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Schach Mensch gegen Maschine Die Buchmacher tippen auf Kasparow

2. Teil: Tipps und Einschätzungen der Experten: Vishy Anand, Thomas Luther, Julian Hodgson, John Nunn, Jonathan Speelman und andere - die Meinungen der Fachleute gehen weit auseinander. Für die einen geht es um die Ehre, für die anderen ums Geld. Weiter...

Da sind andere weniger zurückhaltend. Der indische Großmeister Vishy Anand glaubt fest daran, dass Kasparow als Favorit in das Match Mensch gegen Maschine geht: "Ich glaube, Kasparow wird dieses Match mit Leichtigkeit gewinnen, weil Junior nicht so stark ist. Natürlich sind all diese Programme ziemlich gefährlich, aber ich denke, dass Junior zu taktisch spielt. Kasparow wird diese Art von Stellungen nicht zulassen. Junior hat überhaupt keine positionellen Grundlagen, auf die es zurückgreifen kann. Junior ist ein gutes Programm zum analysieren. Doch nochmals, ich denke, dass Kasparow leicht gewinnen wird."

Historische Niederlage: Kasparow 1997 im Spiel gegen Deep Blue
AP

Historische Niederlage: Kasparow 1997 im Spiel gegen Deep Blue

Eine Meinung, die er mit anderen prominenten Spielern teilt - eine Frage der Ehre?

Julian Hodgson, englischer Großmeister: "Erst einmal muss ich sagen, dass ich keine Ahnung habe, wie stark Deep Junior ist. Ich habe noch keine Partie gesehen. Trotzdem: Wenn Kasparow sein bestes Schach zeigt, wird er klar gewinnen."

Doch sein Optimismus ist nicht ohne Einschränkungen. Hodgson weiter: "Die Frage ist aber, wie lange Menschen ihr bestes Schach überhaupt zeigen können. Sogar Kasparow ist nur ein Mensch. Beim Kampf Kramnik gegen Deep Fritz war Kramnik in der ersten Hälfte einfach großartig. Dann wollte er auch noch Spaß haben, und Fritz konnte zeigen, was er drauf hat."

Genau in diesem emotionalen Element sieht auch John Nunn, englischer Großmeister, Verleger und Mathematiker, letztlich die Schwäche des Menschen Kasparow: "Deep Junior wird knapp gewinnen. Im Unterschied zu Kramnik hasst Kasparow die Computer noch mehr."

Ein Match mit Vorgeschichte

Dazu hat Kasparow allen Anlass. 1997 verlor er als erster amtierender Weltmeister spektakulär gegen den IBM-Supercomputer Deep Blue. Für die Welt des Schach markierte das eine Zeitenwende: Aus dem willigen digitalen Arbeitssklaven, auf den für Matchvorbeitungen, für Training und Analyse alle guten Spieler zurückgreifen, war ein ernsthafter gegner geworden.

Sechs Jahre später treten Großmeister nicht mehr gegen Millionen Dollar teure Superrechner an, sondern gegen handelsübliche Schach-Software. Immerhin laufen Programme wie Deep Fritz oder nun Deep Junior auf Mehrprozessor-Systemen, die im Schubladen-Format heute Leistungskapazitäten bieten, wie zu Apollo-Zeiten der Rechnerpark der ganzen Nasa nicht.

Doch es ist nicht mehr vor allem der Rechner, auf den es hier ankommt, sondern die Software: An Junior scheiden sich da die Geister. Bis zur Programmversion 6 galt die israelische Entwicklung als kraftvolles Analysewerkzeug, aber nicht als Großmeister-Killer. Die neue, Multiprozessorfähige Version Deep Junior 7 jedoch soll ein wahrer Beißer sein: Immer dünner wird die Luft, immer knapper der Vorsprung der menschlichen Kreativität vor der Perfektion des Rechners.

Für Bartolomeo Macieja, Europameister aus Polen, hat das kommende Match darum einen nicht zu unterschätzenden symbolischen Charakter: "Ich hoffe, dass Kasparow gewinnt und dabei zeigt, dass Menschen gegen Computer erfolgreich antreten können. Kasparow ist in seiner Art zu spielen kompromissloser als Kramnik. Die Achillesverse der Computer ist das fehlende positionelle Verständnis. Kasparow wird dagegen spielen, auch wenn das nicht seine eigentliche Stärke ist. Zwei zusätzliche Faktoren können eine Rolle spielen. Kasparow ist nicht immer vorsichtig und er hat Angst vor dem Computer. Das könnte sich zu Gunsten des Rechners auswirken."

Der Deutsche Meister Thomas Luther hat da mehr Vertrauen in menschliche Qualitäten: "Ich denke, Kasparow wird den Kampf gewinnen. Inzwischen haben wir Menschen uns mit den Computern intensiv beschäftigt und wissen, wie sie spielen, welche Stärken und Schwächen sie haben. Das ist auch der Unterschied zum Wettkampf Kasparow gegen Deep Blue. Damals wusste Kasparow praktisch nichts von seinem Gegner und hat Neuland betreten. Heute kann er sich viele Computerpartien ansehen und sich auf die Schwächen einschießen. Noch haben die Schachprogramme ja zum Glück welche. Ich glaube nicht, dass es wesentliche Unterschiede zum Wettkampf Kramnik gegen Deep Fritz geben wird. Kasparow und Kramnik sind sich in bezug auf ihr Schachverständnis sehr ähnlich."

Das bezweifelt der niederländische Großmeister Loek van Wely: "Junior wird gegen Kasparow gewinnen. Ich kenne das Programm gut und analysiere oft mit ihm."

Für seinen Landsmann und Kollegen Jan Timman hängt die Entscheidung dagegen von der Güte von Kasparows nervenkostüm ab: "Er wird wahrscheinlich nervös sein und das kann für ihn ein störender Faktor werden."

Die Zeit, in der solche Schaukämpfe belächelt wurden, ist also einwandfrei vorbei.

Schach gegen die Maschine ist keine Fingerübung, doch das heißt nicht, dass alle Großmeister solche Kämpfe ernst nehmen oder gut heißen.

Der slowakische Großmeister findet Lubomir Ftacnik findet dafür so kritische wie deutliche Worte: "Man muss sich fragen, welchen Sinn es macht, schon wieder so einen Wettkampf durchzuführen. Kasparow hat seinen Kampf gegen die Maschinen ja schon damals gegen Deep Blue verloren. Ich verstehe das Interesse an dieser Art Schaukämpfen, aber hat nicht Kramnik gerade so etwas gespielt? Nun gut, die beteiligten Organisationen und ihre Repräsentanten, Ilyumshinov für die Fide und Levy für die Computerschach-Organisation, wollen sich im Licht der Öffentlichkeit räkeln. Und Kasparow möchte Geld verdienen."

Was nichts daran ändert, dass auch das Match von Bahrain teils verblüffend hohes Niveau hatte, zum wahren Schachkrimi geriet: der Kampf Mensch gegen Maschine ist schlicht spannend. Der Einzug der Digitaltechnik ins Schach eröffnet dem Denksport völlig neue Möglichkeiten, auch ein großes Publikum zu erreichen - raus aus dem kleinen Saal, hinaus ins World Wide Web.

All das sieht auch Julian Hodgson ganz pragmatisch: "Normalerweise ist es für Schachspieler ein Albtraum, gegen Computer zu spielen. Aber wenn das Geld stimmt – warum nicht...?!"

Ab Sonntag wird man sehen, worum es Garry Kasparow in diesem Match wirklich vor allem geht. In einem Punkt stimmen alle überall: Kasparow verliert nicht gern.

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