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16.10.2002
 

Peinlich, peinlich

Microsoft wirbt mit falscher Mac-"Switcherin"

Von Jochen A. Siegle

Der Microsoft Internet Explorer frustriert Online-Werber: Ein kleines Feature soll Web-Kampagnen behindern +++ Microsoft wirbt mit falscher Mac-"Switcherin". Weblog entlarvt die gefakte Anzeige.

Online-Marketingfirmen sind derzeit mächtig frustriert: Ausgerechnet Microsofts Internet Explorer 6.0 macht ihnen das Leben schwer. Stein des Anstoßes ist ein kleines Feature des neuen Browsers.

Nachdem die aktuellste Version des Microsoft-Programms mehr und mehr zum führenden Browser avanciert, klagen Internet-Marketer und -Publizisten darüber, ihre Internet-Kampagnen nicht mehr vernünftig verwalten und personalisieren zu können. Im Gegensatz zur Vorgängerversion lässt der Internet Explorer 6.0 nämlich nur unter bestimmten Bedingungen die Speicherung so genannter "third party cookies" zu. Diese Cookies werden beim Besuch einer bestimmten Webseite von Partnern dieser Sitebetreiber übertragen.

Der IE 6.0 blockiert nun die Speicherung der Cookies dritter auf der Festplatte von Web-Surfern, sofern die Privacy-Richtlinien des Anbieters nicht den strengen Regelungen des vom World Wide Web Consortium erarbeiteten Platform for Privacy Preferences Project (P3P) entsprechen. Danach müssen sich die Internet-Unternehmen etwa verpflichten, keine persönlichen Daten zu sammeln. Der Internet Explorer 6.0 toleriert die Ablage von "third party cookies" nur, sofern die Software anhand einer digital abgelegten Signatur erkennt, ob das Internet-Unternehmen den Anforderungen der P3P-Policy gerecht wird.

Microsoft hat in den IE damit eigentlich einen wirkungsvollen Mechanismus integriert, unerwünschte Cookies fernzuhalten - ergo Cookies von Anbietern, deren Online-Angebot nie besucht wurde, sondern die lediglich mit einer angesurften Site in Verbindung stehen. Die umstrittenen "Datenkekse" - eigentlich kleine Textfiles -, dienen in der Regel dazu, einen Surfer bei einem erneuten Besuch einer Website zu identifizieren und Content personalisieren zu können.

Als Hauptproblem vieler Online-Marketingfirmen erweist sich nun, dass bislang nur die wenigsten Web-Anbieter über die erforderlichen Digi-Richtlinien verfügen: Von den 100 meistfrequentierten US-Webseiten sollen es nicht einmal 25 Prozent sein.

Unverständlich: Ein Modell als "Zeugin" - peinlich erst durch Microsofts Beharren, die Dame sei "echt"
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Unverständlich: Ein Modell als "Zeugin" - peinlich erst durch Microsofts Beharren, die Dame sei "echt"

Erwischt: Microsoft wirbt mit falscher Zeugin

Apropos Microsoft und Online-Marketing: Erst versucht das Reich der Computerfenster, dass ja schon seit Jahren im Ruf steht, Dinge eher zu kopieren als selbst zu entwickeln, die in den USA sehr erfolgreich laufende "Switch"-Kampagne des Erzrivalen Apple zu torpedieren - und dann solch ein Schlamassel: In einer Gegen-Anzeige auf Microsoft-Webseiten zum Betriebssystem Windows XP präsentierten die Redmonder ebenfalls eine "Switcherin", die anscheinend nach acht Jahren entnervt ihren Macintosh-Rechner gegen einen Windows-PC eingetauscht haben soll. Schließlich sei das Microsoft-OS "more and better ...", so der Anzeigentext.

Apple wirbt seit Wochen USA-weit im Fernsehen, in Printmedien und Billboards mit Computer-Nutzern, die frustriert von der "Wintel"-Welt auf Macs umgestiegen und nun höchst zufrieden sind. Solche "Testimonial"-Anzeigen leben vom Maß an Glaubwürdigkeit, das man den Zeugnis ablegenden Personen zugesteht.

Und da, so sieht das nun aus, war Microsoft nicht in der Lage, jemanden zu finden, der attraktiv und glaubwürdig Zeugnis für PC statt Mac hätte ablegen wollen: Tatsächlich handelt es sich bei der jungen Dame in der Microsoft-Anzeige natürlich um ein Fotomodell, deren Bild die Microsoft-Werbestrategen bei der amerikanischen Fotoagentur Getty eingekauft hatten. Das Konterfei der vermeintlichen Microsoft-Neukundin - Typ Julia-Roberts-Verschnitt - soll bereits bei anderen Kampagnen zum Einsatz gekommen sein.

Dem Schwindel mit der gefakten Gegen-Werbung waren Hobby-Online-Journalisten des Weblogs Slashdot auf die Schliche gekommen. Die junge Frau, die in der Anzeige als freie Journalistin verkauft wurde, ist anscheinend Mitarbeiterin einer PR-Agentur. Selbst das wäre okay, denn wer erwartet in Werbung schon Wahrhaftigkeit? Zur peinlichen Nummer wird das Ganze erst durch Microsoft: Weiterhin beteuert das Unternehmen, es handle sich bei der jungen Dame tatsächlich um eine Neukundin.

Die Anzeige ist mittlerweile übrigens offline.

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