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19.04.2002
 

Modellversuch

Therapie im Chatraum?

Eine erste, positive Zwischenbilanz zogen die Verantwortlichen eines ungewöhnlichen Modellversuches: Eine Privatklinik verlagerte die Nachbetreuung psychisch Kranker in den Chatraum. Und siehe da: Auch virtuelle Nähe bringt was.

Das Internet spielt auch in der Psychotherapie eine immer größere Rolle. Gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse und der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart erprobt die Panorama Fachklinik für Psychosomatik in Scheidegg ein neuartiges Projekt, bei dem psychisch Kranke nach ihrer stationären Behandlung von ihren Therapeuten online weiterbetreut werden.

Nach knapp vier Monaten zogen die Experten eine positive Zwischenbilanz: Wer nach der Entlassung aus der Klinik im Internet mit seinem Therapeuten chattet, meistert seinen Alltag wesentlich besser.

"Es fällt psychosomatisch Kranken erfahrungsgemäß schwer, in der Klinik errungene Therapieerfolge auch zu Hause umzusetzen", sagte der Chefarzt der Fachklinik, Christian Dogs. Daher seien Rückfälle nicht selten. Ziel des Internetprojekts sei es, die Zeit bis zur ambulanten Weiterbehandlung zu überbrücken und solche Rückfälle zu verhindern.

Der Projektleiter der Forschungsstelle, Hans Kordy, erwartet nach eigenen Angaben, auf diese Weise die mittelfristige Rückfallquote ehemaliger Klinikpatienten von derzeit 30 auf 15 Prozent halbieren zu können.

Im Rahmen des Projekts treffen sich jeweils zehn bis zwölf ehemalige Scheidegg-Patienten mit ihrem Therapeuten jede Woche für 90 Minuten zum Gruppenchat im Internet, um ihre Probleme zu besprechen. Obwohl viele der Teilnehmer anfangs kaum Interneterfahrung hatten, beteiligen sich laut Kordy derzeit durchschnittlich 84 Prozent von ihnen an den Online-Gesprächen. Das körperliche und psychische Befinden der Patienten habe sich im Verlauf des Ende Dezember vergangenen Jahres gestarteten Projekts auf gutem Niveau eingependelt.

Auch der Scheidegger Oberarzt Thomas Wangemann zeigte sich als einer der Internettherapeuten zufrieden mit den bisherigen Erfahrungen. Er sprach von einer überraschend positiven Resonanz und Akzeptanz von Seiten der Patienten. Die Offenheit und Bereitschaft, auch schwierige persönliche Themen einzubringen, sei durchaus mit direkten Gesprächsgruppen vergleichbar. Die Anteilnahme, die in dem Chatraum herrsche, schaffe ein Klima des Vertrauens, das es den Teilnehmern erleichtere, sich gemeinsam auch sehr konfliktreichen Themen zu stellen.

"Diese positiven Eindrücke ermutigen und machen neugierig auf die Studienergebnisse", sagte Projektleiter Kordy. Verbindliche Aussagen über den kurzfristigen Effekt der Gruppengespräche im Internet erwarten die Experten für das Frühjahr 2003.

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