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29.01.2003
 

Schicksal Stalingrad

"Sie haben Jahrzehnte geschwiegen"

Von Jochen Bölsche

Zum 60. Jahrestag der deutschen Niederlage in Stalingrad schildern die Medien aufs Neue die Leiden von Hitlers Landsern. Das Schicksal der Mütter und Kinder in der zerbombten Stadt an der Wolga dagegen ist kaum je ein Thema. Jetzt haben fünfzig Überlebende erstmals ihre Kindheitserinnerungen an das grausige Los der russischen Zivilbevölkerung veröffentlicht - mit Hilfe einer Deutschen.

Mit ihren weißen Häusern und ihren üppigen Gärten, in denen Wein und Oleander und Nussbäume wuchsen, war die Stadt an der Wolga eine der schönsten im ganzen Land. Und die Lehrerstochter Wera Dmitrijewna Scholobowa, ein hübsches Mädchen mit blonden Zöpfen, führte ein "glückliches und friedliches Leben" - bis zu jenem Schreckenssonntag im August 1942, als der deutsche Luftwaffengeneral Wolfram von Richthofen 1600 Angriffe auf Stalingrad fliegen ließ und die blühende Stadt mit tausend Tonnen Bomben in ein apokalyptisches Ruinenfeld verwandelte.

Schädelfund: Noch heute werden rund um Stalingrad grausige Zeugnisse der Schlacht gefunden, sei es von Russen oder Deutschen
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Schädelfund: Noch heute werden rund um Stalingrad grausige Zeugnisse der Schlacht gefunden, sei es von Russen oder Deutschen

Greise, Frauen, Kinder - insgesamt 40.000 Menschen starben unter der Bombardierung durch 1200 Flugzeuge vom Typ Junkers-88 und Heinkel-111. Von der 22-köpfigen Großfamilie, in der die kleine Wera ihre Kindheit verbracht hatte, überlebten nur sieben Personen das Inferno.

Am Tag, als die Deutschen kamen, war das Mädchen 14 Jahre alt. Sechzig Jahre danach ist das Grauen noch immer gegenwärtig: "Meiner Tante wurde der Kopf von einem Geschoss abgerissen und auf einen Haken geschleudert, dort verhakte er sich mit seinen prachtvollen Haaren; so schaukelte der Kopf und blickte mit toten blauen Augen auf die verkohlte Leiche ihrer Tochter Tanja."

"Die siebenjährige Milotschka verblutete und starb in den Armen ihrer verwundeten Mutter", erinnert sich die Rentnerin: "Meine kleine Freundin Tanja Popowa verbrannte im Haus zusammen mit ihrem Brüderchen und der Großmutter, und ihre Mutter verlor den Verstand ob dieser Erschütterungen. Der 15-jährige Cousin war ein halbes Jahr im Konzentrationslager. Was soll ich da aufzählen? Das Papier reicht dafür nicht aus."

Stalingrad - Deutsche gemahnt dieses Wort vor allem an das Schicksal ihrer von Hitler im Stich gelassenen Sechsten Armee. Russen wiederum rühmen die Heldentaten der Roten Armee bei der Wiedereroberung der schon verloren geglaubten Stadt. So oder so: Taten und Untaten der Soldaten beiderseits der Front waren und sind Thema Dutzender von TV-Serien, Filmen und Büchern - und müssen neuerdings sogar die Kulisse für makabre Computerspiele hergeben.

Einen weißen Fleck im Bewusstsein der meisten Deutschen bilden hingegen noch immer die Leiden der Zivilbevölkerung in der Hölle von Stalingrad. Kaum jemand weiß etwas über das Schicksal jener Kinder, die im Bombenhagel ihre Familie verloren, oder über die Halbwüchsigen, die in Viehwaggons nach Deutschland deportiert wurden, wo sie in Häftlingskluft mit der Aufschrift "OST" hinter Stacheldrahtverhauen für Hitlers Rüstungsindustrie arbeiten mussten.

Viele der Opfer von einst sehen sich - ähnlich wie ausgebombte Deutsche - bis auf den heutigen Tag außer Stande, das unsägliche Grauen der Jahre 1942/43 in Worte zu fassen. Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter plagte nach ihrer Heimkehr nach Russland Angst vor Diskriminierung: Nach der absurden Logik der Stalinisten standen alle, die lebendig in Feindeshand geraten waren, unter Kollaborationsverdacht; die "OST"-Arbeiter galten als Volksverräter, durften nicht studieren und mussten mit Hungerlöhnen auskommen; heute beziehen sie folglich Hungerrenten.

"Niemand wollte von ihren Erlebnissen hören"

Erst jetzt, im Alter, haben einige jener Frauen und Männer, die als Kinder die Schrecken von Stalingrad erlebt haben, ihr Schweigen gebrochen. Dass sie sich dazu entschlossen haben, ist einer Deutschen zu verdanken: der Kölnerin Frauke Eickhoff, Jahrgang 1940, vom Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft zwischen Köln und Wolgograd. (Wolgograd heißt das auf Blut und Knochen hastig wieder aufgebaute einstige Stalingrad seit der Entstalinisierung Russlands in den sechziger Jahren.)

Im Auftrag ihres kirchennahen Kölner Vereins, der auch Schülerreisen und Spendenaktionen für die Wolgastadt organisiert, schrieb Eickhoff russische Zeitzeugen an und bat sie, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Mit Erfolg: Nicht nur Wera Dmitrijewna Scholobowa richtete einen langen Brief an die "entfernte und mir unbekannte Zeitgenossin aus Deutschland", rund fünfzig weitere Wolgograder Rentnerinnen und Rentner taten es ihr gleich.

Vorige Woche war es so weit: Im Restaurant des Hotels "Wolgograd" präsentierte die Kölnerin vor 200 Gästen die russische und die deutsche Ausgabe eines Buches, in dem sorgsam dokumentiert ist, wie sich die einstigen Kinder von Stalingrad 60 Jahre danach an das Kriegsgeschehen erinnern.

Einige der Autorinnen und Autoren sind schon gestorben, andere bettlägerig. Die Überlebenden aber lauschten gebannt der Übersetzerin, als Eickhoff die Neuerscheinung vorstellte.

Der Kölner Vereinsvorsitzende und Jugendpfarrer Werner Völker hat einen Text über die verdrängten Leiden der russischen Zivilbevölkerung beigesteuert: "Sie haben jahre- und jahrzehntelang geschwiegen, denn niemand wollte von ihren Erlebnissen hören - sie passten nicht in die offizielle Historiographie. Um so mehr sollten sie heute Gehör finden!" Tränen flossen, das Lokalfernsehen filmte.

Da kam sie wieder hoch, die Erinnerung an den 23. August 1942, als die deutschen Bomben auch die petrochemischen Anlagen am Ufer des russischen Schicksalsflusses zerstörten: "Das Öl fing Feuer," erinnert sich Lidija Wassiljewna, und "die Wolga brannte... Mama packte mich... Rundherum Stöhnen, Hilferufe, Explosionen und das Heulen der Flugzeuge... Das Ufer war das Ufer des Todes. Die einen klammerten sich an Booten fest, die anderen an Brettern."

Dem Bericht von Lidija Wassiljewna verdankt das Buch aus Köln seinen Titel: "...und die Wolga brannte".

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