Von Frank Patalong
Tasse (4 Euro) mit kostbarem Inhalt: 2,9 Millionen Dollar sollte Stella Liebeck von McDonalds bekommen, weil sie sich an deren Koffein-Gebräu verbrüht hatte
"Es ist mal wieder Zeit, sich die Kandidaten für die diesjährigen Stella-Awards näher anzusehen", hebt die unspektakuläre, aber lange E-Mail an, die Leser Stefan B. vor wenigen Tagen an SPIEGEL ONLINE weiterleitete - nicht als Erster. Immer wieder einmal wird man auf die legendären "Stellas" aufmerksam gemacht.
Stellas? Nicht bekannt? Die Mail, inzwischen millionenfach verbreitet, erklärt den Hintergrund so: "Die Stella Awards wurden nach der damals 81-jährigen Stella Liebeck benannt, die sich mit Kaffee bekleckerte und mit dieser Begründung erfolgreich McDonalds verklagte. Dieser Fall wurde zur Inspiration für die Stellas, mit denen die dreistesten Zivilklagen in den Vereinigten Staaten ausgezeichnet werden".
Ausgezeichnet, denn da ist so manches auszeichnungswürdig:
Tusch, kawumm, Tätä-tätä-tätä: God save America!
Doch es kommt noch besser.
Ah, jetzt ja. Da erübrigt sich ja wirklich jeder Kommentar, und solche Schätzchen leitet man seinen Freunden und Bekannten dann auch gern weiter.
Sagt die E-Mail. Die mit den Vorschlägen für die berühmt-berüchtigten Stella-Awards. Jährlich verliehen, für die verrücktesten, frivolsten, unverständlichsten Auswüchse des US-Rechtssystems.
Unsinn, sagt Snopes, die Website, die sich darauf spezialisiert hat, moderne Mythen zu demaskieren: "Die Stella Awards gibt es nicht". Stimmt, meint auch Overlawyered.com, eine Website, die sich sachlich mit den Verrücktheiten des US-Rechtssystems auseinandersetzt, "die Stellas sind eine Erfindung".
Genau, sagt Randy Cassingham, und zwar eine Gute: Deshalb verleiht sein Unternehmen ThisIsTrue jetzt wirklich Stellas, behauptet Cassingham, und zwar richtige. Schließlich sei es doch wahr: Das US-Rechtssystem habe völlig verrückte Auswüchse, und auch die unfreiwillige Namenspatronin Stella Liebeck hat wirklich wegen verschüttetem Kaffee ihren Prozess gegen McDonalds gewonnen.
Na ja, so einigermaßen stimmt das sogar
Liebeck hatte sich 1994 in einem Prozess gegen das Frikadellen-mit-Pappbrot-Imperium zunächst eine Wiedergutmachung in einer Gesamthöhe von 2,9 Millionen Dollar erstritten. Später senkte der Richter diesen so herrlich zitierbaren Betrag auf immer noch wahnsinnige 640.000 Dollar. Bevor es zu einer Berufungsverhandlung kam, einigten sich Stella und McDonald außergerichtlich auf eine bis heute nicht bekannte Summe. Immerhin.
Wahr ist inzwischen auch, dass ThisIsTrue unter dem Label StellaAwards.com einen Newsletter vertreibt, in dem völlig durchgedreht wirkende US-Urteile besprochen werden. Diese Fälle werden von Stella Awards als Kandidaten für die jährlichen Preise vorgestellt, die allerdings noch niemals vergeben wurden.
Das jedoch mag sich - in irgendeiner Form - vielleicht wirklich ändern. Denn obwohl die "Stella Awards E-Mail" mindestens seit Mai 2001 kursiert und teils Web-Legenden aufnimmt und ausschmückt, die bereits sieben Jahre auf dem Buckel haben, existiert die Stella-Awards-Website und damit der gleichnamige Preis anscheinend erst seit dem 14. Juni 2002.
Cassingham gibt sich alle Mühe, "seine" Stella Awards von den Kettenmails gleichen Namens zu scheiden: Das eine habe mit dem anderen nicht wirklich etwas zu tun. Seine Stella Awards seien unabhängig, wahr und ernst gemeint, die Kettenmail hingegen sei Unsinn.
Unsinn sind auch die verrückten Urteile, auf die Stella Awards verweisen kann, und sie sind wahr: Die Gegenprobe in der Prozess-Datenbank Verdictsearch.com zeigt erstens das schnell, und zweitens noch viele andere juristische Bonbons, die Amerikaner zum Fingernägel-Kauen und alle anderen zum hysterischen Ablachen reizen.
Schön ist das (wenn man nicht selbst dermaßen verurteilt wird), aber letztlich ein bisschen weniger lustig als das erlogene Original: Die dort präsentierten Fälle sind pointierter, leichter verständlich, schnell zu servieren - juristische Witze eben. Darum, weil's so schön war:
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