Von Frank Patalong
Der US-Schauspieler Sean Penn wird seinem alten Image als Hollywoods böser Bube zurzeit auf ungewohnte Weise gerecht. Kaum ein amerikanischer Mime hat sich deutlicher gegen die Irak-Politik von US-Präsident George Bush ausgesprochen, als der als so genialisch wie aufmüpfig geltende Penn. Politisch korrekt ist das gerade in Amerikas Traumfabrik, die sich nach den Terroranschlägen vom 11. September selbst auf einen unreflektierten Hurra-Patriotismus eingeschworen hat, nicht. Für Penn hat das weitreichende Konsequenzen.
Im Laufe dieser Woche machte eine Schlammschlacht zwischen ihm und dem Produzenten Steve Bing weltweit Schlagzeilen, die letztlich wohl vor Gericht ausgetragen werden wird. Bing, sagt Penn, habe ihn aus einem laufenden Filmprojekt gefeuert. Die Begründung: Penns angeblich unpatriotische Ansichten zur amerikanischen Politik. Jetzt verklagt er Penn zudem auf zehn Millionen Dollar Schadenersatz, weil mit dem Hauptdarsteller auch das ganze Projekt geplatzt sei, in das er, Bing, schon etliche Millionen investiert habe. Schadenersatz für die Äußerung einer politischen Meinung?
Am Freitag wurde bekannt, dass Sean Penn nun ebenfalls Klage eingereicht hat. Ihn, ließ er verlauten, erinnere der ganze Vorgang an die Zeit der schwarzen Listen: Von 1950 bis 1954 leitete der bis dahin völlig unbekannte, seitdem notorische US-Senator Joseph McCarthy eine Hexenjagd auf angebliche Kommunisten in der US-Gesellschaft, die auf den Korridoren von Behörden begann und mit Berufsverboten gegen vermeintliche
Umstürzler wie Charly Chaplin längst nicht endete. Wer arbeiten wollte, hielt die Klappe: Das lief effektiv auf ein Denk- und Meinungsverbot hinaus. Der Vergleich hinkt also so sehr nicht.Tatsächlich schweigen sich auch die US-Medien gern darüber aus, dass breite Schichten der Bevölkerung mit George Bushs Kriegsplänen alles andere als einverstanden sind. Noch wirkt der durch die furchtbaren Terroranschläge auf WTC und Washington induzierte Schulterschluss. Nur wenige outen sich mit ihren der politischen Opportunität entgegen gesetzten Meinungen so mutig wie Sean Penn: Selbst im amerikanischen Teil des Internet äußert sich Opposition eher anonym und in anarchisch-satirischem Gewand, als in konkreten politischen Aktionen oder Forderungen.
Besonders in Deutschland ist das völlig anders
Ein Blick ins deutschsprachige Web erweckt den Eindruck, als hätte der lange Winterschlaf der Friedensbewegung nach 1982 nie stattgefunden. Die Zahl der dezidiert auf und gegen den drohenden Irak-Krieg Stellung beziehenden Domains steigt rasant, und längst geht der politische Protest über Online-Abstimmungen und Petitionen hinaus. Der Protest, die öffentlich gezeigte Opposition, findet ihren Weg vom "Datenhighway" auf die Straße. Das Web bewährt sich dabei als Informations- und Kommunikationsmedium - Webseiten statt Flugblätter.
Jahrelang bedienten sich vornehmlich die an den extremen Enden des politischen Spektrums Aktiven des vielfach noch immer so genannten "neuen Mediums". Steinwurfbereite Globalisierungsgegner, das war bekannt, nutzten das Web mit fast so großer Effizienz wie glatzköpfig-faschistoide Dumpfbacken für die Organisation ihrer mitunter verbotenen Märsche. Inzwischen hat sich der so lange verpönte politische Protest zu einer "Bewegung von unten" ausgewachsen, die so flächendeckend ist, dass selbst die Kirchen wieder wortführend mit dabei sind. End-Dreißiger und ältere beginnen gerührt, nach den in den Tiefen ihrer verdrängten Erinnerungen vergrabenen lila Tüchern zu graben.
Denn es wird wieder unterzeichnet, verschickt, marschiert, protestiert und im Protest gesessen.
Schon am Samstag wird Deutschland wohl mehr Lichterketten erleben, als in all den Jahren seit dem Fall der Mauer. Friedensinitiativen in aller Welt, über das Web in bisher nicht denkbarer Dichte vernetzt, haben den 15. Februar zum internationalen Aktionstag gegen den Irak-Krieg gekürt.
In Deutschland ist es maßgeblich das "Netzwerk Friedenskooperative", das hier organisatorisch wirkt. Eine ganze Reihe Domains unterhält die Nachfolgeorganisation des Koordinationsausschusses Friedensbewegung selbst, in vielen anderen steckt sie, wie Christian Golla von der Initiative sagt, "irgendwie mit drin". Golla: "Die Friedensbewegung funktioniert anders als feste Organisationen. Wenn die Menschen sich betroffen fühlen, dann engagieren sie sich. Im Augenblick fühlen sie sich betroffen."
Eine Vergleichsgröße hat er auch parat: Das sei ein wenig wie "Anfang der Achtziger Jahre".
Damals marschierten in Deutschland Millionen. Auf den Ostermärschen im Ruhrgebiet kamen Hunderttausend zusammen, die oftmals gleich drei Tage lang durch die Region zogen, über Nacht in Sporthallen oder bei bewegten Bürgern unterkamen. Bonn wuchs sich binnen drei Jahren zum Demonstrationszentrum aus, das 1981 mit den Star-Gästen Winnie Mandela, Willy Brandt und Heinrich Böll sein politisches Mega-Woodstock feiern konnte. Bald danach kam mit Kohl die "geistig-moralische Wende" - und damit eine Zeit, in der das Engagement im Dienste eines höheren Zweckes verdächtig, gar lächerlich wurde. Der Zeitgeist verwehte die Friedensbewegung, der es nur noch gelang, in Krisenzeiten wie zum Kosovo-Konflikt kurzzeitig den Kopf zu heben.
Jetzt trägt sie ihn wieder hoch, schöpft Kraft aus einem sich - so Golla - "exponential steigernden" Willen zum gesellschaftlich-politischen Engagement. Das Web wird dabei zum idealen Kommunikations- und Info-Medium einer neuen Zeit: Zwar erreichte auch schon die Alternativ-Zeitungs-Szene vor zwanzig Jahren große Zielgruppen, doch das Web erreicht potenziell alle. Für die Friedensbewegung entsteht so die Chance, an den normalen Kommunikationskanälen der Medien vorbei selbst auch zu berichten: "Viele Menschen", sagt Golla, "fragen einfach: Wo und wann findet denn diese Demo statt? Im 'General-Anzeiger' steht wieder nichts, das Radio berichtet nicht - und wir haben mit einemmal ein exklusives Kommunikationsmedium, mit dem wir Menschen erreichen können".
Wohl wahr, und wirklich bündeln die Friedensbewegten die maßgeblichen Informationen besser als jeder andere "Content-Provider". Nur, weil die Szene halt frei und weniger strikt organisiert ist als etwa Parteien oder Gewerkschaften, fehlt selbst den Demonstrations-Koordinatoren der volle Überblick über das Maß des Engagements. Golla: "Ich schätze, wir erfassen zurzeit etwa zwei Drittel der Demonstrationen, die in Deutschland laufen".
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