Streitobjekt: Sind Privatkopien von eBook-Dateien wirklich strafbar?
Als der russische Programmierer Dimitrij Skljarow am 16. Juli letzten Jahres das Hotel Alexis Park Hotel in Las Vegas verließ, um vom Computersicherheits-Kongress Defcon Nine wieder nach Hause zu fahren, schlug das FBI zu. "Hände an die Wand!", schrien die Beamten, die dem verdutzten Softwarespezialisten schnell Handschellen verpassten und ihn anschließend in ein Untersuchungsgefängnis verfrachteten.
Der Vorwurf gegen Skljarow: Er soll als Mitautor des Programmes "Advanced eBook Processor" gegen den umstrittenen Digital Millenium Copyright Act (DMCA) verstoßen haben. Das Gesetz verbietet es, digitalen Kopierschutz oder Verschlüsselungen von geistigem Eigentum zu entfernen oder entsprechende Software zu produzieren und zu entwickeln. Doch genau das ist es, was der eBook Processor kann: den Kopierschutz des Acrobat-Readers für elektronische Dokumente aushebeln.
Zero tolerance für die Privatkopie
Und das kann durchaus Sinn machen. Denn in Russland ist - ähnlich wie in Deutschland - die so genannte Privatkopie erlaubt. Das heißt, ein einmal legal erworbenes Produkt, zum Beispiel eine CD, kann für den privaten Gebrauch kopiert werden, so dass man etwa ein Exemplar im Büro und eines daheim liegen hat. Doch die US-Justiz will davon nichts wissen und griff unerbittlich zu.
Neben dem "eBook-Hacker" Skljarow, dem zwischenzeitlich 25 Jahre Zwangsaufenthalt in US-Haftanstalten drohten, wurde auch sein damaliger Arbeitgeber angeklagt: Die Moskauer Softwarefirma ElcomSoft, die den eBook-Processor vertreibt.
Während das Verfahren gegen den Programmierer schließlich nach internationalen Protesten und diplomatischen Verwerfungen zwischen den USA und Russland fallen gelassen wurde, soll das Unternehmen nach dem Willen der US-Behörden für ein Exempel herhalten. Denn noch nie wurde eine Firma oder eine Privatperson auf Grund des DMCA verurteilt. Doch ist dies erst einmal geschehen, könnten die Dämme brechen und zahllose weitere Verfahren folgen.
Russen wollen weitermachen - in der rechtlichen Grauzone
Doch ElcomSoft ist nach eigenen Beteuerungen weit davon entfernt, sich von der drohenden Strafe einschüchtern zu lassen, immerhin geht es um umgerechnet etwa 2,5 Millionen Euro. "Wir haben ernsthafte Pläne für den eBook-Markt", ließ Firmenchef Wladimir Katalow in der vergangenen Woche im Interview mit dem Internetmagazin "Wired" wissen. Und setzte gleich den entscheidenden Satz nach: "Alle total legal, natürlich."
Doch so einfach ist es nicht mit dem legalen Arbeiten. Dazu müssten die Russen nämlich erst einmal wissen, was denn genau illegal ist. Ihre Ansprechpartner: die Softwarefirmen Adobe und Microsoft, die eBook-Formate anbieten und vehement die Anwendung der strengen US-Rechtsnormen forcieren. Doch beide Unternehmen zeigen sich nach den Bekundungen der Russen schweigsam.
"Wir haben versucht, Microsoft zu kontaktieren und ihnen zu beschreiben, welche Software wir herausbringen werden und sie zu fragen, was sie davon halten", sagt Katalow. Der Rechtsabteilung des Softwareriesen habe das jedoch nur das magere Statement entlockt, dass man Dritten keine Rechtsauskünfte gebe. Ähnlich habe sich die Sache auch mit Adobe verhalten, so Katalow. Also wird in Moskau weiter in der rechtlichen Grauzone gewerkelt, neuer Ärger mit den US-Multis ist zu erwarten.
Zeuge der Anklage: Der frühere Mitarbeiter
Wie weit es her ist, mit den Plänen zum Weitermachen, wird sich ohnehin erst Ende Oktober zeigen. Dann wird vor einem Bezirksgericht im kalifornischen San Jose der Fall ElcomSoft verhandelt. In dem Prozess wird es einen prominenten Belastungszeugen geben: Die US-Behörden verdonnerten den festgenommenen eBook-Hacker Dimitrij Skljarow dazu, unter Eid gegen seinen früheren Brötchengeber auszusagen. Nur unter dieser Bedingung durfte er aus den USA in seine Heimat zurückkehren.
Dort angekommen äußerte sich Skljarow übrigens durchaus lobend über die Amerikaner, jedenfalls über deren Gefängnisse. Das Essen und die allgemeinen Bedingungen seien stets tadellos gewesen, erklärte er in einem Interview der Zeitung Moscow Times. Um gleich anschließend doch hart mit den USA ins Gericht zu gehen. Denn, nein, leben wolle er dort nicht: "Die amerikanische Gesellschaft ist langweilig. Was am nächsten Tag geschehen wird, ist immer vorhersehbar."
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