Online-Spiel der anderen Art: "Maitipi Escape"
Wie kommt man auf die Idee, ein online zu spielendes PC-Adventure zu entwickeln, das völlig auf Grafik verzichtet? "Maitipi Escape" ist genau das: ein Spiel, das außer einem schwarzen Bildschirm, einer Geräuschkulisse und einer in der Introphase erzählten Rahmenhandlung nichts bietet. Alexander Hauser von der Berliner Multimediaschmiede Baudhaus nennt das Ding ein "Blindventure" - das Kunstwort besteht aus den Bestandteilen "Blind" und "Adventure".
Die Idee erscheint auf den ersten Blick anachronistisch: Der Trend geht doch seit jeher zu immer schneller, immer bunter, dreidimensionaler, hektischer. Stattdessen sitzt man vor dem PC, lauscht angestrengt, bewegt vorsichtig die Maus. Selbst hartgesottene Gamer, behaupten die Entwickler von Baudhaus, treibe das "den Schweiß auf die Stirn".
Leicht ist die Sache wirklich nicht. "Maitipi Escape" ist ein Spiel, das man sich nicht mal so eben nebenbei im Büro leisten kann: Das verlangt völlige Konzentration, was nur so lange gut aussieht, bis der Chef auf die Idee kommt, dem Spieler mal über die Schulter zu sehen. Dann sieht er, das sich der Angestellte augenscheinlich mit nichts beschäftigt, denn der Bildschirm ist schwarz.
Aber "Maitipi Escape" ist auch kein neues Moorhuhn
Baudhaus erwartet nicht, das sich mit dem Spiel viel Geld verdienen lasse, sagt Hauser. In erster Linie ist das Ding eine Art Showcase, mit dem die Berliner Agentur ihr kreatives Potenzial demonstrieren will. Entstanden, erzählt Hauser, ist es so aber noch nicht einmal: Die Idee entstand vielmehr aus einem Plausch um die Problematik des barrierefreien Internet.
Darunter versteht man Webseiten, die auch für Blinde und Sehbehinderte zugänglich sind - und deren Zahl steigt nicht etwa, sie sinkt. An die Stelle der früher üblichen Html-Seiten sind längst dynamisch generierte Seiten getreten, die sich ihre Inhalte aus Datenbanken holen. Immer komplizierter wird der Seitenaufbau, was Sehende freut, Blinde im Web aber zunehmend isoliert: Sie müssen sich durch die Tags und Steuerbefehle akustisch hindurchsurfen, bis sie Inhalte finden. Spielerische Angebote gibt es so gut wie gar nicht.
"Maitipi Escape" wäre auch für Blinde spielbar, wenn sie es denn finden und wenn ihr Rechner darauf vorbereitet ist, Flash 5-Dateien zu lesen. "PCs von der Stange", meint Hauser, "können das heute".
Blindenverbände haben bereits Interesse angemeldet, die Agentur steht in Verhandlungen über Einsatz und Verwertung des Spielekonzeptes.
Das hat es in sich. Unter Verzicht auf jede Grafik entspinnt Baudhaus ein Alptraum-Szenario: Durch einen Unfall zeitweilig erblindet muss man sich, nur von seinem Gehör geleitet, den Weg durch "mutierte Monster und verrückte Professoren" bahnen. Dabei hilft die Wumme in der Hand: "Maitipi Escape" appelliert an die antrainierten Reflexe einer waffenschwingenden Baller-Spielerschaft - allerdings nur vordergründig. Die rabiate Rahmenhandlung soll die Sache spannend machen, und das gelingt tatsächlich.
Das Ganze hat letztlich einen Lerneffekt, denn nachher ist der Spieler um eine Erfahrung reicher. Christoph Knipping, der kreative Kopf der Agentur: "Der Mensch ist mehr denn je ein Augentier. Mit dem Blindventure brechen wir diese Angewohnheit, sich immer nur auf seine Augen zu verlassen. Maitipi Escape zwingt die Leute, ihren Ohren zu vertrauen. Für die meisten ein völlig neues Erlebnis."
Wenn am Ende der Spieler über Blindheit und den schwierigen Zugang zu digitalen Medien nachdenkt, wären die Macher nicht traurig - und wenn potenzielle Kunden erkennen, wie wenig die Möglichkeiten der Akustik im Web bisher genutzt werden, wohl auch nicht.
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