Von Frank Patalong und André Schulz
Ursprünglich hatte das Match schon im letzten Jahr stattfinden sollen. In Jerusalem wollte Garry Kasparow im Wettstreit mit dem iraelischen Schachprogramm Deep Junior zeigen, das Mensch der Maschine noch immer voraus ist. Dann kam Wladimir Kramnik dazwischen und suchte sich für seinen "Brains in Bahrain"-Wettstreit mit dem Schachprogramm Deep Fritz einen Termin im direkten Umfeld: Kasparow ließ das Match verschieben.
Zwei weitere Terminänderungen später gibt es nun kein Zurück mehr: Am Sonntag schlägt die Stunde der Wahrheit. Und der Druck auf Kasparow wächst bereits im Vorfeld.
Als Kramnik gegen Deep Fritz in Bahrain nur ein Unentschieden erspielen konnte, gewann der geplante Wettstreit mit Deep Junior für Kasparow eine weitere Dimension: Hier würde er beweisen können, dass er nach wie vor der Beste unter den Schachspielern der Welt ist - besser als Kramnik. Denn der darf sich Weltmeister nennen, während der langjährige Weltmeister Kasparow "nur" Erster der Weltrangliste ist. Kramnik, sagt Kasparow, gehe dem direkten Wettstreit mit ihm aus dem Weg.
Nun also kommt es zum indirekten Kräftemessen, und monatelang signalisierte Kasparow gesundes Selbstvertrauen. In den letzten Wochen vor dem Match wurde es zusehends leiser Im lager Kasparow, doch die Insiderkreise munkeln weiter: Kasparow habe sechs Monate vor Spielbeginn - ganz im Sinne der Regeln des Matches - das Programm Deep Junior erhalten, um sich auf seinen maschinellen Gegner einspielen zu können. Er habe sich geschockt gezeigt über die Spielstärke des Programmes, über seine Aggressivität.
Er ist nicht der Einzige, der beginnt, an der grundsätzlichen Überlegenheit des kreativen menschlichen Geistes zu zweifeln: das Problem liegt in der Perfektion der Rechner. Menschen haben starke und schwache Tage. Rechner sind immer Rechner.
Die Buchmacher sehen Kasparow nach wie vor vorn. Zwei Tage vor dem Match sahen die Wetter Kasparow gegenüber der Software rund 20 Prozent im Vorteil - immerhin, wenn auch nicht mehr. Für unwahrscheinlich halten die Spieler hingegen den Fall eines Remis: da stehen die Wetten 3:1 dagegen.
Schön wär's, wenn es stimmen würde, denn dann dürften die Schach-Fans in aller Welt ein äußerst spannendes Match erwarten.
Weltmeister Wladimir Kramnik (Russland), selbst gerade erst gebranntes Kind, vermeidet den Steinwurf im Glashaus: "Ich kann keine genaue Prognose über das Ergebnis geben, da ich mich mit diesem Programm nicht besonders intensiv beschäftigt habe. Doch das Programm ist sicherlich ziemlich stark. Es wird bestimmt ein hartes Match."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH