Deutschland, Mutterland der Gesetzbuchsammlungen, Detailverordnungen und Reglementierungen wurde einmal mehr von Frankreich auf die Plätze verwiesen. In Sachen Sprachgebrauchs-Vorschriften macht den Franzosen nämlich europaweit keiner etwas vor. Die Toleranz des gemeinen französischen Amtsapparatsangestellten gegenüber dem Gebrauch von Begrifflichkeiten fremdländischer Herkunft tendiert gegen Null. Entsprechend sorgen französische Behörden regelmäßig dafür, dass der prozentuale Anteil von Fremdwörtern im heimischen Idiom eine gewisse Marge nicht überschreitet.
Die leichtfertige Adaption von Wortungetümen wie "E-Commerce" würde unseren Nachbarn nicht passieren. Solche Schöpfungen, meint man an der Seine, seien doch zu wenig aussagekräftig, fremd im Klang und erschlössen sich in ihrer Bedeutung auch nur informierten Minderheiten. Wie wahr: Hätte man obig erwähntes Wortungetüm frühzeitig in "Elektrohandel" umbenannt, hätte wohl mancher Investor frühzeitig sein Geld aus diversen Elektrohandelsunternehmen zurück gezogen, und viel Schaden wäre Deutschlands Kleinaktionären erspart geblieben.
Haben wir daraus gelernt? Nein: Noch immer kombinieren wir irgendwelche "E"s mit diversen englischen Begriffen, noch immer gibt es für die Schlüsselworte und -elemente der digitalen Welt keine anständigen deutschen Begriffe.
Nehmen wir nur das "@"
Das, erklärt der Duden, sei "ursprünglich das Zeichen für 'at' (= zu, je) auf amerik. Schreibmaschinentastaturen", als 'at'-Zeichen "Gliederungszeichen in E-Mail-Adressen".
Alles klar? Wie, muss man doch fragen, soll das meiner 61-jährigen Mutter helfen, der jemand im Vorbeigehen seine Elektropostadresse zuruft: "Mein-Name-Klammeraffe-Freemail-Dot-Komm!"
Und jetzt?
"Klammeraffe? Wer kommt?", muss sich die deutsche, noch gänzlich unelektrifizierte Mutter doch fragen. Und dieses schwer wiegende Problem teilt sie mit den Müttern dieser Welt. Was denkt sich die chinesische Mutter, wenn sie "kleine Maus" hört? Warum heißt das doofe Ding in Dänemark "Elefantenrüssel"? In Ungarn "Made"? Im Arabischen "Ohr"? Im Slowakischen "Rollmops"? Im Schwedischen "Zimtbrötchen"?
Für eine Französin hingegen gibt es diese drängenden Probleme nicht mehr. Denn hier gibt es eine amtliche Kommission zur Festlegung von Begriffen und Neuwörtern im Sprachgebrauch, und das ist auch gut so. Denn nur so ist wirklich Klarheit zu schaffen.
Vorbild Frankreich: Ein Amt schafft Tatsachen
Seit 1998 hatte sich für das "@" das Wörtchen "arobase" eingebürgert. Das bekannte Wörterbuch "Petit Larousse" ließ daneben auch "arrobase", "arobas" und "arrobas" als alternative Schreibweisen zu. Diesem Eintrag, der phonetisch zwar für relative Klarheit, in Sachen Rechtschreibung aber möglicherweise für Irritationen hätte sorgen können, schlossen sich zwar auch konkurrierende Wörterbücher an, nicht jedoch der Staat.
Der schuf nun seine eigene Klarheit, indem er "arobase" zwar zum Gebrauch im gesprochenen Französisch freigibt, in der Schriftform jedoch mit "arrobe" einen neuen, herrlich französisch klingenden Begriff schuf. Begriff und Zeichen sind durch ISO/CEI 10646-1 hinreichend definiert, Fragen bleiben da wohl keine mehr offen.
Trotzdem, meint Christine Ouvrard, Lexikologin beim Verlag Larousse, habe der neue Begriff einen winzig kleinen Schönheitsfehler: "Niemand benutzt 'arrobe'."
Und deshalb wollen sich die Lexikonverlage dem neuen Sprachgebrauch auch nur dann anschließen, wenn sich der neue Begriff in den Medien - als Spiegel des tatsächlichen Sprachgebrauches - durchsetzen sollte. Unter Strafe gestellt ist der fortgesetzte Gebrauch der alten, nun nicht mehr korrekten Begriffe, nicht.
Doch das, so Ouvrard, sei nicht der Hauptgrund für die Nicht-Adaption der amtlichen Sprachregelung. Die Menschen in Frankreich sagten nun einmal "arobase", und das sei im Gegensatz zum nur französisch klingenden Wort "arrobe" immerhin ein echter, schon in Vor-Elektrozeiten existenter Begriff - ganz wie das deutsch-amerikanische "at", siehe oben.
"Arobase", erklären französische Wörterbücher dem erstaunten Leser, sei ein "spanisches Maß, dass 12.780 Kilogramm entspricht".
Was das alles mit E-Mail zu tun haben soll, wissen nur die Franzosen.
Frank Patalong
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