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12.04.2002
 

Raue Methoden

Sabotierte Murdoch das Pay-TV der Konkurrenz?

Von Frank Patalong

Vivendi verlor Hunderte Millionen Dollar durch gehackte Pay-TV-Decoder. In einem pikanten Prozess heißt es nun, Rupert Murdochs Firma NDS stecke hinter den Hacks - das wäre Sabotage. Vivendi klagt auf eine Milliarde Dollar Schadenersatz.

Rupert Murdoch: Sorgte eine seiner Firmen dafür, dass gehackte Zugangscodes für das Pay-TV der Konkurrenz verbreitet wurden?
REUTERS

Rupert Murdoch: Sorgte eine seiner Firmen dafür, dass gehackte Zugangscodes für das Pay-TV der Konkurrenz verbreitet wurden?

Leo Kirchs Probleme mit dem Geldgrab Premiere sind nicht einmalig: Wie der Münchner Medienlöwe setzte auch Frankreichs Star unter den Medienunternehmern, Vivendi-Chef Jean-Marie Messier, mit Pay-TV astronomische Summen in den Sand. Und wie in Deutschland sind auch bei Frankreichs und Englands Pay-TV-Sendern gehackte Decoder Kern des Problems: Hier wie dort geht man davon aus, dass die Zahl der zahlenden Abonnenten kleiner ist als die der "Schwarzseher" - Internet macht's möglich.

Denn über das Internet verbreiten sich die jeweils neuesten gehackten Zugangscodes in Windeseile: Oft verfügen clevere Raubkopierer schon über die Codes, bevor diese offiziell implementiert sind.

Da hilft wohl die Konkurrenz nach, behaupten die Anwälte von Vivendi derzeit in einem auf eine Schadenersatzsumme von einer Milliarde Dollar abzielenden Prozess (Distriktgericht nördliches Kalifornien). Vivendi präsentierte Zeugen, die aussagten, dass die Murdoch-eigene Firma NDS verantwortlich gewesen sei für die Verbreitung gehackter Codes für die Vivendi-Pay-TV-Sender Canal Plus (Frankreich) und ITV Digital (England).

Zum Kronzeugen für diesen Vorgang wird derzeit Oliver Kommerling, Angestellter der Firma ADSR, einer 60-Prozent-Tochter des Murdoch-Unternehmens NDS Group. NDS wird von zwei Söhnen von Rupert Murdoch geführt. Er sagt aus, dass NDS die Vivendi-Codes in einem Labor in Israel habe knacken lassen und diese dann - über den Umweg ADSR und NDS - an eine angeblich auf Raubkopien spezialisierte Website weitergegeben habe.

Das wäre Sabotage der Konkurrenz

Canal Plus und ITV Digital geben an, durch geknackte Codes jeweils mehrere hundert Millionen Dollar Umsatzeinbußen erlitten zu haben. Kommerling beschwört auch, ihm sei ausdrücklich von einem NDS-Mitarbeiter gesagt worden, dass es "entschieden worden sei", die betreffenden Codes über den NDS-Angestellten Chris Tarnovsky, dem Verbindungen zur Codecracker-Szene nachgesagt werden, an entsprechende Verteilerstellen weiterzugeben.

Eine Aussage, die durch einen weiteren Zeugen gestützt wird. Demnach habe Tarnovsky gegenüber dem Zeugen Gilles Kaehlin zugegeben, die gecrackten Zugangscodes an das Webportal "Digital Reference" weitergegeben zu haben. In den dortigen Foren geht es zurzeit heiß her - und ziemlich monothematisch: Der kalifornische Prozess ist (fast) das einzige Thema.

Das Imperium Murdoch (Überblick)
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Mittlerweile bekam NDS Post: Per gerichtlicher Anordnung wird die Firma ermahnt, keinen Versuch zur Zerstörung potenziellen Beweismaterials zu machen. Das könnte unter anderem auch den NDS-Manager Ray Adams betreffen, dem - wie der "Guardian" heute berichtet - "finanzielle Verbindungen" zu einer bekannten Cracker-Website nachgewiesen wurden, über die unter anderem auch geknackte Pay-TV-Codes von Vivendi verteilt wurden.

Adams, sagt NDS, ist Sicherheitsbeauftragter von NDS in Großbritannien, und da sei es "normal", dass man versuche, solche Kreise zu infiltrieren. Alle Vorwürfe von Vivendi weist das Murdoch-Unternehmen von sich und verweist stattdessen auf die akuten finanziellen Probleme der klagenden Pay-TV-Sender. Die versuchten, hieß es aus NDS-Kreisen, durch den Prozess den eigenen Wert im Hinblick auf einen Verkauf oder eine Fusion zu steigern und einen "unfairen Preis zu erzielen". Belegt ist unter anderem, dass es zuletzt am 14. Januar 2002 zu einem fruchtlosen Treffen von Canal-Plus-Managern mit einem potenziellen Fusionspartner gekommen sei: Der hieß NDS.

Jean-Marie Messier: Der einstige Star unter den Medienunternehmern hat Probleme
AP

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Prekär erscheint auch die Situation von ITV Digital, das Premiere-artige Probleme mit sich herumschleppt: Wie in Deutschland hält auch dieser britische Pay-TV-Kanal Rechte an der Ausstrahlung von Erstliga-Fußballspielen. Bezahlen kann ITV Digital dafür derzeit nicht. In den letzten Wochen begann ITV Digital damit, das TV-Geschäft flankierende Aktivitäten wie Web-Services zurückzufahren. Das schützte den Sender nicht davor, Insolvenz beantragen zu müssen: Seit kurzem steht dem Sender ein Insolvenzverwalter vor, der die Aufrechterhaltung der von den Kunden vorab bezahlten Dienstleistungen gewährleisten soll - und nach Lösungen suchen soll, die dem Pay-TV-Sender ein "Kirch-liches" Schicksal ersparen mögen.

Bereits in der nächsten Woche kommt es vor dem kalifornischen Gericht zur Anhörung der Gegenparteien in dem erst am 11. März per Klage initiierten Prozess: Eine Entscheidung wird von Beobachtern schnell, möglicherweise noch in diesem Monat erwartet.

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