Autor Glen Ballar extra für die WM geschrieben, aber mit Fußball hat er leider nicht viel zu tun. Bloß mit viel "Yeah, yeah" und eben: Boom! Und zum Mitsingen taugt er auch nicht. Zu solchen Tönen ist der gemeine Fußballer wohl erst nach dem Erleiden einer Blutgrätsche fähig.

Seit einigen Tagen läuft unter dem Titel "Stopp Anastacia - we want a decent worldcup song" ein lebhaftes Fanbegehren gegen die "Queen des Deppen-Soul", und stündlich mehren sich die Stimmen, die Anastacia und ihren Song eher nicht phantastisch finden.

Pélé mit Anastacia bei der WM-Auslosung: Was weiß diese Frau von Bällen?
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REUTERS

Pélé mit Anastacia bei der WM-Auslosung: Was weiß diese Frau von Bällen?

Meinungsäußerung wurde zur Web-Kampagne

Christian Seidl, Redaktionsleiter des Jugendmagazins "Jetzt" der "Süddeutschen Zeitung" (und leidenschaftlicher Fan von Bayern München) zeichnet verantwortlich für die Unterschriftenaktion. Mit einer Tickermeldung am 4. Dezember auf der "Jetzt"-Homepage legte er den Grundstein für die Aktion; die heftigen, positiven Reaktionen der "Jetzt"-Leser taten ihr Übriges.

Seidl meint, Anastacia verkörpere die Armut der amerikanischen Entertainment-Industrie und der Song sei eine Beleidigung für Tausende von Fußballfreunden und für die Gastgeberländer. Außerdem habe Anastacia "keine erkennbare Beziehung zu Fußball und Fankultur". Ricky Martin, der den offiziellen WM-Song 1998 sang, sei immerhin ausgewiesener Fußballfan und "als Lateinamerikaner darf der das", so Seidl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Der Fußball sei schließlich schon an das Fernsehen verkauft worden, die Sache mit Anastacia gehe nun einfach zu weit, so Seidl weiter. Und außerdem gebe es in Japan ja genug hervorragende Popstars wie Pizzicato Five oder Towa Tei, die den WM-Song singen könnten.

Latino-Schmalzetto Ricky Martin: Ein Lateinamerikaner darf, was eine Amerikanerin ohne Fußball-Kenne nicht soll - egal wie und was er singt
DPA

Latino-Schmalzetto Ricky Martin: Ein Lateinamerikaner darf, was eine Amerikanerin ohne Fußball-Kenne nicht soll - egal wie und was er singt

Im Forum indes wird heftig gestritten - und wie es scheint weniger zwischen Einzelpersonen als zwischen Nationalitäten: Die Deutschen werfen den Amerikanern Kulturimperialismus vor und keine Ahnung von Fußball zu haben, und die Amerikaner beschimpfen die Deutschen als Nazis. Alles nicht so neu.

Durch die .de-Domain und den deutschsprachigen Aufruf kommt die Aktion der Münchener natürlich nicht gerade international daher. Aber Seidl meint, eine globale Bewegung gegen Anastacia wollten sie dann doch nicht unbedingt lostreten. Aber ein deutliches Statement des Protestes abgeben.

Im März jedenfalls soll das Fanbegehren dem Fifa-Chef Joseph Blatter in Genf übergeben werden. Vielleicht lässt der sich ja doch noch umstimmen. Die geäußerten Gegenvorschläge für den Interpreten lassen allerdings nicht wirklich hoffen: Sie reichen von Helge Schneider über Oasis bis zu "Toni Polster und die Thekenschlampen".

Viele der Unterzeichner des Fanbegehrens treibt ein ganz und gar ehrbares Verlangen: Sie wünschen sich einen wirklich guten Fußballsong so wie "Three Lions" von den Lightning Seeds, der über zwei Eigenschaften verfügen muss: Er soll mit Fußball zu tun haben und leidenschaftlich sein. Das wäre zweifellos die beste Lösung. Und Sony-Künstler gib es bekanntlich ja wie Sand am Meer.

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