Von Frank Patalong
Es gibt Wiedergänger, Geschichten, die sich wiederholen. Gesellschaftliche Debatten, etwa wie die um die Zensur gewalthaltiger Medieninhalte - und insbesondere die Diskussion darüber, ob und in welchem Maße die so genannten Ego-Shooter, extrem gewalttätige Computerspiele, zu echter Gewalt führen.
Vor drei Jahren war das so, nach dem Mord von Meißen. Wie auch jetzt, wenige Tage nach dem katastrophalen Massaker von Erfurt.
Das Muster ist immer gleich: Auf den Schock folgen die Botschaften der Betroffenheit, darauf die Forderungen nach Maßnahmen - und irgendwann dann erst die ernsthafte Frage nach den Ursachen.
Im Falle der Schultragödie von Erfurt hat die Politik diese so präventiv wie schnell ausgemacht: CSU-Kanzlerkandiat Edmund Stoiber fordert lautstark ein Verbot von "Killerspielen am Computer". Stoiber wörtlich in einem Interview mit der "Welt am Sonntag": "Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine größere Intoleranz gegenüber der Darstellung und Verherrlichung von Gewalt."
Allgemeiner fasst das SPD-Generalsekretär Franz Müntefering, der sich Verbote von Gewaltdarstellungen "in den Medien" vorstellen kann.
Das können in den Tagen nach dem wohl schlimmsten Massenmord in der bundesrepublikanischen Geschichte Politiker quer durch alle Parteien. Es wirkt ja auch gut, jetzt nach harten Maßnahmen zu rufen: Endlich, so wirkt das, wird dringend Notwendiges unternommen, das offenbar bis dahin unterblieben war. In einer Zeit, in der die Nerven blank liegen und die Wut langsam wächst, braucht man Schuldige. Der Täter ist zwar tot, aber jung war er auch - und pflegte anrüchige Hobbys. Liegt hier nicht die Schuld? Hätte man das Massaker verhindern können, wenn man die Hobbys verhindert hätte?
Die Pumpgun: Ein Sportgerät?
Ein "Waffennarr" war Robert Steinhäuser - Grund genug, den Zugang zu Waffen zu erschweren? Ja sicher, sagt Innenminister Otto Schily, aber bitte nicht zu sehr: Aus dem Besitz illegaler Waffen etwa sollte man keinen Straftatbestand konstruieren, weil das nichts bringe. Stattdessen könne und solle man vielleicht das Alter, in dem man legal Waffen halten dürfe, von 18 auf 21 Jahre anheben. Da seien junge Menschen dann schon "gefestigter".
Das klingt ähnlich hilflos wie die Konsequenzen, die die amerikanische Politik aus dem Schulmassaker von Littleton zog: Die Diskussion in den Vereinigten Staaten kumulierte in der Forderung nach einem Verbot für den Erwerb halbautomatischer Waffen durch Jugendliche. Frei nach dem Motto: Ballern ja, aber bitte langsam. Eine Farce, die von der US-Waffenlobby lautstark verhöhnt wurde.
Auch die deutsche Schützenlobby, Sammelpool nicht zuletzt für den einflussreichen besitzenden Mittelstand, werden Schilys pragmatische Ansichten erfreuen: Die "Brüder" sind doch stets auf der Seite von Law and Order und - im Gegensatz zu abgedrehten Attentätern, die sich allenfalls versehentlich dorthin verirren - einzig und allein am "sportlichen Schuss" interessiert.
Dass eben jener Attentäter von Erfurt ein Schütze war und - legal! - eine "sportliche" Pumpgun sein Eigen nennen durfte, ist da nicht mehr als ein Unfall des Systems: Die Kriterien zur Erlangung des Waffenscheins prüfe schließlich das Ordnungsamt, das aber über die Erfüllung eben jener Kriterien nur einen ebenso
lückenhaften Überblick habe wie die Schützenbrüder. Ob etwa der spätere Mörder das Kriterium der Teilnahme an genügend vielen Wettkämpfen hätte nachweisen können, das hätte auch der Verein nicht hinreichend prüfen können: Vielleicht hatte er ja woanders geschossen, und nicht in Erfurt?Gewaltmedien wichtiger als Waffen?
Für eine kurze Zeit ergeben sich daraus peinliche Fragen für die gesellschaftlich so fest verankerte Schützenlobby. Doch das geht vorbei.
Edmund Stoiber: "Brauchen mehr Intoleranz"
Allenfalls natürlich die, die so was gerne spielen, gerne sehen. Humbug sei das alles, Mensch doch keine Maschine: Nur weil man bei "Counter Strike" kille, was das Zeug hält, gehe man doch nicht auf die Straße und entfessele ein Massaker.
Wohl wahr, denn dann wäre die westliche Welt wohl längst ohne Wohnbevölkerung.
Millionen von Kids, Hundertausende allein in Deutschland, halten die Adrenalin-Fabrik Ego-Shooter für einen fulminanten Freizeitspaß. "Sport" sei das, nicht Dekadenz: Teamfähigkeit und gute Reaktionen seien das A und O gerade in Netzwerk-Spielen, dazu sei auch strategisches Denken alles andere als unwichtig.
So argumentieren Ego-Shooter-Fans und zeigen damit, wie sie ihre Spiele wahrnehmen. Dass gerade diese zusätzlichen, "kalten" Qualitäten der Ballerorgien der Öffentlichkeit eher Angst machen, nehmen sie nicht wahr: Was droht als Nächstes? Strategisch denkende, teamfähige Killerbanden?
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