Von Frank Patalong
KaZaA liegt unter Dauerbeschuss von Seiten der Industrie - ohne jeden Effekt
KaZaA ist fraglos zurzeit die populärste P2P-Börse im Internet. Die Herzen der "Gemeinde" hängen am "Esel", dem eDonkey, die Hoffnungen mögen auf WinMX ruhen - aber die schieren Zahlen sprechen für den Software-Client des notorisch unpopulären Unternehmens Sharman. Seit bekannt ist, dass dieses einen Teil seines finanziellen Heils durch Bespitzelung der eigenen Nutzerschaft sucht, einen anderen dadurch, die Rechner der Nutzer für irgendwelche ungeklärten Dinge einzuspannen, ist Sharmans Stern nicht gesunken, sondern längst zum Schwarzen Loch kollabiert.
Doch Sharman ficht der Unmut der User nicht an.
Am FastTrack-Netzwerk, das die Firma vom wunderschönen Vanuatu aus betreibt, ist kaum ein Vorbeikommen. Wenn den Napster-Mannen danach war, jemanden zu beeindrucken, dann meldeten sie so rasch ansteigende wie schwer überprüfbare "Kundenzahlen" bis zu fast 70 Millionen Usern. FastTrack hat davon derzeit vielleicht 200 bis 250 Millionen, aber wirklich wissen kann das niemand.
Status Quo: KaZaA ist eine Macht in der Musikwelt
Nutzernamen im FastTrack-Netz sind Schall und Rauch, jeder kann sich beliebig viele nehmen. Was man unter dem Strich aber weiß, reicht, um den Verantwortlichen der Musikindustrie den kalten Angstschweiß auf die Stirn zu treiben: Die Nutzerzahl steigt und steigt unaufhörlich. Seit etwa vierzehn Tagen ist wieder eine Grenze gefallen, und zu fast jedem gegebenen Zeitpunkt tummeln sich satt über drei Millionen Nutzer im Netzwerk. KaZaA ist mächtig in einer Industrie, zu der das Unternehmen eigentlich gar nicht gehört: Bisher ist das aus Sicht der Branche eine rein destruktive Macht.
Da kommt Freude auf, und alle Sabotageversuche verpufften bisher fast wirkungslos. Auch und gerade die der Industrie, die mit ihren Stördateien und "Hackermethoden" rechtlich noch auf ähnlich wackeligem Grund operiert, wie Sharman mit der Börse.
Denn was in Sachen P2P verboten ist und was nicht, das hängt teils von der Geographie, teils von der Interpretation des jeweiligen Gesetzes ab. In Deutschland etwa ist das Anbieten von Dateien bei KaZaA (Upload) ein relativ klarer Verstoß gegen das Urheberrecht, der Download von Dateien aber möglicherweise nicht: Da streiten sich noch die Rechtsexperten.
Sprich: Juristisch ist Sharman zumindest schwer zu fassen - zumal Vanuatu bisher darauf verzichtet hat, Rechtshilfeabkommen mit anderen Staaten zu schließen. Im Klartext: Dort kann man nicht nur das Steuerzahlen einstellen, man kommt dafür noch nicht einmal hinter Gitter.
Gretchenfragen: Was will, was tut, was plant KaZaA?
Mit entsprechendem Misstrauen beobachtet nicht nur die Industrie KaZaA, sondern auch die eigene Nutzerschaft die Börse. Sharman, das weiß man seit Anfang dieses Jahres, legt seinen Usern Kuckuckseier auf die Rechner, über die nicht ganz geklärte Datenströme abgewickelt werden. Von Datenschnüffelei ist da die Rede, aber auch von einer Form von Distributed Computing a la SETI: Sharman, heißt es, erlaube zahlenden Kunden die Nutzung von Rechnerkapazitäten im P2P-Netzwerk. Angeblich ist das der Kern des Refinanzierungsplans. Paranoiker sehen, allen gegenteiligen Beteuerungen von Sharman zum Trotz, in ihren Rechnern schon kleine Waschmaschinen - für Gelder ungeklärter Herkunft.
Doch zum Glück gibt es ja die liebe Gemeinschaft der Hacker dieser Welt, die die vermeintlichen Datendiebe, Musik-, Programm- und Filmhehler dreist um die Früchte ihrer Arbeit bringen: Mit "KaZaA Lite" kursiert ein Stück Software, das einfach nur den KaZaA-Client um seine Schnüffel- und Zusatzprogramme kastriert. Kein Mensch weiß, wie viele der jederzeit drei Millionen Nutzer im fastTrack-Netzwerk inzwischen in Wahrheit "Lite"-Nutzer sind. In Deutschland darf man davon ausgehen, dass es die Mehrheit ist: Hier zu Lande ist Sharman so zu sagen nur noch Gast im ehemals eigenen Netzwerk. Der Service ist mittlerweile aber auch klasse: die gehackte Version KaZaA Lite 2.0 folgte der Veröffentlichung des "offiziellen" Software-Clienten im Abstand von noch nicht einmal zwölf Stunden.
Das wäre - aus Perspektive des P2P-Betreibers - durchaus nicht unproblematisch, wenn es Sharman wirklich auf Werbung und Distributed Computing ankäme. Wenn Sharman allerdings nur darauf abzielte, eine möglichst große, "kritische" (Verhandlungs-) Masse zu gewinnen, könnten den Betreibern die Lite-Nutzer völlig egal sein.
Dick heißt mächtig: Auch wer P2P nicht will, kommt nicht mehr dran vorbei
Sharman spekuliert - ganz wie weiland Napster - darauf, durch das bloße Gewicht des FastTrack-Netzwerkes im Verbund mit geldwerten Dienstleistungen, die Sharman der Industrie offerieren will, einen Status der Kommerzialität und der Legalität zu erreichen. Mit großem Presse-Tamtam verweist das sonst sehr leise Unternehmen Sharmann dann darauf, dass justamente der Telekommunikationsdienstleister Tiscali KaZaA per offiziellen Deal zum verhandlungsfähigen Geschäftspartner adelte. Und das im hellen Sonnenlicht.
Im Dezember darf Sharman erstmals im vollen Rampenlicht der Öffentlichkeit die Hosen herablassen, was das Netzwerk eigentlich vorhat: Dann stehen Sharman-Anwälte erstmals in den USA Anwälten der Musikindustrie gegenüber. Offenbar hat Sharman beschlossen, bis zu diesem Zeitpunkt die eigene Position im Hinblick auf eine eventuelle außergerichtliche Einigung weiter zu verbessern. Durch subtile Veränderungen der Software bindet Sharman die Nutzer des FastTrack-Netzes in einer Art "Treue-Belohnungssystem" noch stärker ein und forciert zugleich das Tauschaufkommen.
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