Von Jochen Bölsche
Kaum ein Fachmann macht sich die ebenso simple wie populäre These zu eigen, Kriegs- und andere Killerspiele allein könnten Amoktaten wie in Erfurt auslösen. Und sicherlich sind die zum Teil hochkomplizierten Strategiespiele auch kein Zeitvertreib für Dorfdeppen - was, kurios genug, deutlich wird, wenn ausgerechnet einer, der sich den Namen "Napoleon" zugelegt hat, im Internet nach "etwas einfacheren" Kriegsspielen "für Otto Normalstrategen" verlangt.
Das häufig gehegte Vorurteil, die Szene sei nichts als ein Tummelplatz für Neonazis, die im Nachhinein den Krieg gewinnen wollten, scheint ebenso verfehlt. Die Gamer können wählen, ob sie den russischen, angloamerikanischen oder deutschen Part übernehmen. Mit Sudden Strike zumindest, entwickelt von einem Moskauer Team, hätten NS-Nostalgiker nicht die geringste Aussicht auf den Endsieg. Das Spiel sei so konstruiert, verteidigten sich Firmenvertreter im Indizierungsverfahren, dass Hitlers Wehrmacht unmöglich den Krieg gewinnen könne.
Skeptisch beurteilen Experten andererseits das Selbstzeugnis der Szene, die elektronische Simulation etwa der Stalingrad-Schlacht sei ein Sport wie jeder andere, genauer gesagt "E-Sport", und der kriegerische Hintergrund ebenso zweitrangig wie beim "Schiffeversenken" der Eltern- und der Großeltern-Generation, die schließlich auch, mit Bleistift und auf kariertem Papier, serienweise Panzerkreuzer und U-Boote bombardiert und torpediert hätten.
"Schützenvereine des 21. Jahrhunderts"
Sind Sudden-Strike-Clans und ähnliche Truppen wirklich nichts weiter als "Schützenvereine des 21. Jahrhunderts", wie die "Wirtschaftswoche" einmal urteilte? Ganz so einfach sei das nicht, gibt die Kölner Diplom-Sozialpädagogin Tanja Witting zu bedenken, die voriges Jahr eine groß angelegte Studie über "Inhalte von Computerspielen" leitete.
Dass Sudden Strike nicht indiziert worden ist, hat die Wissenschaftlerin "persönlich überrascht": Wegen der "engen Anlehnung an die reale Welt" sei gerade diese Kriegssimulation für Minderjährige, die historisch unbedarft sind, "wesentlich gefährdender" als andere, stärker abstrahierende Spiele.
Nicht auszuschließen sei auch, dass sich die "Faszination für das Spiel" bei manch einem zur "Faszination für den Krieg" auswachse. Unverkennbar scheint dieser Trend bei manchen Hardcore-Spielern, die sich im Internet über NS-Orden und -Ehrenzeichen informieren und sich über Tipps und Tricks, neue Module ("Mods") und neue Schauplätze ("Maps") für ihre Metzeleien austauschen.
Da schlägt beispielsweise eine "Panzergruppe Kleist" den Spielprogrammierern vor, bei der nächsten Version eine neue Option für den Häuserkampf einzufügen: "Es ist auf deutsch gesagt einfach scheiße, dass die eigene Infanterie ihre Magazine auf ein Haus leer ballert, ohne dass die Gegner im Haus Schaden nehmen." Oder da kritisiert "Viper", das Maschinengewehr auf dem Panzer tauge nichts: "Hab das Gefühl, die Infanteristen, wenn sie auf den Panzer zulaufen, tun sich leichter, meinen Panzer zu knacken, als ich, sie mit dem MG umzumähen."
Daraufhin empfiehlt "Brummbär": "Also wenn die Infanteristen auf dich zulaufen, dann fahr sie doch einfach über den Haufen, Viper... Man muss zwar ein bisschen Anlauf nehmen, aber dann kann man locker einen ganzen Haufen von Soldaten überfahren!" Da muss der Kamerad "Krupp" höllisch lachen - er tippt "LOL", das Chatter-Kürzel für "lots of laughter", und wiehert: "Mit Anlauf, muaahhh, goil!"
"Das Mitgefühl wird ausgespart"
Die infantilen Infanterie-Sprüche scheinen die Einschätzung von "jugendschutz.net", der gemeinsamen Fachstelle der Bundesländer, zu bestätigen, dass solche Computerspiele "keine Lernfelder für prosoziale Einstellungen" sind: "Emanzipatorische Inhalte, das Leiden der Opfer, das Mitgefühl für andere, all das wird im Computerspiel ausgespart."
Verstärkt, so die Jugendschützer, werde diese Tendenz noch, wenn die Spieleindustrie ihre Produkte gezielt über "kalkulierte Tabubrüche" vermarkte - etwa wenn sie das Spiel "Kingpin" mit einer Anzeige bewirbt, die Leichensäcke aus dem Kosovo zeigt, versehen mit dem Kommentar: "Daran kann man sich gewöhnen." Oder wenn, wie bei "World-War3", mit Kriegsgefahren kokettiert werde: "Der 3. Weltkrieg beginnt ... am 21. September auf deinem PC."
Apropos nächster Weltkrieg: Die Spielehersteller haben längst begonnen, sich zeitgemäßen Schlachtfeldern zuzuwenden. Statt der weiten zum Steppen Russlands erscheinen immer häufiger die Wüsten des Mittleren Ostens auf den Monitoren, zum Beispiel bei "WWW III Black Gold", wo der Irak Schauplatz einer Schlacht ums Schwarze Gold wird.
Oder beim "Conflict Desert Storm": An diesem "Action-Spiel mit Sofort-Spaß-haben-Garantie" rühmen Amazon-Rezensenten die naturgetreuen "Fußabdrücke im Sand" und raffinierte Animationen - bis hin zum "aufgewirbelten Staub beim Robben".
In anderer Hinsicht aber, klagt ein Kritiker, lasse die versprochene "Realitätsnähe" jedoch sehr zu wünschen übrig: "Fünf Kopfschüsse und ich lebe immer noch - lieber nicht!"
Lesen Sie ab 28. Januar 2003:
STALINGRAD DIGITAL (II): Selbst die Hufe wurden ausgekocht
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