Von Carsten Volkery
New York - Lori Pike erinnert sich noch genau an den Klang der Drehtür des World Trade Center: "Tamtam, tamtam, wie ein schlagendes Herz", sagt sie. Für die Kalifornierin aus Hollywood symbolisierte der Rhythmus die unbändige Energie der Stadt, die niemals schläft. Besonders zur Rush-Hour, wenn Tausende von Menschen in die Türme drängten, standen die Drehtüren keinen Moment still. Tamtam, tamtam. Pike stand daneben und hörte mit geschlossenen Augen dem vorbeiströmenden Leben zu.
Pikes Erinnerung ist Teil des "Sonic Memorials", das ab heute im Internet zu besichtigen ist. Über tausend Geräusche, Interviews und Voicemails haben die Journalisten des National Public Radio zusammengetragen. Mitgeholfen haben das Smithsonian Institute und die New-Media-Firmen Picture Projects und Dotsperinch.
Das Ergebnis ist eindrucksvoll: Mit dem "Sonic Browser" kann man durch eine interaktive Tonwand navigieren. Der Klangteppich reicht von der Klaviermusik im Restaurant "Windows on the World" bis hin zum Lärm der fliehenden Massen auf der Brooklyn Bridge am 11. September.
Der Amerikaner Bob Krutzels hat eine Aufnahme von seinem Hochzeitsversprechen im World Trade Center 1976 geschickt. Es gibt Videogrüße, die die Touristen vom E-Mail-Kiosk im 110. Stock abgesandt haben, und die Aufnahmen des Künstlers Steve Vitiello, der den pfeifenden Wind im 91. Stock eingefangen hat.
Auch einige berühmte Audio-Momente aus der dreißigjährigen Geschichte des Gebäudes sind festgehalten, darunter die Pressekonferenz von George Willig, einem Fassadenkletterer, der 1978 einen der Türme bestiegen hatte. Er wurde festgenommen und musste eine symbolische Strafe von 1,10 Dollar zahlen ? einen Cent pro Stockwerk.
Das Internet sei "die perfekte Heimat für Erinnerungen an Gebäude, die nicht mehr existieren", sagt Sue Johnson von Picture Projects. Die Audio-Clips wurden im Laufe des vergangenen Jahres gesammelt, monatlich wurden die Amerikaner im Radio dazu aufgerufen, ihre Erinnerungen einzusenden.
Das "Sonic Memorial" ist nur ein Tribut unter vielen. Der Cyberspace ist vollgestellt mit Denkmälern zum 11. September. Allein das Internetverzeichnis Yahoo! listet über hundert Gedenkseiten.
Darunter sind viele krude Amateurseiten mit Durchhalteparolen und weinenden Seeadlern (www.lairgauche.com/patriotic.htm) (dem Wappentier der USA), unterlegt mit besonders penetranten Versionen der Hymne "America the Beautiful". Aber es finden sich auch elegante, sogar schöne Seiten ? nicht umsonst ist Amerika die Heimat des Webdesigns.
Eine mitunter amüsante Hommage an die Patriotismus-Welle nach dem 11. September hat die Fotografin Liz Linder zusammengestellt. Auf der Reise durch das weite Land hat sie den Slogan "God bless America" an Tankstellen, Diners, McDonald's-Filialen, Kinos festgehalten ? oft in absurdem Kontext.
Der Webdesigner Rob Kamphausen aus New Jersey hat ein trotziges Flash-Video ins Netz gestellt. Zum Crescendo der Filmmusik von "Crimson Tide" (Hans Zimmer) ziehen die Bilder vom 11. September vorbei. Die Ode an Helden, Mut, Glauben und starke Führer stammt wohl noch aus der Zeit, als die US-Regierung kein imperiales Gehabe an den Tag legte.
Ein Denkmal für die Trauernden hat der Webdesigner Jason Powers aus Kalifornien entworfen. "Ich habe getan, was Künstler mit ihren Gefühlen und ihrer Energie tun: Ich war kreativ", sagt der 26-Jährige. Sein Flash-Video zeigt die Türme, die weinenden Menschen, das Ortseingangsschild zu Manhattan, untermalt mit dem melancholischen Lied "I can?t cry hard enough" von Victoria Williams. Powers zufolge wurde sein Video bereits zwei Millionen mal angesehen.
Eine Kerze für den Weltfrieden kann man auf der interaktiven "Peace-candle"-Website anzünden. Über sechs Millionen schwimmen schon auf dem See. Die Macher sind ehrgeizig: Sie wollen eine hundertprozentige Internet-Beteiligung erreichen.
Die "Digital Collection" schließlich bietet über 200 Screenshots von Nachrichten-Webseiten aus aller Welt am 11. und 12. September. Das erklärte Ziel der Collection ist es, "Internetmomente einzufangen".
Für Sue Johnson vom "Sonic Memorial" ist die Flut der Online-Tribute wenig überraschend, schließlich sei das Internet der einzige Ort, an dem man ein "Denkmal ohne die Einschränkungen der Höhe, Länge und Breite errichten kann".
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