Von Jochen Bölsche
Die Stalingrad-Kämpfer von 1943 trugen Namen wie Hans Michel und Karl Kaufmann, Alois Müller und Anton Rieser. Die Stalingrad-Kämpfer von 2003 nennen sich "Blutzecke" und "Blitzkrieg", "Panzerfaust" und "Haudegen 01".
Die einen wurden von Hitler verheizt in einer zermürbenden Kesselschlacht. Sie litten monatelang unter Läusen und Frostbeulen, verschlangen am Ende Pferde- und Rattenfleisch und krepierten zu Zehntausenden an Seuchen oder Verstümmelungen, an Erfrierung und Unterernährung.
Die anderen kämpfen, genau 60 Jahre später, in einem virtuellen Stalingrad - per Mausklick und Joystick, daheim am Computer oder auf Partys in Stadthallen und Sportarenen, bei Pizza und Pommes, Red Bull und Flaschenbier.
Was Hitlers Soldaten einst dachten und fühlten, bevor Krieg und Gefangenschaft sie dahinrafften, ist in Bündeln vergilbter Feldpostbriefe nachzulesen. Was die - teils gleichaltrigen - Stalingrad-Zocker von heute bewegt, verraten Message Boards und Homepages, Gästebücher und Chats im Web.
Winter 1942/43. Der Soldat Michel berichtet in unbeholfenen Sätzen über den erbitterten Häuserkampf in der Ruinenstadt Stalingrad: "Es ist ganz furchtbar, wenn man sieht, was hier alles zerstört wurde. Wenn man die Trümmer der zerstörten Häuser sieht, die meisten sind ja verbrannt, aber in den bloß zerstörten habe ich Furchtbares gesehen."
Winter 2002/03. Einer namens "Charlesmagne" (Leitspruch: "Nur die Harten kommen in den Garten") erkundigt sich im Web, "wie zum Teufel" man es beim Computerspiel "Combat Mission" hinbekomme, "dass die Truppen in der Kanalisation kämpfen". Ein Gleichgesinnter, "Königstiger", würde bei "Sudden strike" gerne "kleine Kampfgeräusche" hören, wann immer er "jemanden in ein feindlich besetztes Haus reinschickt".
"Die schnelle Schlacht zwischendurch"
Winter 1942/43. Während feindlicher Dauerbeschuss, mörderischer Häuserkampf und 40 Minusgrade seine Kameraden dahinraffen, schreibt der Stabsunteroffizier Kaufmann aus Stalingrad nach Hause: "Den Zustand, unbelastet froh zu sein, den kenne ich schon seit langem nicht mehr."
Winter 2002/03. Hobbykrieger "Grenadier" frohlockt über neue "3-D-Wettereffekte" - endlich schneit's weiße Flocken auf dem Monitor bei "Panzer General / Unternehmen Barbarossa" - mit dem Freudenruf: "Leise rieselt der Schnee". Auch der verbesserte Sound begeistert ihn: "Infanteristen beantworten den Artilleriebeschuss mit einem grimmigen 'Arrggghh!'" Eine neue Spielfunktion ("Automatische Aufstellung") begrüßt er als "nette Erleichterung", ideal "für die schnelle Schlacht zwischendurch".
Winter 1942/43. Im Angesicht des nahen Todes nimmt der Gefreite Anton Rieser in einem Brief aus Stalingrad Abschied von seiner Familie: "Wie lange wir uns hier noch halten können, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass es bis zum Eintreffen von Hilfe sein wird."
Winter 2002/03. Im Web erörtern Spielkrieger Programmierfehler, ein "Blender" aus Wiehl in Nordrhein-Westfalen kritisiert das Spiel "Frontline Attack": "Die Infanterie bewegt sich, als ob sie in anderen Umständen wäre." Ein anderer beklagt Mängel in "Sudden Strike": "Die Bedienmannschaft kratzt ohne Feindeinwirkung ab. Frage: WARUM???"
Winter 1942/43. Während die russische Panzerübermacht die deutschen Stellungen überrollt, schickt der Gefreite Müller seinem "geliebten Putzerl" die "innigsten Grüße von der Front": "Ich schreibe im Finstern, und es geht sehr schlecht... Furchtbar ist der Krieg. Manchmal denke ich: Wenn doch die Welt untergehen wollte."
Winter 2002/03. Unter der Betreffzeile "Infanterie *kotz*" ist im Internet zu lesen, warum ein "Käpt'n Rotbart" meint, Kämpfe "Infanterie gegen Infanterie" seien "das Ödeste überhaupt": "Die brauchen ewig um sich zu killen und so, ey... Es kommt halt kein Spielspaß auf." Deshalb programmiere er sich selber häufig mal "ein Quickie-Battle - höhöhöh - und da spiele ich nur mit Panzern".
Mini-Landser schreien: "Tötet sie!"
Sechs Jahrzehnte nach der Schlacht von Stalingrad, die auf beiden Seiten der Front mindestens 700 000 Tote forderte, ist in Deutschland - kaum bemerkt von der Erwachsenenwelt - eine Subkultur von War-Gamern entstanden, die im Zweiten Weltkrieg vor allem eine Kulisse für fetzige Computersimulationen sehen.
Die Spiele, auf CD-Rom gekauft oder raubkopiert, wecken schon wegen ihrer "hyperrealistischen historischen Panzersimulationen" (so die Werbung) Begeisterung. Außerdem können die Mini-Landser auf dem Monitor, wenn man sie anklickt, mit gutturaler Stimme "Tötet sie!" schreien, Geschosse aus Stalinorgeln zeichnen feurige Leuchtspuren auf den Monitor, Artilleriemunition hinterlässt klaffende Krater - und immer wieder Leichenberge.
Das Stalingrad-Spiel "Sudden Strike", der "Blockbuster des Jahrtausends unter den Echtzeit-Strategie-Spielen", wie der Karlsruher Anbieter CDV trommelt, führe mitten in ein "realistisches Kampfgeschehen, das selbst altgediente Taktik-Kampfschweine verblüfft". Das Spiel, schwärmen Fans im Web, sei "fett der Bringer des Jahrhunderts!!!", "einfach coooooll". Einer namens "Z-Force" ist ganz verzückt: "Ich bin sowas von süchtig, dass ich Tag und Nacht nur vorstoßen möchte."
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