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Spammer schlagen zurück Wenn die Werber wütend werden

2. Teil: Im nächsten Teil: Schmieren und Abkassieren - auch Serviceprovider verdienen am Spam. Backlash: Spammer verklagen Anti-Spammer. Kleine Racheakte: Spammer machen Spamgegner zu Spammern. Weiter...

Der nahm sich Zeit für seine Antwort, die dem diplomatischen Corps würdig gewesen wäre: "Wir erlauben unseren Mitgliedern, sich (aus Werbe-Adresslisten) austragen zu lassen". Außerdem breche Scelson doch fortwährend die Geschäftsbedingungen.

Für Scelson war an diesem Punkt der Moment erreicht, wo er fuchtig wird: Für ihn sei die derzeitige Aufgeregtheit der Provider bigott. Die Spammer versendeten ihre Mails schließlich über deren Networks, und oft hielten die dafür die Hand auf. Viele Spammer, so Scelson, leisteten einen deutlich erhöhten Obolus, um weiterspammen zu können. In Fällen, in denen der Spammer dann erwischt würde, erlitten Serviceprovider akute Amnesie-Attacken, begleitet von lauter Empörung und dem "Hätte ich das geahnt"-Syndrom.

Im Klartext: Hinter den Kulissen werde geschmiert und abkassiert.

Spam: Vom E-Erfolgsrezept zur Mafia-Methode

Der Vorwurf sitzt, weil es nicht sehr plausibel ist, davon auszugehen, dass irgendjemand 120 Millionen bis 180 Millionen Mails über einen Sereviceprovider verschicken könnte, ohne dass dieser das merkt.

Nur wenige Spammer sind bereit, ihren Standpunkt so öffentlich zu machen wie Scelson. Die meisten werden erst vor Gericht namentlich bekannt - oder weil sie selbst Opfer zunehmend aggressiver Vergeltungsmaßnahmen werden. Legendär sind die Anruf-, Fax-, Post- und E-Mail-Kampagnen gegen die trendsetzenden US-Werber Canter und Siegel, die die Spammerei schon 1995 teuer zu stehen kam.

Am Ende half selbst der Telefonnummerwechsel nichts mehr: Die beiden durften umziehen und in der Folgezeit die Bälle flach halten. Ihr Geld machten die beiden mit arg geschönten Erfahrungsberichten in Buchform, die sie weltweit gefeiert auf Business-Kongressen zum Besten gaben. Die Botschaft: Onlinewerbung sei effektiv und koste so gut wie nichts. Für den Preis von ein paar Briefen könne man Millionen Menschen mit Informationen versorgen.

Alle negativen Reaktionen, die sie selbst ja erlebt hatten, blendeten sie aus: Canter und Siegels Spam-Visionen gehörten zu den Ursprungsmythen des Dotcom-Booms. Vier lange Jahre schwadronierten Marketing-Experten darüber, dass die Billig-Massenwerbung ein Dienst am Kunden sei - einige tun das noch heute: Als ob Spam für legitime Produkte weniger ärgerlich wäre als Werbung für wirkungslose Wachstumspillen.

So wird ausgerechnet die Vision von der wertschöpfenden Mailwerbung zum hartnäckigsten Überlebenden der Dotcom-Hysterie: Mit Werbemüll-Lawinen wird tatsächlich weiter Geld verdient.

Frustrierte Gegner

Der zermürbende Windmühlenkampf gegen die Spam-Gilde hat die Fronten immer weiter verhärten lassen. So sehr, dass eine Gruppe von Spammern vor knapp zehn Tagen vor einem amerikanischen Gericht Klage gegen zwei Anti-Spam-Organisationen einreichte. Spamhaus und Spews betrieben schwarze Listen, die den Massen-Mailern jede Geschäftstätigkeit unmöglich machten.

Vor Gericht ließen sich die Mail-Marketer nur durch Anwälte vertreten, selbst ihre Namen werden nicht genannt - als Spammer haben sie guten Grund, Angst vor physischen Übergriffen zu haben.

Die bahnen sich allerorten an. "Aufknüpfen", "Vierteilen" oder "an die Wand stellen" sind noch zitierfähige Aussagen von Betroffenen, die sie in Foren und in zahllosen Leserbriefen zum Besten geben. Das ist nicht immer nur Dampf ablassen: Der Hass auf die Werbemafia kocht immer höher.

Auch die ist inzwischen empfindlich geworden. Ließ sie früher Beschimpfungskanonaden, Hassmail-Fluten und "Schick-den-Mist-zurück"-Kampagnen einfach abtropfen oder verhinderte sie bereits im Vorfeld durch Nutzung von Falschadressen, werden heute auch Spammer aggressiv auffällig.

Retourkutsche: Kleine Racheakte?

Eine Erfahrung, die Anfang Mai Christian Boris Schmidt, der junge Webmaster der Berliner Web-Community Meinwebworker, machen musste. Erstmals in der Nacht zum 1. Mai brach sein Mailaccount unter einer Flut von rund 25.000 Mails zusammen. Das waren nicht etwa Spam-Zuschriften, sondern vornehmlich "Abpraller" - an Mail-Gateways abgewiesene Spams, angeblich ausgesendet über Schmidts Adresse.

Das allein ist zunächst nichts Außergewöhnliches: Das "Kapern" von Fremdadressen gehört zum Standard-Repertoire von Marketing-Mafiosi. Schmidts Fall ist ungewöhnlich, weil der Vorgang möglicherweise einen Auslöser hatte.

Schmidt gibt auf seiner Website regelmäßig Kommentare über und gegen Spamming ab. Mit einem Artikel im April könnte er jemandem auf die Füße getreten sein: Lakonisch strafte er ein Unternehmen "mit Sitz in der Dominikanischen Republik" und einem "Server in Russland" ab.

Später schaffte er es sogar, über ICQ in Direktkontakt mit diesem Betreiber zahlreicher Penisverlängerungs-, Dialer- und Live-Pornoseiten zu gelangen. Der entschuldigte sich für sein "schlechtes Deutsch", zeigte sich aber sonst kaum bereit, Fragen zu beantworten. Schließlich brach der Kontakt ab - dafür begann bald darauf die Spamflut in Schmidts Namen, die zunächst einen Tag anhielt und noch mehrere Male wieder aufflammte.

Ein Motiv dafür konnte Schmidt nicht erkennen. Aber so sind sie halt, die Hessen, wenn sie einmal wütend werden - denn es gibt Indizien dafür, dass die russisch-karibische Firma mit Kontakten nach Kanada und Florida ihren Sitz in Wahrheit im Großraum Frankfurt hat. Denn um eine Spam- und E-Betrugsmafia zu finden, muss man weder in Russland, noch in Vanuatu suchen: Die besten Dialer-Programme, mit denen Kriminelle weltweit ihren Kunden das Geld aus der Tasche ziehen, sind "Made in Germany".

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