Mittwoch, 10. Februar 2010

Netzwelt



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12.12.2002
 

Gore

Die kulturlose Zone

Im Jahr 2000 kursierte ein Bild im Web, das japanische Geschäftsleute angeblich beim Essen eines Babys zeigte. Die Veröffentlichung des schaurigen Machwerks verlieh einer Gore-Seite Kultstatus und machte sie zeitweilig zu einer der populärsten im Web.

Relativ "harmlos": Rotten ist die bekannteste Gore-Seite, längst aber nicht die schlimmste
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Relativ "harmlos": Rotten ist die bekannteste Gore-Seite, längst aber nicht die schlimmste

Die Adresse ist kein Geheimnis. Im Sommer 2000 erlangte "Rotten" fragwürdige Berühmtheit, wurde für Monate zu einer meistbesuchten Seiten im WWW. Die Website hat sich auf so genannten Gore spezialisiert: die Schilderung und Abbildung des ganz realen, manchmal aber auch nur scheinbar realen Horrors. In letztere Kategorie fiel, wie sich nach Ermittlungen von Polizeibehörden in mehreren Ländern erwies, das Bild zweier japanischer Geschäftsleute beim Essen eines Babys.

Das ist der Stoff, aus dem Gore gestrickt ist: Derzeit findet man auf der Website Bilder einer in Querscheiben zerschnittenen jungen Frau, zahlreiche in Leichenhallen aufgenommene Bilder mit Details von Körpern in verschiedensten Zuständen der Zersetzung, Nachrichtensammlungen von den Ungeheuerlichkeiten dieser Welt. Hauptschlagzeile am 12. Dezember: Der Kannibalen-Mord von Hessen.

Rotten ist eine von vielen Sammelseiten in dieser Richtung. Hier kann man sich die Schocker abholen, die dann oft wochenlang per E-Mail von Büro zu Büro rund um die Welt weitergereicht werden: Hast Du das schon gesehen? Ist das nicht fürchterlich? Kann das echt sein?

Das bei weitem meiste ist echt. Und es ist beliebt: Allen Zensurversuchen zum Trotz ist die Verbreitung der Seite nicht zu unterbinden. Den Höhenflug vom Dezember 2000 (Netratings Australia, Top Ten of the Web: Platz 8) hat Rotten nicht wiederholen können, doch die Beliebtheit der Seite ist ungebrochen. Die Macher verstehen sich selbst als "Beweis, dass das Web nicht zu zensieren ist".

Dass ihre Inhalte obszön sind, stellen sie gar nicht in Frage, sie sind sogar stolz darauf. "Das Netz", heißt es in einem Statement zum Thema Zensur, "ist kein Babysitter. Kinder sollten sich genauso wenig unbeaufsichtigt im Web herumtreiben, wie man sie sich unbeaufsichtigt auf den Straßen New Yorks herumtreiben lassen sollte".

"Gore " ist also ein Angebot für Erwachsene, und die hätten ein Grundrecht darauf, sich anzusehen, was sie sich ansehen möchten. Auch so kann man Freiheit definieren.

Höhlt steter Tropfen den Stein?

Doch Gore verletzt auch gezielt und fortlaufend Grundwerte unserer Kultur. Kritiker mahnen, dass die sich durch die ständige Grenzverletzung selbst verändere - Menschen veränderten sich durch solche Grenzverletzungen.

Das voyeuristische Element ist menschlich. Dass auf Autobahnen gegafft wird, wenn's kracht, kann man verurteilen, krankhaft ist das nicht. Gore bringt den tödlichen Unfall als Non-Stop-Entertainment frei Haus, ohne dass dadurch ein Stau entsteht.

Die Grenzen zur Splatter-, sprich Metzelfilm-Szene sind fließend, die zum Snuff auch. Welche noch?

Eine Gesellschaft hat das Recht, ihre Grundwerte zu verteidigen gegen Tendenzen, die den das Zusammenleben möglich machenden Konsens untergraben. Gehört Leichschändung dazu? Gehört es dazu, dass sich Menschen Bilder von Leichenschändungen ansehen? Wo endet Geschmacklosigkeit, wie beginnt Verbrechen?

Gore ist die bürokompatible Vorstufe zu noch weit unfassbareren Angeboten. Gore ist der Teaser, der Anfixer, der Appetitmacher auf immer härtere Greuel. Es bedient voyeuristische Impulse, serviert kurze Schocker, Gore ist das Autobahnunfall-Gaffen am PC, Gore ist ein Verbrechen am Kopf und an der Kultur. Und wieder ist es vornehmlich ein gesellschaftliches Problem, kein technisch zu lösendes. Das Internet ist nicht die Ursache von Morden wie dem von Hessen, weder mit Gore, noch Snuff, noch Kannibalen-Gruppen.

Aber es ist der Kommunikationsweg, der es ermöglicht, dass sich Irre und Verirrte, Kranke und Perverse treffen, die sich sonst nie getroffen hätten. Erste Treffpunkte mögen Gore- und Snuff-Seiten sein, die Usenet-Gruppen der "alt"-Hierarchie, die IRC-Chats. Wie damit umzugehen ist, wird in den nächsten Tagen Gegenstand einer Debatte sein. Auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen hat sie längst begonnen, und wie üblich werden Symptom und Ursache verwechselt. Dabei ist die Zielrichtung der Diskussion von vornherein fehlgeleitet: An Gore, Snuff, an echten Vor-Kameramorden und anderen Atrozitäten gibt es nichts zu beschönigen, zu argumentieren, zu entschuldigen.

Die Diskussion um ein Verbot oder eine Zensur von Gore-Angeboten wie Rotten dauert seit drei Jahren an, in Deutschland wurde sie zeitweilig praktiziert. Gelungen ist sie nie, da haben die Macher Recht. Sie wird auch nie gelingen. Aber man kann den Zugang zu solchen Angeboten erschweren und diejenigen bestrafen, denen eine aktive Rolle in solchen Dingen nachgewiesen werden kann. Der Rest darf keine Zensurdebatte sein, sondern eine Wertediskussion.

Frank Patalong

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